Ehemalige Gastätten und Läden in den Ortsteilen


Sulzbach

In einem Pressebericht in den Badischen Neuesten Nachrichten vom 14. Juli 2009 anlässlich der Verabschiedung des Sulzbacher Ortsvorstehers Bernd Lehnhardt konnte man u.a. folgende Aussage von ihm lesen:

„Schade für die älteren Menschen sei, dass das Dorf viele kleine Geschäfte verloren habe. Wir hatten sogar einmal eine Tankstelle.“

Sicher hat es auch in Sulzbach schon vor 1900 Möglichkeiten gegeben, notwendige Dinge für den Alltag, besonders Kleinzeug für die Küche einzukaufen. Solches „Zeug“ nannte man bei uns schon immer „Kram“. Bestimmt kommt daher auch der Ausdruck „Kramladen“. Und der Betreiber hieß im Volksmund kurz und bündig oft bloß dä Krämor.

Es braucht uns also nicht zu wundern, dass einer der früheren Läden in Sulzbach von den Leuten auch bei  s’Krämors“ genannt wurde.

Und noch einige allgemeine Bemerkungen.

Normale wichtige Lebensmittel, wie Kartoffeln, Weiß- und Schwarzmehl, Öl, frisches Gemüse in der warmen Jahreszeit, für die kalte Jahreszeit in „Stannen“ eingemachtes Gemüse wie Sauerkraut, Rüben, Bohnen und auch Gurken, um nur einige zu nennen, waren damals in (fast) jedem Haus genug vorhanden. Doch über Möglichkeiten zum Einkauf von so vielen Alltags-Kleinigkeiten, wie z. B. Essig, Salz, Gewürze, Zucker, Paniermehl, Reis, Grieß und Teigwaren, aber auch Schuhnestl, Reißneggl  und derlei sonstiges „Zeug“ konnte uns niemand etwas Konkretes sagen. Sicher hat man solchen Kleikram auch schon früher in unseren Dorfläden, wenn auch nur in bescheidenem Rahmen, einkaufen können. 


Bei s’Beggäs (Bäckerei Lumpp)

So wurde dieses Geschäft im Volksmund allgemein genannt. Wie der Name schon andeutet: Es handelte sich um eine Bäckerei. Der Bäckermeister Vinzenz Lumpp gründete zusammen mit seiner Frau Theresia, geb. Trapp, im Jahre 1907 im Ortszentrum von Sulzbach seinen Betrieb.

Erst 1948, also nach über 40 Jahren, erfolgte die Übergabe an deren Sohn Erwin Lumpp und dessen Ehefrau Theresia, geb. Günter. Die beiden modernisierten dann den Verkaufsladen 1967.

1969 legte dann deren Sohn Alfons die Meisterprüfung im Bäckereihandwerk ab und übernahm dann ab 1. Januar 1976 zusammen mit seiner Ehefrau Maria, geb. Herhalt den Betrieb  von Alfons Eltern. 1982 konnte dann das  75 jährige Betriebsjubiläum  der Bäckerei Lumpp gefeiert werden. Alfons und Maria Lumpp entschlossen sich dann Ende 2006 aus Altersgründen zur Aufgabe des Bäckereibetriebes, da ja kein männlicher Nachfolger vorhanden war. Der Bäckerbetrieb erhielt einige Auszeichnungen.

Gründerehepaar Vincenz und Theresia Lumpp, geb. Trapp                              Eheleute Erwin und Theresie Lumpp, geb. Günter

modernisierte Ladenfront               Hochzeit Alfons Lumpp            Backstube                  Alfons und Maria Lumpp              Preisverleihung 1983 durch
                                                      u.Maria, geb. Herhald                                                                                                     Freih.von Heeremann


Mutter Anna und 3 Kinder ca. 1943 vor dem Laden
Mutter Anna und 3 Kinder ca. 1943 vor dem Laden

Dä Hitscherich-Begg Fast am Anfang der Talstraße, neben der Unteren Mühle, richtete Johannes Hitscherich (1895-1952), ein Sohn des Adlerwirts Karl Hitscherich und dessen Ehefrau Luise, geb. Schindler, im Anwesen seiner Schwiegereltern 1921 eine Bäckerei mit Verkaufsladen ein. Den Laden versorgte meist seine Ehefrau Anna, geborene Heinzmann, lange Zeit auch zusammen mit Tochter Elfriede. Von den vier Kindern Robert, Elfriede, Alfred und Bertram erlernte nur der Jüngste, Bertram, den Beruf des Vaters.

Bertram und Veronika im modernisierten Laden ca. 1960
Bertram und Veronika im modernisierten Laden ca. 1960

Sohn Bertram, inzwischen auch „Bäckermeister" geworden, übernahm vom Vater im Jahre 1955 dann zusammen mit seiner Ehefrau Veronika, geb. Zimmer, die Backstube samt Laden. 

Bertram musste 1986 Backstube samt Laden krankheitshalber aufgeben. Der Verkauf von Backwaren aller Art erfolgt aber immer noch durch die Firma Fritz aus Muggensturm.

Während des Krieges geschah in diesem Hause ein Vorfall, der zwar mit der „Bäckerei" selber nichts zu tun hat, aber in der damaligen Zeit ähnlich sicher oft passiert ist, dass man darüber auch hier, kurz gefasst, berichten sollte. Sohn Alfred, der dies damals selber miterlebte, hat es erzählt:

Bei's Hitscherichs war mal wieder Metzeltag. Amtlich angemeldet war ja nur eine Sau, gemetzelt wurden aber (wie öfters) heimlich zwei! Klein-Marte, der amtliche örtliche Kontrolleur und Fleischbeschauer war informiert. Der junge Bertram wurde auf die Straße hinaus geschickt, um das Kommen vom Marte so früh wie möglich lautstark zu melden, hatte sich aber beim Spielen etwas vergessen. Also kam sein Warnruf auch etwas zu spät. Metzger Anton Kühn und Vater Johann schnappten dann schnell zwei der vier Sauhälften und legten sie in der Eile in Tochter Elfriedes Bett nebenan, gut zugedeckt. Nun konnte Klein-Marte doch kommen. Und er kam - erledigte sein amtliches Geschäft - und ging wieder, ohne etwas bemerkt zu haben! Oder doch? Alle waren beruhigt, und das Metzeln ging (fast) normal weiter

Lange Zeit später, nach dem Krieg, erzählte Klein-Marte in einer fröhlichen Männerrunde, Alfred war auch dabei, spitzbübisch folgendes: „ Also ich häbb domols unnorm Krieg jo viel erlebt. Awwor dass oi Sou zwai Schwänzle hat, des häwwe bloß oimol erlebt, beim Hitscherich-Beck, gell, Alfred!?  


Kolonialwaren Krämer

s'Krämers neuer Laden
s'Krämers neuer Laden

Bei s’Krämors in Sulzbach. Das zweitälteste Geschäft, wurde 1910 vom früheren Ratschreiber Isidor Gingelmaier als Kolonialwarenladen  in der damaligen Hauptstraße  eröffnet.

Sein Sohn Zyriak baute  dann 1961 das Geschäft zu einem modernen Selbstbedienungsladen um. Nachdem Zyriak 1978 starb, führte sein Sohn Isidor das Geschäft als EDEKA-Laden bis zu seinem Tod 1991 weiter. Da er als Junggeselle starb,  gab es auch keinen Nachfolger

 

 

 


Lebensmittel Lumpp

Edmund Lumpp
Edmund Lumpp

Bei  s’Edmundä  in Sulzbach

Middl im Dorf, fast  wie auf einer Insel, ganz nah  beim alten Kirchlein, dem Rathaus und dem Schulhaus, eröffnete Edmund Lumpp 1924 seinen Laden. Heute noch kann man am Haus den früheren Ladeneingang erkennen. 

Neben den üblichen Lebensmittelzutaten, wie Essig, Oel, Salz und

Luise Lumpp, geb. Reuter
Luise Lumpp, geb. Reuter

Otto Lumpp und Ehefrau Lina, geb. Ecker
Otto Lumpp und Ehefrau Lina, geb. Ecker

dergleichen, bot Edmund Lumpp seiner Kundschaft alles mögliche Kleinzeug für den Haushalt an, ganz besonders aber auch für Stall und Scheuer und landwirtschaftliche Geräte. Als Betreiber einer Schmiede wusste er doch, womit man den vielen Kleinlandwirten in Sulzbach ständig helfen konnte.

 In zwei Ehen wurden der Familie sieben Kinder geschenkt, wovon der Zweitälteste, Otto, später, nach 1945, den Laden dann noch weiter führte. Das Geschäft wurde 1969 geschlossen.


Lebensmittel Adam

Emil Adam
Emil Adam

Bei s’Adam’s  in Sulzbach

Der Inhaber des Ladens war Emil Adam, ein Nachkomme aus dem alten Sulzbacher Geschlecht der Adams. Emil war in erster Ehe mit der aus Malsch stammenden Franziska Adam, geb. Krämer, (aus der Familie der Basses) verheiratet.Da bei der Geburt des elften Kindes Mutter und Kind starben, ging Emil eine zweite Ehe mit Frieda Schell aus Jöhlingen ein.

Franziska Adam, geb. Krämer
Franziska Adam, geb. Krämer

Emil Adam und zweiter Ehefrau Frieda, geb. Schell
Emil Adam und zweiter Ehefrau Frieda, geb. Schell

Als ungelernter Fabrikarbeiter trieb Emil nebenbei schon immer gern Handel mit allerlei Zeug. Da seiner zweiten Frau der Umgang mit Waren, vor allem aus dem Lebensmittelbereich, im Blut lag, kann man verstehen, dass die beiden beim Umbau des Hauses gleich einen Lebensmittelladen einplanten. Und so geschah es dann auch, dass 1953 in der Kelterstraße  ein neues Geschäft eröffnet wurde, im Volksmund immer „bei s’Adams“ genannt.

 Beliefert wurde der Laden überwiegend von der Firmengruppe „Centra“, weshalb dieser auch bald den Namen Centra erhielt.

 Frieda bediente überwiegend im Laden die Kundschaft, während Emil nebenbei immer noch gern Handel mit besonderem Kleinzeug betrieb. Es war ein gut gehendes Geschäft, insbesondere mit Lebensmitteln und Getränken aller Art. zweiter


Tankstelle Erich Wildemann

In Sulzbach gab es seit 1954 eine Tankstelle, die des Erich Wildemann und seiner Frau Anni. Erich war ein Sohn des Karl Wildemann, in Malsch allseits bekannt unter dem Namen „Schnitzmann“, warum, konnten wir auch noch erfahren. Er war ein naturverbundener Mensch und ging gerne mit Hunden um. So sammelte er oft, wie sein Vater schon, auch Fallobst auf, um es dann zu trocknen und als Dörrobst weiter zu verwenden. Seine Kittel- wie auch Hosentaschen waren damals immer voll mit getrockneten Obstsschnitzen, die er immer großzügig austeilte. Deshalb erhielt er ja, nicht nur von Kindern, den liebevollen Übernamen. Erich (1921–1983) war nach dem Krieg zunächst bei der Fa. Eckerle beschäftigt, bevor er sich 1954 in Sulzbach selbständig machte. Angefangen hat dies alles als Reparaturwerkstatt für Motorräder. Das dazu erforderliche Gelände kam aus der Familie seiner Frau Anna, geb. Lumpp. Hierzu musste im großen Garten ein darauf befindlicher Hühnerstall weichen.

Jahre später hat Erich Wildemann dann auch noch das Nachbarhaus des Emil Adam dazugekauft und umgebaut, so wie es heute noch steht.

Werkstatt wie auch Tankstelle florierten gut, wie man an den zufriedenen Gesichtern von Erich und seiner Frau Anni erkennen kann. Werkstatt und Tankstelle wurden damals von vielen Malschern, vor allem von früheren Arbeitskollegen der Fa. Eckerle, gern in Anspruch genommen.

 Nachdem Erich Wildemann im Industriegebiet von Malsch noch einen modernen Kfz-Betrieb aufgebaut hatte, wurde etwa 1980 altershalber der Gesamtbetrieb seinem Sohn Manfred übergeben. Dieser führte die Sulzbacher Werkstatt mit Tankstelle bis 1985 weiter. Der Betrieb in Malsch existiert noch.


Gasthaus Zur Krone

Das Gasthaus Krone, ehemals in der Ortsmitte gelegen, gibt es seit 1969 auch nicht mehr. Gott sei Dank aber gibt es noch zwei lebende Zeitzeugen, die uns aus der „letzten“ Zeit  dieses allseits beliebten Lokales noch einiges erzählen konnten, Frau Erna Stark, geb. Weschenmoser, und Frau Liesel Weschenmoser, ihre Schwägerin, die heute am Bodensee in Neufrach bei Salem lebt.

 Aus der Ortsgeschichte  „Sulzbach – Ein Dorf im Wandel der Zeit“ :

 Wie lange schon die „Krone“ als Wirtschaft existierte, konnten wir nicht mehr feststellen. Über die früheren Betreiber wissen wir auch nichts Näheres. Mit Sicherheit aber wissen wir, dass ein vermutlich auf der Gesellenwanderschaft in Sulzbach hängen gebliebener Metzger namens Bernhard Weschenmoser 1910 die Albertine Lumpp geheiratet hat. Die beiden kauften dann bereits ein Jahr später das arg heruntergekommene Anwesen in der Bergstraße, die „Krone“. 

Aber erst nach gründlicher Sanierung betrieben die beiden dann wieder das Haus als Wirtschaft und machten daraus nach und nach einen aus Sulzbach bald nicht mehr wegzudenkenden gesellschaftlichen und kulturellen Mittelpunkt. Insbesondere nachdem die Wirtsleute in den dreißiger Jahren einen für die damaligen Verhältnisse großen Festsaal anbauen ließen, fanden hier regelmäßig Tanz- und Festveranstaltungen, Theateraufführungen, Fastnachtssitzungen, aber auch regelmäßige Proben der Musikkapelle und zeitweise Singstunden des Kirchenchores statt. Und der Fußballverein  trainierte hier im Winter seine Mannschaften.

 Positiv für die Bevölkerung wirkte sich auch aus, dass der Wirt im Haus bald eine Metzgerei, eine sogenannte „Metzl“ einrichtete.

1951 übergaben die Alten dann die Wirtschaft samt Metzgerei den Jungen, also ihrem Sohn Edmund (auch Metzger) und dessen Ehefrau Liesel. 

Das war damals ein reibungsloser, harmonischer Übergang. Und alles lief gut, bis, ja bis auch diese beiden die Wirtschaft 1969 aufgaben und das gesamte Anwesen verkauften, warum auch immer. Danach zogen Edmund und Liesel in deren Heimat an den Bodensee, um dort den Lebensabend zu verbringen, wobei Edmund noch eine ganze Zeit lang seinen Metzgereiberuf weiter ausüben konnte. Für die Menschen in Sulzbach war dies damals aber schon deshalb nicht so schlimm, weil bald danach die neue Kirche mit ihrem großen Raum im Untergeschoss und später auch noch die Freihofhalle errichtet wurden.


Waldprechtsweier

Das Haus heute, in der Freiolsheimer Straße
Das Haus heute, in der Freiolsheimer Straße

Dä Kurvä-Begg in Waldprechtsweiter

Schon wieder ein ganz eigenartiger Sondername, aber leicht zu erklären:

Das Haus lag (und liegt heute noch, wenn auch nicht mehr als Bäckerladen) direkt an der Kurve der Straße nach Freiolsheim hinauf. Und daher auch dieser besondere Name. Wenn eine Mutter zum Kind sagte: „Geh nuff zum Kurväbegg ", dann wusste man gleich, zu welchem Bäcker man gehen sollte! Die Menschen in Waldprechtsweier sagten damals aber meistens „zum owworä_ Begg". Denn es gab damals im Dorf ja z w e i Bäckereien, obwohl in vielen Familien Brot für den täglichen Bedarf fast immer „daheim" gebacken wurde.)

Nachdem der junge Bäcker Lorenz Wipfler (1873 - 1955) von der damals oft üblichen „Walz" der Gesellen und dann auch nach bestandener Meisterprüfung wieder in der Heimat angekommen war, eröffnete er noch vor 1900 zusammen mit seiner Frau Karoline, geb. Bechler (1875 - 1963) einen Bäckerladen mit Backstube. Mit fünf Kindern waren die beiden auch bald eine große Familie.

Das Geschäft florierte, aber nur, weil die Familie auch in schwierigen Zeiten bis ins hohe Alter der beiden zusammenhielt, und nicht nur im Laden und in der Backstube, sondern auch in der großen Landwirtschaft mit den Tieren im Stall! So arbeitete Enkelin Elsa, eine Tochter vum Neggorschwarz in Malsch, auch noch nach ihrem so genannten „Pflichtjahr" über lange Zeit bei den Großeltern gerne mit.

Doch auch Tochter Rosa musste schon früh nicht nur in der Landwirtschaft, sondern auch im Laden und in der Backstube mithelfen, ganz besonders nach Vaters plötzlichem Tod 1955. Denn er stürzte damals so unglücklich vom Schöpfel, als er spezielles Holz für den Backofen herunterholen wollte. Also musste Rosa halt wieder einspringen, auch wenn sie keine „Bäckerin" war! Dabei half ihr auch Tochter Reinhilde tatkräftig mit aus, vor allem im Laden. 

Erst als Rosas Sohn Albert Kühn, ein gelernter Bäcker, 1959 zusammen mit seiner Ehefrau Hilde in den Betrieb einstieg, lief wieder alles normal weiter, bis, ja bis die Bäckerei dann im Jahre 1979 endgültig geschlossen wurde.


Robert Strickfaden und Ehefrau Christa
Robert Strickfaden und Ehefrau Christa

Dä Wurstmichl  unn  sei Berta aus Waldprechtsweier 

Mit bürgerlichem Namen hießen sie Michael und Berta Strickfaden. Ihren Übernamen haben sie in der Zeit um 1929 erhalten. Wie dies damals passiert ist erzählte Sohn Robert und seine Ehefrau Christa:  

„Damals war unsere Mutter Berta bei der Metzgerei Schempp in Rastatt in Stellung, und der Vater Michael arbeitete im Dianawerk in Rastatt. Michael war auch Vorstand des Gesangvereins „Einigkeit“. Und als solcher war er besonders bei Vereinsfesten fast für alles zuständig. So veranstaltete 1929 sein Verein mal wieder ein Gartenfest. Und da seine Frau ja in einer Metzgerei beschäftigt war, war es für die beiden ein Leichtes, für das leibliche Wohl der Sänger und Gäste zu sorgen. Denn Michael fuhr täglich mit seinem Motorrad und mit einem großen Rucksack auf dem Buckel nach Rastatt. So brachten sie auch Würste aller Art für die Fest-Gäste herbei. Hatten sie zuviel eingekauft? Denn am Ende war doch noch einiges übrig geblieben. Also heim damit; und die nächsten Tage den Rest über die Straße verkauft. Den Menschen schmeckte dies anscheinend so gut, so dass Michael und Berta bald darauf einen provisorischen Laden einrichteten und dann regelmäßig Wurstwaren anboten, immer mit dem Motorrad und im Rucksack herbeigeschafft.

 Bei den Menschen in Waldprechtsweier hießen sie ab da dann nur noch "daä Wurstmichl unn sei Wurstberta".

 Zur damaligen Zeit gab es auf dem Land zwar kühle Keller, aber keine Kühlschränke. Also musste eine Kühlmöglichkeit her. Und da die beiden auch bald Getränke, besonders Bier, anboten, wurde mit dem Bier auch Stangeneis geliefert. Dieses sorgte dann auch für die Kühlung der Wurstwaren! Das Eis war in einer großen speziellen Kiste im Keller gelagert. Und der Schrank im Laden musste regelmäßig mit frischem Eis nachgefüttert und das Schmelzwasser immer wieder abgelassen werden. Das Geschäft florierte, die Leute hockten manchmal schon auf der Ladentreppe und warteten auf gutes, frisches Vesper und kühle Getränke.

Mit dem wirtschaftlichen Aufschwung nach 1945 hat sich dann doch einiges geändert. Es genügte nicht mehr, den alten Eisschrank weiter zu betreiben. Ein großer viertüriger elektrischer Kühlschrank musste her, geliefert von der Elektrofirma Otto Nies aus Malsch.

Zu dieser Zeit betrieb die Wurstberta auch die Milchzentrale. Dadurch wurde dann der Ladenverkauf noch erweitert für Milch, Molkereiprodukte und Süßigkeiten, aber auch für Getränke aller Art. Bis 1953 sorgte Michael soweit wie möglich noch per Motorrad selber für Nachschub. Danach wurden die Waren immer angeliefert. Mit abnehmendem wirtschaftlichem Erfolg und aus altersbedingten Gründen gaben dä Wurstmichl unn sei Berta ihren Laden 1970 dann auf.“

Dä Wurstmichl unn sei Wurstberta                           Hof des damaligen Hauses                      Michael 1977                  Berta, Sohn Michael, Tochter Inge, 20001


Lebensmittel Schindler

ehemaliger Laden
ehemaliger Laden
nach dem Umbau
nach dem Umbau

Beim Awizor: Der eigenartige Name kommt, so sagte man mir glaubhaft, daher, dass die Menschen in Waldprechtsweier sich schwer taten, in Mundart den Namen „Alois" wie Allies, oder Alwies auszusprechen. Und so entstand dann der Vorname Awizor, warum auch immer. Aber nicht nur der Vorname des letzten Inhabers war eigenartig denn das Angebot


an Waren aller Art ging weit über das übliche Maß der damaligen Zeit hinaus.

 Denn beim Awizor hat man fast alles kaufen können, was man im täglichen Leben, im Haushalt wie in der Landwirtschaft, ständig brauchte, wie z. B. Salz und Zucker, Mehl und Hefe, Salz- und Bratheringe, Schweizer- und Backsteinkäse, Essig und Öl, frisches Obst und Salat, Ansichtskarten, aber auch Ernstrickle, Sensä, Stallschlappä und Mistgawwlä, Metzlzubehör  und, man kann es fast kaum glauben, auch Sonntagsschuhe, Taufkleidchen und Sterbehemden, um nur einiges aus seinem Angebot zu nennen. Dieser Laden war ein Vorläufer der heutigen Supermärkte.

Vor dem Alois Isidor Schindler, so hieß dä Awizor amtlich, wurde das Geschäft von seinem Vater Isidor Schindler bereits 1880 gegründet und betrieben. Deshalb hieß das Geschäft früher nur Bei’ s Isedors. 

Isidor und seine Frau, wie später dann deren Sohn Alois und dessen Ehefrau Caroline auch, waren ja nicht arm und daher insbesondere kirchlich immer wieder engagiert und entsprechend spendabel, was damals den Glocken von Sankt Michael, dem Taufstein, der Michael-Statue und sogar dem wunderschönen Seitenaltar wie auch dem „Kreuzweg" in der neuen Kirche, oft aber auch armen Priesteramtskandidaten und Waisenkindern, sehr zugute kam. 

Zuschrift eines Völkersbacher Heimatfreunds, Egon Koch: 

"Mit lebhaftem Interesse und Neugierde verfolge ich die heimatgeschichtlichen Veröffentlichungen der Heimatfreunde Malsch. So auch den gelungenen und ausführlich recherchierten und illustrierten Beitrag von Heimatfreund Eugen Nies „Beim Awizor " im Gemeinde-Anzeiger und MAZ vom Mai dieses Jahres. Ich selbst bin allerdings ein Völkersbacher und daher mit der Malscher Vergangenheit „da unten" wenig vertraut. Aber zum o.a. Beitrag über den Awitza, so hieß er bei uns, möchte ich eine kleine Ergänzung beisteuern.  

 Als Kinder durften wir während des 2.Weltkrieges unsere Mutter oder den Großvater zum Einkaufen in Malsch beim Schaiwle oder beim Uhramacha Knam begleiten - natürlich auf Schusters Rappen. Das war immer ein freudiges Ereignis und brachte etwas Abwechslung in die entbehrungsreichen Kriegstage. Wir wählten stets den kurzen Weg übers „Pfad", zuerst kurz bergauf und dann steil nach unten, oft auf dem Hosenboden! Wenn wir dabei jemand begegneten, wurden wir voller Neugier begrüßt mit „So, gehn da onamodis no ?" (= So, geht ihr irgendwohin?) Nicht jeder, der unterwegs war, wollte sein Ziel auch gleich preisgeben. Ältere Leute sagten einfach: Ich geh üwwa Fell (= Ich gehe übers Feld). Das bedeutete soviel wie „größerer Ausmarsch in eine benachbarte Ortschaft oder in die Amtsstadt Ettlingen.

Gelegentlich führte unser Weg auch nach Walbatsweia zum Ölmüller oder zum Kaufladen Awitza. Wir Kinder fanden diesen Spitznamen besonders lustig und originell. Wir wollten natürlich wissen, was sich dahinter verbirgt. So erfuhren wir als Erklärung dieses Namens, von dem wir ja nicht wussten, ob es sich dabei um einen Schimpfnamen handelt, folgende Story:

Als der Alois Schindler ein ganz kleiner Junge war und noch nicht recht sprechen konnte, erlebte er immer wieder, wie die Dorfbewohner unter der Last der täglichen Arbeit in der Sommerhitze stöhnten: Isch des awara a Kreuz met dem Schwitza (= Ist das aber ein Kreuz mit dem Schwitzen). Der kleine Alois verstand schnell, dass es sich beim Schwitzen um eine wichtige Sache der Erwachsenen handeln musste. Und da er schon als kleiner Bub auch wie die großen Leute sein wollte, soll er in seinem kleinkindhaften Dialekt immer wieder gesagt haben „a witza" (= auch schwitzen). Und so soll sein Spitzname dann auch entstanden sein.

Ob diese Version und Deutung allerdings verbindlich und eindeutig ist - fonetisch klingt es glaubhaft - das weiß der Kuckuck! Meine Mutter hat es mir so immer wieder erzählt."


Haushaltwaren Haller

Paula am 70. Geburtstag, (re. Herr Heck Sparkasse Malsch)
Paula am 70. Geburtstag, (re. Herr Heck Sparkasse Malsch)

Bei dä  Haller  Paula in Waldprechtsweier

 Nahe Verwandte und auch Bekannte von Paula Haller konnten einiges berichten:

 So erzählt man zum Beispiel ein damals junges Mädchen (namens Hedwig) aus der Malscher Bahnhofsgegend, dass die Schulkinder, wenn ihnen die Paula auf dem Schulweg begegnete, oft fröhlich gesungen haben: „Sturm, Sturm, Sturm, jetzt kommt die Paula Durm“

Und so war sie ja auch, die Paula; lebhaft und lustig, hilfsbereit, freundlich und fröhlich, nicht nur in ihrer Jugend beim damaligen BDM, sondern auch später beim Turnverein, beim „Roten Kreuz“ und besonders in ihrem „Laden“ in Waldprechtsweier .Gut, sie war ja eine tüchtige Geschäftsfrau, vergaß dabei aber nie die Sorgen ihrer Kundschaft. So ist es doch nicht verwunderlich, dass sie neben dem vielen Kleinkram, was die Frauen für den Haushalt und die Küche täglich brauchten, auch manches andere, nicht ganz so notwendiges Zeug im Angebot hatte. Den dafür notwendigen Raum richtete sie im Keller ihres Hauses ein und nannte ihn sinnigerweise „Fundgrube“. Dass sie nebenbei auch noch Avon-Beraterin war, passt gut zu ihr. Und dass sie mit befreundeten Dorf-Frauen in der Fastnachtszeit mit einem Leiterwägelchen singend und johlend und schlempelnd durchs Dorf zog, denkt auch noch vielen. Sie bot ihrer Kundschaft sogar Kuchen, besonders feine Torten, an. Diese kamen aus einer  Ettlinger Konditorei über einen ihr vom Roten Kreuz bekannten und in Malsch wohnenden Konditormeister zur damaligen Filialleiterin der Sparkasse Malsch in Waldprechtsweier, Rita Harlacher. Von dieser wurden sie dann  in der Mittagspause zur Paula in den Laden hoch gebracht. (So hat es mir die Rita neben manchem anderen glaubhaft erzählt.)   

Neben so manchem, auch Erzählenswertem, sollte aber doch etwas noch besonders erwähnt werden: Der Arzt Dr. Riedner aus Muggensturm betreute damals viele Kranke aus Waldprechtsweier, meist immer am gleichen Halbtag. Die Leute brachten dann die ausgestellten Rezepte erst zur Paula. Dann fuhr sie mit den Rezepten in die Apotheke nach Malsch hinunter, um anschließend dann die verschriebenen Medikamente den Kranken in Waldprechtsweier zu bringen

Paula (links) 1980, 55er Jahrgangsfeier
Paula (links) 1980, 55er Jahrgangsfeier

Wer hatte denn damals schon ein Auto? Ihren Laden in der Talstraße betrieb Paula seit 1958 und gab dann das Geschäft 1984 altershalber auf.

Klassenbild 1990 (65er Feier), Paula auf dem Boden neben Elsa Grimm
Klassenbild 1990 (65er Feier), Paula auf dem Boden neben Elsa Grimm


Dreschbetrieb Schindler

s'Schindler Flores Dreschmaschin

Nachdem Florian Schindler („Flore“) gegen Ende der Dreißigerjahre mit seiner Frau Berta (Engelberta) von Malsch nach Waldprechtsweier umgezogen war, machte er sich zusammen mit ihr an ein mutiges Vorhaben: Sie ließen einen Dreschschopf errichten und kauften dazu eine Dreschmaschine mit einem Bulldogg als Antrieb. Das war im Vergleich zur Zeit davor etwas ganz Neues.

Wie wurde denn früher, ohne Maschine, gedroschen? Da wurden die Fruchtgarben nach der Ernte in der Scheuer erst mal eingelagert, um dann später daheim mittels Dreschflegeln auf dem Scheuerboden von Hand ausgedroschen zu werden. Hierzu stellten sich drei Männer, manchmal auch Frauen, im Kreis auf, um dann rhythmisch exakt im langsamen Walzer-Takt („1-2-3“) auf die Ähren der Garbe – Garbe um Garbe – so lange „einzudreschen“, bis die Körner möglichst vollständig ausgefallen waren. Das ging manchmal stundenlang! Und Nachbarn wie auch die Verwandtschaft haben sich dabei gegenseitig immer geholfen.

Die Suche nach solchen alten Dreschgeräten war lange Zeit nicht von Erfolg gekrönt.  Bei Erwin Kraft im Grüne Gärtel, fanden sich zwei solcher Schlaggeräte an der Wand in einem Treppenhaus hängen – gleichsam als Andenken an frühere Zeiten.

Die im Jahr 1936 in Betrieb genommene erste Dresch-maschine lief so gut, dass schon 1939 die Anschaffung einer moderneren Maschine erfolgte. Sie besaß jetzt einen Elektromotor anstelle eines Bulldoggs. Dieser trieb nicht nur die Dreschmaschine an, sondern nach Bedarf auch eine Bandsäge oder andere Kleingeräte. Und wenn Florian einmal nicht da war oder während des Krieges längere Zeit abwesend sein musste,


dann waren die anderen Familienmitglieder immer zur Stelle. So sprangen seine Frau Berta und Tochter Friedhilde niicht nur im Laden ein, sondern selbstverständlich auch an der Dreschmaschine.

Der Dreschschopf wurde in den letzten Kriegstagen bis auf die Grundmauern durch Brand zerstört. Die offizielle Übergabe (durch Kauf!) an Florian erfolgte dann im Juli 1947. Erst 1949 wurde unter Florians Regie eine neue Dreschhalle in Betrieb genommen, selbstverständlich wieder als „Familienunternehmen“. Diesmal  war Schwiegersohn Albert Obert für die Technik zuständig.

Und das Ende der privat betriebenen Schindlerschen Dreschmaschine? Etwa ab den Sechzigerjahren sah man draußen auf den Getreideäckern plötzlich überall Mähdrescher auftauchen. Dadurch brauchte man im Dorf so gut wie keine Dreschschöpfe mehr. Und das Alter ihrer Eigentümer tat ein Übriges. Geblieben ist aber eine gute Erinnerung an „damals“.


Tankstelle Lorenz Strickfaden

das umgebaute Haus am Waldprechtsbach
das umgebaute Haus am Waldprechtsbach

Auch in Waldprechtsweier gab es schon recht früh eine Tankstelle, nämlich die des Lorenz Strickfaden, neben der alten Schule.

 Der 1893 Geborene machte sich bereits 1925 selbständig. 1935 wurde sein kleiner Betrieb auch in die Handwerksrolle der Handwerkskammer als Fahrrad-Reparatur-Werkstätte eingetragen.

 Daneben führte er zusammen mit seiner Frau Stephanie (1895-1956) auch noch einen Laden mit allerlei Dingen für den Haushalt, über den wir an anderer Stelle berichten werden. Sein Arbeitsgebiet war aber zeitlebens der Handwerksbetrieb mit der Tankstelle, wobei die Modernisierung des Ladens nicht vergessen wurde, wie man auf dem Bild erkennen kann: Erst 1963 übergab der Vater dann Laden und Tankstelle an seine Tochter Luise Karcher und deren Ehemann Karl.  Die Tankstelle wurde noch bis 1990 weiter betrieben, der  Laden wurde erst 1996 geschlossen. Lorenz Strickfaden war schon 1963 gestorben.


Ehemalige Gaststätten in Waldprechtsweier

Gasthaus Adler

Der  „Adler“ war schon seit 1838 im Besitz der Familie Hitscherich. Damals kaufte Johannes Hitscherich, ein Sohn des damaligen Ochsenwirtes Philipp Hitscherich  in Malsch, ein stattliches Anwesen in der Talstraße samt Schopf, Stall und Scheuer für 1400 Schilling. Ob dieses Haus schon vor dem Kauf eine Gaststätte war, konnte nicht mehr festgestellt werden. Mit Sicherheit steht aber fest, dass Johannes Hitscherich darin eine Wirtschaft betrieb, nachdem er die Theresia Grünling aus Ettlingenweier geheiratet hatte.

 Nach seinem Tod 1849 übernahm dann sein Sohn Berthold Haus und Gaststätte, jedoch nicht sehr lange, denn er starb schon im jungen Alter von 35 Jahren. In dieser Not heiratete die aus Bischweier stammende Witwe Luise, geb. Westermann, 1867 ein zweites Mal, den 14 Jahre jüngeren Anton Melcher aus Waldprechtsweier. Das war ganz sicher keine Liebesheirat, zumal der junge Ehemann sich gut mit jüngeren Frauen verstand und es wahrscheinlich besonders auf das Vermögen der Wirtin abgesehen  hatte. Luise starb 1897. Was dann folgte, war eine gar nicht schöne Erbauseinandersetzung mit den Kindern aus der ersten Ehe, an deren unrühmlichem Ende Anton Melcher zu einer Tochter in die Obere Mühle zog.

 Der älteste Sohn Karl Friedrich übernahm dann die Wirtschaft zusammen mit seiner Frau Luise Schindler aus Waldprechtsweier, die er schon 1894 geheiratet hatte. Die beiden sorgten dann für einen florierenden Wirtschaftsbetrieb.

Der „Adler“ war damals Anlaufstelle für Fuhrleute aus der ganzen Gegend. Denn nicht nur Langholz aus dem Wald, sondern besonders Sandsteine aus dem nahen Steinbruch mussten aus Waldprechtsweier abgefahren werden. Dass sich die Bauern dabei oft gegenseitig durch „Vorspannen“ aushalfen, vor allem beim Hochfahren durch die „Lange Gasse“, war selbstverständlich. Und da wurde im „Adler“ fast immer Rast gemacht. Dabei wurden auch die Pferde für die Weiterfahrt versorgt. Wo sich Fuhrleute früher trafen, wurde gern sogenanntes „Fuhrmannsgarn“ gesponnen! So erzählen sich heute noch alte Menschen schaurige Geschichten aus jener Zeit. Morgens waren an den Pferdegeschirren oft „Hexenknoten“ angebracht und die Mähnen der Gäule zu kleinen Zöpfen geflochten. Die Tiere waren sehr nervös und schlugen heftig aus, kurz um, sie waren wie verhext und von bösen Geistern geplagt. Diesem Spuck soll damals ein Knecht des Adlerwirts erst dadurch ein Ende gemacht haben, dass er mit Weihwasser aus der nahen Kapelle Stall und Tiere bespritzte und dadurch das Böse vertrieb. Manche meinten jedoch, dass hinter all diesem Hexenzauber der Knecht selber steckte. Ein Schalk?  Wer weiß!

Luise starb früh. Daher heiratete Karl Friedrich noch einmal, die Maria Anna Kast. Dieser Ehe entsprossen drei Kinder : Tochter Lina, Sohn Robert und Tochter Hilda.

1929 errichtete Karl Friedrich neben dem Gasthaus noch eine Metzgerei, die der als Nachfolger vorgesehene Sohn Robert betrieb. Dieser war ja gelernter Metzger

Nach dem Tod des Vaters im Jahre 1936 übernahm Robert Hitscherich  zusammen mit seiner 1932 geheirateten Ehefrau Anna, geborene Leuchtner aus Muggensturm, auch noch den Wirtschaftsbetrieb.

Damals begann eine uns Älteren noch gut denkende Zeit: Der „Adler“ war ein beliebter Treffpunkt für Feierlichkeiten aller Art, ob festlich oder ganz privat, auch für größere Gesellschaften. Dabei sorgte Robert besonders in seiner Eigenschaft als Jäger oft für exzellente Leckerbissen. Und Anna verwöhnte ihre Gäste nicht nur durch ihre Kochkunst, sondern vor allem durch ihre liebenswerte Art und Freundlichkeit beim Umgang mit Menschen, auch in schwierigen Situationen. Ich darf mir dieses Urteil erlauben, habe ich sie doch zehn Jahre lang als Dirigent des Männergesangvereins „Einigkeit“ bei den wöchentlichen Chorproben im Hause „Adler“ erlebt.

Dass ihr dabei oft Frauen, besonders Anni Balzer, helfend zur Seite standen, sozusagen als „gute Geister des Hauses“, darf auch noch gesagt werden. Von 1940 bis 1945 war das Lokal zeitweise geschlossen, da der Wirt als Soldat im Krieg war. Auch die anschließende Besatzungszeit durch die Franzosen war nicht leicht. Denn im „Adler“ richteten diese ihre Offiziersmesse ein. Die Hitscherichs mit ihren drei Kindern mussten damals so manche Schwierigkeiten ertragen.

 Erst nach der Währungsreform 1948 begann dann wieder ein normales Leben in der Gaststätte. Denn jetzt gab es endlich zu essen und zu trinken, was man so lange hatte entbehren müssen. Unvergessen die Kappenabende, das Schnurren und die Kirmesfeiern  im „Adler“!

Im November 1987 erlitt Robert Hitscherich einen Schlaganfall, von dem er sich nicht mehr erholte. Ab da war Ehefrau Anna voll mit der Pflege ihres Gatten beschäftigt. Also musste die Wirtschaft wohl oder übel geschlossen werden.

Robert überlebte seine Frau um drei Jahre. Anna starb 1995, Robert 1998.


Gasthaus Engel

Der „Engel“ ist nicht die älteste Wirtschaft von Waldprechtsweier gewesen, wie manche meinen. Der „Adler“ war offiziell noch älter. Man erzählte mir, dass der „Engel“ zuvor bestimmt schon als „Straußenwirtschaft“ existierte. Die einfachen Leute kamen nach getaner Feldarbeit halt oft an ihm nicht vorbei, ohne einen, wenn auch nur kurzen Besuch abzustatten (ä Bier unn än Schnaps). Das Lokal florierte also schon früh ganz gut.

 Über frühere Wirte in Waldprechtsweier erfahren wir in Paul Fütterers Buch „Geschichte des Dorfes Waldprechtsweier“ einige interessante Einzelheiten. So lesen wir dort u.a. von zwei Straußenwirten, nämlich von Lorenz Westermann, seit 1797 offiziell „Adlerwirt“, und von Georg Schick, seit 1798 offiziell „Engel-Wirt“. Letzterer war gelernter Bäcker und hatte zuvor sein Haus zweistöckig ausgebaut. 

Die vorletzten Besitzer des „Engels“ waren Hermann Bechler und seine Frau Theresia, geb. Lang, oine vuns Longäschreiners. Die beiden hatten fünf Kinder, drei Buben und zwei Mädchen. Zwei Söhne waren kurz vor Ende des Krieges 1914-18 gefallen. Da der dritte Sohn, Hugo, erst 1903 geboren wurde, hatte er das Glück, nicht auch als Soldat in den Krieg zu müssen. So war es später dann ja fast selbstverständlich, dass er einmal die Wirtschaft übernehmen werde. 

 Da Vater Hermann schon 1912 starb, führte seine Frau Theresia das Lokal solange allein weiter, bis Hugo das Metzgerhandwerk erlernt hatte und erst dann in den Betrieb mit einstieg. Die Mutter starb 1949 im gesegneten Alter von 80 Jahren.

Sohn Hugo heiratete erst 1948 die elf Jahre jüngere Sofie Kopf aus Reichenbach bei Lahr. Gut war damals auch, dass Hugos Schwestern Anna und Paula vor dieser Zeit, wenn auch nur oft am Rande, als helfende Kraft in den Wirtschaftsbetrieb mit eingebunden, also eine echte Stütze für die so lang verwitwete Mutter waren.

 Nach der Heirat von Hugo und Sofie waren oft verwandte Mädchen aus Sofies Heimat als Bedienung im Lokal beschäftigt, was, so erzählt man sich heute noch, unter den Burschen manchmal auch für arge Verwirrungen sorgte.

Nicht vergessen darf man die Proben der damaligen Musiker des Turnvereins im Engel, die sich manchmal bis weit in die Nacht hinein ausdehnten. 1922 starteten diese sogar eine Sammelaktion von Grumbierä, um mit dem Erlös einen „großen Bass“ für das Orchester anschaffen zu können. Die Freude über den damaligen Erfolg kann man den im Engelhof versammelten Musikern auf dem folgenden Bild heute noch ansehen.

Erwähnen sollte man auch noch das bunte und fröhlichen Treiben an Fastnacht, besonders im Obergeschoss des „Engels“. Da ging es manchmal hoch her! Unvergesslich das närrische, fröhliche Gehopfe  auf dem alten Sofa in der Bar.  Tochter Lioba hat noch einige weitere interessante Einzelheiten erzählt.

So betrieben Hugo und Sofie schon in den 70er Jahren eine Art Ökowirtschaft. Neben der üblichen Gastwirtschaft mit Wurstverkauf zogen sie immer wieder Hausschweine groß. Dabei wurden alle Küchenabfälle und sogar das Tropfbier verfüttert. Die Schweine wurden immer nach alter Tradition geschlachtet. Dann gab es vor allem Kesselfleisch, Leber- und Griebenwurst. Und erst die Wurstsuppe! Denn die hat nichts gekostet, und die gab es immer gratis! Am „Schlachttag“ hing dann eine aufgeblasene Saublase aus dem Fenster heraus.

Wenn Hugo nach schweren und langen Tagen abends manchmal todmüde war, dann gab er seinen letzten Gästen auch die Erlaubnis, sich weiter selbst zu bedienen. Bezahlt wurde dann beim nächsten Mal, halt was auf dem Bierdeckel stand Und wenn Sofie zu vorgerückter Stunde auch mal genug hatte, dann schickte sie junge Burschen


gern heim, so mit den Worten : „Gell, ihr Buwä, ihr sinn mied, jetz gähn dor awwor hoim!" Das waren noch Zeiten, wo man einander so vertrauen konnte.Da die Kinder der beiden beruflich andere Wege gegangen sind, wurde der „Engel“ 1976 geschlossen, auch aus gesundheitlichen Gründen der Wirtsleute. Hugo starb 1977, Sofie 1984


Waldhotel Café Standke

Es konnte recherchiert werden, dass der „erste“ Standke (1901-1990) bereits 1916  beim „alten“ Mauterer in Karlsruhe eine Lehre als „Konditorlehrling“ begann. Und so war es (fast) nur logisch, dass er dann in dessen später gegründetem „Schwarzwaldwerk Mauterer“ eine Stelle als „Schokolademeister“ (oder so ähnlich) erhalten hat.

Wie der Schlesier Erich Standke seine spätere Frau Hilde (1901-1993), eine Schwäbin, damals kennen gelernt hat, bleibt wohl auch sein Geheimnis.

Erich Standke gab nach der Heirat seine einfache Hütte im Waldprechtstal auf, um in das 1934 errichtete Domizil im Waldprechtstal einzuziehen. Schon seit dort betrieben die beiden in dem kleinen Häuschen eine Pension mit zwei Fremdenzimmern. In den folgenden Jahren erweiterten sie dann -schrittweise- die kleine „Pension“ immer wieder durch An- und Umbauten, so dass 1949 daraus dann das „Cafe-Restaurant Standke“ geworden war. Ende der 50er Jahre wurden auch noch der Speise- und  Veranstaltungsraum vergrößert.

1968 übergaben dann die alten Standke´s den Betrieb an die Jungen, ihren Sohn Klaus und dessen Ehefrau Margot. Die beiden investierten weiter in den Familienbesitz, so dass das Haus schließlich über 29 Gästezimmer mit 48 Betten sowie drei Tagungsräumen, Hallenbad, Sauna und Solarium verfügte. Kein Wunder, dass sie inzwischen eine offizielle Anerkennung als „3-Sterne-Hotel“ erreicht hatten.

Über die Änderung Ende 2007 hat die örtliche Presse ausführlich geschrieben.

Aus einem alten „Gästebuch“ der Standkes

 

Es rauscht zu Tal das Bächlein, es rauschet immerzu

und nimmt hinweg die Sorgen und gibt uns seelisch Ruh’

Die Wiesen und die Tannen und noch die Sonn’ dazu,

die treiben schnell von dannen, was immer uns bedrückt.

Wir hielten gerne frohe Rast fernab von vieler Müh’ und Hast

in Standkes gastlich’ Haus, geh’n ungern jetzt nach Haus.“

   Walter Dörr u. Familie  (ohne Ortsangabe) Ostern 1938    

  

„Wenn trübe Wintertage kommen, wo nicht einmal die Sonne lacht,

will ich mich in Erinn’rung sonnen an Sommers und des Schwarzwalds Pracht!

Still denken, wo das Bächlein leis’ verrinnt im Sonnenschein,

und weiterzieht hinaus durch’s Tal über Geröll und Stein.

Wo Berge in die Wolken ragen, wo Sonnengold den Tann durchzieht,

wo Fink und Drossel Lieder schlagen und goldengelb der Herbst jetzt blüht.

Von stillen Wegen will ich träumen, von Urwaldtiefen – düsterschwer -,

wo Ranken Stamm um Stamm umsäumen. O Einsamkeit, wie hoch und hehr!

Da denke ich an dich mit Sehnen, du liebes, stilles, trautes Tal.

Lebe nun wohl! Doch nicht für immer. Auf Wiedersehn beim nächsten Mal!“

 Der lieben Fam. Standke zur Erinnerung.

Anni und Richard Schiesewitz, Berlin-Treptow!  Sept. 1937

 

„Willst du aus dem Alltag raus, kehre ein in Standkes Haus,

wo gute Luft, Wasser und Sonne. Da ist das Leben eine Wonne.

Dazu das reichlich’ gute Essen, macht uns den Aufenthalt hier unvergessen.

Mit Dank für die treusorgende Wirtin scheiden ungern

L. Kopp und Frau aus Wiebaden.  Juni 1939“

 

„Vöglein singen, Falter schwingen gaukelnd hoch sich in die Luft.

Um mich her ein Zirpen, Klingen, Waldesrauschen, Tannenduft.

Rings herum die Berge grüßen, wunderschöne Blumen sprießen

in dem schönen Weihertal. Ach wie ist es dort so schön.

Und im Schutz der hohen Tannen liegt wie ein Vergissmeinnicht

eingebett’ in grünen Wiesen Standkes Haus in goldnem Licht.“

 In freundlicher Erinnerung u. auf ein frohes Wiedersehn

A. Grunke u. Frau,  Johannisthal    Juni 1939

 

Im schönen Waldprechtsweiertal kann man die Ruh genießen.

Drum fuhren wir, wie manches Mal, aus unserm lauten Giessen;

und zogen dann bei Sonnenschein bei Standkes in das Waldhaus ein.

Hier fanden wir alles wie beschrieben, drum sind wir alle so zufrieden,

und loben wie auch die anderen Gäste Familie Standke auf’s allerbeste.

Und hoffen, dass nicht zum letzten Mal wir waren in Standkes Waldlokal.“

Fam. Rudersdorf aus Giessen     Juli 1954