Erinnerungen eines Erstkommunikanten

Geistl. Rat Karl Ludwig Riehle, Pfarrer in Malsch von 1927 bis 1952
Geistl. Rat Karl Ludwig Riehle, Pfarrer in Malsch von 1927 bis 1952

Erinnerungen eines Erstkommunikanten an

seinen Weißen Sonntag und die Vorbereitungen im Jahre 1 9 4 5 -  von Alois Herzog

 

 Als an Sylvester 1944 die Glocken von St. Cyriak das Neue Jahr 1945 einläuteten, blickten viele Malscher – und sicherlich auch viele Menschen in Deutschland – mit sorgenvoller Miene an den nächtlichen, bewölkten Himmel mit einem stillen Gebet und der Hoffnung, dass der unheilvolle und schreckliche Krieg bald ein Ende habe und der ersehnte Friede einkehren möge.

Das erst vor wenigen Tagen gefeierte Weihnachtsfest – die sechste Kriegsweihnacht – konnte in seiner Armseligkeit kaum noch unterboten werden. Aus kargen Wollresten hat die Mutter uns Kindern Bollenmützen gestrickt, aus vorhandenen Stoffresten zweifarbige Fausthandschuhe genäht und  aus Maiskolbenstroh warme Hausschuhe gefertigt und sie unter den mit Kerzenstummeln aus dem letzten Jahr gezierten Weihnachtsbaum gelegt. Neue Kerzen und viele andere sicher sehr notwendige Dinge waren einfach nicht mehr zu bekommen.

Der Ausblick in das Neue Jahr war sehr trübe. Immer wieder hörte man von den Erwachsenen die bange Frage: "Was wird das beginnende Jahr wohl bringen?"

Das Jahr 1945 war für uns, die Geburtsjahrgänge 1935/36, das Jahr unserer Ersten Heiligen Kommunion. 64 Jungs und 49 Mädchen aus unserer Gemeinde wollten sich auf dieses Fest vorbereiten.

Schon seit dem frühen Herbst 1944 hatten wir keinen ordentlichen Schulunterricht mehr. Unser Schulhaus – sein Name war damals „Horst-Wessel-Schule“ – wurde in ein Militär-Lazarett für deutsche Soldaten und als Hauptverbandsplatz für Verwundete aus dem immer näher rückenden Frontgebiet im nahen Elsass umgewandelt. Wir hatten also auf unabsehbare Zeit Ferien

Die Vorbereitungen und Unterweisungen für unseren Weißen Sonntag hatte unser sehr geschätzter Pfarrer Karl-Ludwig Riehle daraufhin zunächst an zwei Vormittagen in der Woche in der Pfarrkirche St. Cyriak durchgeführt.  

Die Mütter haben uns angehenden Erstkommunikanten kleine Täschchen aus Stoffresten mit einem Trageband genäht, um das Magnifikat und den Katechismus aufzunehmen. Weitere Schulutensilien, wie Schiefertafel, Federbüchse u.ä. wurden ja nicht mehr benötigt.

Mit großem Ernst hat uns Pfarrer Riehle auch öfter zum Gebet für unsere – zumeist im Krieg befindlichen – Väter und für die Verschonung unseres Dorfes und Kirche vor Kriegszerstörungen angehalten. Viele Dörfer in unserer nahen Umgebung und besonders unsere Kreisstadt Karlsruhe hatten zum Teil erhebliche Zerstörungen durch nächtliche und gelegentlich – vornehmlich an hellen Tagen – stattgefundenen Bombenangriffe erfahren.

Es war die Zeit, in der Pfarrer Riehle ein Gelübde machte: „Wenn unser Dorf Malsch und besonders die Pfarrkirche St. Cyriak von großen Kriegsschäden bewahrt bleibt, werde er jedes Jahr mit der Gemeinde eine Dankwallfahrt nach Moosbronn durchführen.“

Fast jede Woche kam auch eine oder mehrere traurige Meldungen  vom Heldentod eines Vaters, Bruders oder Onkels von den verschiedenen Frontgebieten in unsere Gemeinde. In den an den Sonntagsabenden in der Pfarrkirche abgehaltenen Gedenkfeiern für die gefallenen Soldaten unserer Gemeinde versuchte der bei uns sehr beliebte Kaplan Kurt Mangold, der aus der Erzdiözese Köln stammte, Trost den trauernden Angehörigen zuzusprechen. An den vor dem Hochaltar mit Stahlhelm und Birkenkreuz aufgebauten und mit Blumen liebevoll geschmückten Tumba nahmen die Malscher mit Tränen in den Augen im Geiste Abschied von den in der Ferne gefallenen Helden.

Der für den örtlichen „Luftschutz“ rekrutierte Kaplan, Anton Jäger, versuchte – soweit es ihm möglich war – überall dort mit anzupacken, wo er dringend gebraucht wurde; und das war sehr oft der Fall. Immer öfter wurde Fliegeralarm gegeben. Gelegentlich gab es auch Luftangriffe auf Malscher Gebiet. Hier waren besonders der Bahnhofsbereich und das Industriegebiet die anvisierten Angriffsziele.

Oftmals saß Kaplan Jäger mit seinem Dienst-Overall und den Stahlhelm stets griffbereit in seinem Beichtstuhl, um den Gläubigen die Beichte abzunehmen und so gut es ging tröstende Worte zuzusprechen. Der Kanonendonner von der immer näher rückenden Front wurde von Woche zu Woche immer deutlicher zu vernehmen und nahm ständig an Heftigkeit zu

Das Osterfest und der Weiße Sonntag rückten immer näher. Die Sorgen der Mütter um die Beschaffung der Einkleidung der Kommunionkinder ließen sie oft nicht zur Ruhe kommen. Vielfach wurde auch auf getragene Kleidung von Erstkommunikanten aus früheren Jahren aus der eigenen Familie oder aus dem Bekanntenkreis zurückgegriffen.

Die oft zu kurzen Kleider der Mädchen oder die zu langen oder gar zu kurzen Hosen der Buben wurden durch einen bewundernswerten Ideenreichtum der Mütter mit Nadel, Faden und Schere den neuen Trägerinnen und Trägern angepasst.

Alois Herzog und Bruder Herbert
Alois Herzog und Bruder Herbert

Aber auch die Ausrichtung des sonst üblichen Festmahles bereitete den tapferen Müttern erheblichen Kummer. Die Versorgungslage für alle Bereiche wurde immer kritischer. Oft reichten die  mittels Lebensmittelmarken zugewiesenen Rationen nicht aus, die hungrigen Kinder satt zu bekommen.

Wenige Tage vor Ostern wurde auch noch durch Kriegseinwirkung das elektrische Leitungsnetz zerstört, so dass für das gesamte Dorf keine elektrische Stromzufuhr mehr möglich war. Auch der immer öfter zu hörende Sirenenalarm ist deshalb vollkommen ausgefallen.

Durch behördliche Anordnung wurde daraufhin das Läuten der Kirchenglocken von St. Cyriak untersagt. Nur bei unmittelbarer Bedrohung durch feindliche Flugzeuge oder Panzer durften die Glocken als Zeichen höchster Bedrohung und Gefahr geläutet werden.

Die Karwoche, beginnend mit dem Palmsonntag, wurde wie immer mit dem Palmentragen der Kinder, der Palmweihe durch Pfarrer Riehle und der Palmprozession der Stiftungsräte der Gemeinde im Hochamt in der Pfarrkirche eingeleitet. Doch leider wurde der Sonntagsfrieden durch einige Tieffliegerangriffe auf Malscher Gebiet furchtbar gestört.

Die Trauermette an den drei Trauertagen und besonders die Karfreitagsliturgie wurde mit großem Ernst und großer Teilnahme der Malscher Katholiken begangen. Bei der am Karsamstagabend durchgeführten Auferstehungsfeier – unter Teilnahme der Erstkommunikanten des zurückliegenden Jahres – und beim Hochamt am Ostersonntag wollte keine festliche Stimmung aufkommen. Selbst die Orgel, die sonst die festlich gesungenen Osterlieder begleitete, musste wegen Stromausfall stumm bleiben.

Unruhe, Unsicherheit und Angst waren die vorherrschenden Gefühle, die die Menschen in jenen Tagen bedrückten.

Als aber am Ostersonntagnachmittag auch noch der Amtsbote der Gemeinde Malsch mit der Amtsglocke im Dorf verkündete, dass das Wehrmachtsdepot in der Blumenstraße – im Volksmund „Baracke“ genannt – geräumt werden muss und die dort gelagerten  Gegenstände, wie blau-weiß karierte Bettwäsche oder Schmierseife in Fässern u.ä. an die Malscher Familien – entsprechend ihrer Personenzahl – ausgegeben werden kann, hatte die Stimmung der Malscher Bevölkerung ihren Tiefpunkt erreicht.

Die nun folgende Osterwoche war durch ständige Truppenbewegungen und Tieffliegerangriffe auch auf Malscher Gebiet und Umgebung gekennzeichnet.

Pfarrer Riehle hatte die Erstkommunikanten in dieser Woche jeweils vormittags zur Probe und Vorbereitung auf die Erstkommunionfeier in die St. Cyriak-Kirche einbestellt, immer aber mit der Aufforderung, so schnell wie möglich den Weg zur Kirche und den Heimweg zu gehen und möglichst nicht auf der Straßenmitte zu laufen, weil bei einem plötzlichen Flieger- oder Artillerieangriff an den Häuserwänden ein besserer Schutz und bessere Deckung zu finden ist.

Die Situation wurde von Tag zu Tag bedrohlicher. Als Pfarrer Riehle am Samstag vor dem Weißen Sonntag, dem 7. April, die Kommunionkinder nach der letzten Probe und Unterweisung entlassen wollte, sagte er mit tiefem Ernst: „Wenn wir morgen noch alle leben, werden wir die Erstkommunion nicht – wie geplant – im Hochamt um 10.00 Uhr, sondern schon um sechs Uhr in der Frühe bei Dunkelheit in aller Stille feiern.“  

Bald, nachdem wir Kinder die Kirche verlassen hatten, wurde durch ein Artillerie-Geschoss das mittlere Kirchendach der St. Cyriak-Kirche schwer beschädigt.

Am Weißen Sonntag-Morgen liefen wir ängstlich – von unseren Müttern begleitet – mit den Kommunionkerzen in den Händen durch die noch dunklen Straßen in die Kirche. Nur wenige Altarkerzen und die Kerzen der Kommunionkinder spendeten ein kargen Licht.

Nach einer kurzen Begrüßung durch Pfarrer Riehle gingen wir in aller Stille aber sehr ernst und ohne weitere feierliche Handlung zum ersten Mal zum Tisch des Herrn.

Es war eine armselige aber für uns alle ein Leben lang unvergessliche und prägende Erstkommunionfeier.

Kaum zu Hause angekommen fanden wieder Angriffe durch feindliche Flugzeuge und Artillerie statt. So manches Haus ging an diesem Tag in Trümmer und manche Scheune stand in Flammen.

Wer konnte, half den noch wenig im Dorf verbliebenen Männer der Feuerwehr beim Löschen der Brände und beim Wegräumen der größten Trümmer.

Bei diesen Angriffen fanden auch einige Malscher Mitbürger – darunter eine Mutter einer Erstkommunikantin – den Tod. Eine Reihe von Mitbürgern hatten auch zum Teil schwere Verletzungen bekommen.

Pfarrer Riehle hat in seinen persönlichen Aufzeichnungen zum Weißen Sonntag 1945 folgendes festgehalten:

„Der Weiße Sonntag 1945 war ein herrlicher Frühlingstag mit lebhafter Fliegertätigkeit. Die Gottesdienste am Vormittag konnten zur Not gehalten werden. Dagegen wurde die Andacht am Nachmittag abgesagt. Die feierliche Erstkommunion der Kinder war am Tag zuvor schon abgesagt und die private Kommunion dafür empfohlen worden. Die meisten Kinder gingen mit ihren Angehörigen zum Tisch des Herrn. Auch das machte Eindruck.

Etwa um ½ 3 Uhr nachmittags erfolgte ein Tieffliegerangriff – weniger mit Bomben als mit Brandmunition. Da die Leute alle zu Hause waren, konnten einzelne Brände rasch gelöscht werden. Drei Scheunen gingen in Flammen auf. Ein Kranker wurde im Bett schwer verletzt, konnte aber am Leben erhalten werden.

Die sonst übliche Wallfahrt der Erstkommunikanten am Montag nach dem Weißen Sonntag musste aufgrund der äußerst dramatischen Ereignisse ausfallen.

Pfarrer Riehle hat hierzu notiert:

„Am Montag, den 9. April 1945, erfolgte in den Nachmittagsstunden wieder ein Angriff. Diesmal brannten etwa zwölf Scheunen im Ortsteil „Neudörfle“ nieder. Ein Mann wurde tödlich getroffen. In der Nacht vom Montag – Dienstag setzte wieder Artilleriefeuer ein, das an vielen Häusern schwere Schäden verursachte. Menschenleben waren nicht zu beklagen. Alles brachte die Nacht in den Kellern zu.

In den Nachmittagsstunden des Dienstags, 10. April, gab es plötzlich ein Bombardement mit Splitterbomben. In unmittelbarer Nähe des Pfarrhauses gingen welche nieder. Alle Fensterscheiben wurden demoliert, das Dach blieb gut, auch die Kirche kam gut davon. Eine Scheune brannte nieder. Die ganze Umgebung von Kirche und Pfarrhaus war in eine dichte Rauch- und Staubwolke gehüllt. Zwei Männer, drei Frauen und ein Kind mussten bei diesem Angriff ihr Leben lassen. Der Abend des Tages war unheimlich still. Vereinzelt hörte man aus dem Wald Artillerie- und Maschinengewehrfeuer. Der Feind steht am Ortseingang von Freiolsheim und Völkersbach. In banger Erwartung wird der kommende Tag erwartet. Malsch soll bis aufs Äußerste verteidigt werden. Das war geplant. Es wurde aber viel gebetet.“ Malsch wurde am frühen Morgen

Ehemaliger Hochaltar in St. Cyriak
Ehemaliger Hochaltar in St. Cyriak

des Mittwoch, 11. April, nachdem die deutschen Soldaten abgezogen waren, von französischen Truppen kampflos   einge-nommen.  Der   schreckliche  II. Weltkrieg  hatte am 8. Mai 1945 sein lang ersehntes Ende gefunden.   Als Pfarrer Riehle nach dem Morgengottesdienst in der Pfarrkirche St. Cyriak das „Te Deum Laudamus“ anstimmte, flossen nicht nur die Tränen der Freude, sondern auch Tränen der Trauer und des Schmerzes über die großen Verluste an Menschenleben und Sachwerten, die dieser verheerende Krieg gekostet hat.

Das Hoffen auf eine nun beginnende friedliche Zukunft hat die Menschen ermutigt, mit dem Wegräumen der Trümmer und dem Wiederaufbau der Häuser und Wohnungen zu beginnen. Der feierliche Teil unserer Erstkommunion mit der Erneuerung des Taufgelübdes und dem Singen der Festtagslieder der Erstkommunikanten, der am Weißen Sonntag wegen den bedrohlichen kriegerischen Ereignissen an diesem Tage ausfallen musste, wurde am Pfingstsonntag, 20. Mai 1945 im feierlichen Hochamt in der Kirche St. Cyriak mit Pfarrer Riehle und der ganzen Gemeinde in einer eindrucksvollen Weise nachgefeiert.