Jüdisches Leben in Malsch

  • Lager Gurs
  • Mahnmal deportierter badisch-jüdischer Mitbürger in Neckarzimmern
  • Erinnerungstafel an Malscher Synagoge
  • die Irrfahrt der St. Louis
  • Ausstellung 2008 "Jüdisches Leben"
  • Vortrag "lange jüdische Vergangenheit"
  • Anerkennung um Erforschung jüdischer Heimatgeschichte an Josef Bechler

Die nachfolgende Dokumentation ist aus dem Vortrag von Josef Bechler aus dem Jahre 2016 anlässlich des Gedenkens an das Ende des jüdischen Lebens in Malsch im Jahre 1940.

Die persönliche Anrede des Vortrages wurde beibehalten:

Das Ende des Jüdischen Lebens in Malsch

 

Am 22. Oktober 1940 endete nicht nur in Malsch, sondern in ganz Baden, der Pfalz und dem Saarland das jüdische Leben durch die Deportation der Juden in das im unbesetzten Frankreich gelegene Internierungslager Gurs. Ich zeige Ihnen nun einen kurzen historischen, tonlosen Film, der erst vor wenigen Jahren aufgetaucht ist und der die Deportation der letzten 75 Bruchsaler Juden nach Gurs zeigt. Man geht davon aus, dass dieser Film als Propagandafilm aufgenommen wurde um das korrekte Verhalten der Verantwortlichen zu zeigen. Dieser Film wurde unter Verschluss gehalten und nie öffentlich gezeigt. Über diesen Tag wurde in der staatlich kontrollierten Presse ebenfalls nicht berichtet. Dieser Tag wurde tot geschwiegen.

 

von diesen 75 deportierten Menschen die Sie in diesem Film gesehen haben, sind 12 Juden im Lager Gurs oder einem der Nebenlager gestorben und 39 Juden wurden anschließend in Auschwitz umgebracht. Nur 24 Bruchsaler Juden haben die Deportation durch Auswanderung, Flucht oder Untertauchen überlebt. Eine Auswanderung war in den ersten Wochen und Monaten aus Gurs noch möglich, sofern man über die notwendigen Papiere verfügte, die entsprechenden Verbindungen und das notwendige Geld hatte.

 

In Malsch ist dieser schreckliche Tag nicht auf einem Film festgehalten worden. Aber es gibt Zeitzeugenberichte, Bildmaterial und eine Vielzahl von Dokumenten die aufzeigen, was am 22. Oktober 1940 und in der Zeit danach in unserem Ort passierte.

Auch in unserem Ort endete heute vor 75 Jahren, das jüdische Leben durch die Deportation der letzten 19 Malscher Juden in das Internierungslager Gurs. Im Gemeinde-Archiv ist dies in einem Schreiben des Bürgermeisters vom 30. Dezember 1940 an den Landrat und die Gestapo in Karlsruhe dokumentiert. In diesem Schreiben wird mitgeteilt, dass am 22. Oktober 1940 die sich noch in Malsch befindlichen 19 Juden ausgewiesen wurden. Dann folgen die Namen und die Daten der 19 Juden. Der letzte Satz des Schreibens lautete:

 

Die Gemeinde Malsch ist somit seit 22. Oktober 1940 judenfrei

 Hierbei war das Wort „judenfrei“ noch unterstrichen.

 Am 22. Oktober 1940 ist dann das eingetroffen, was alle Malscher Bürger im Gemeinde-Anzeiger schon ein Jahr vorher, Anfang 1939 nachlesen konnten, als dort nach dem Synagogenbrand in Malsch und dem anschließenden Verbot aller jüdischen Geschäfte, folgendes mitgeteilt wurde:

 

Auszug aus dem Gemeindeanzeiger von Anfang 1939

 

„Zum ersten mal feiern wir den Beginn des neuen Jahres ohne jüdische Geschäfte. Nur wir Malscher können ganz die Bedeutung schätzen, die diese Tatsache für uns darstellt. Und es wird nicht bis zum Jahresende dauern, dass wir von hier berichten können: Auch Malsch ist seit Hunderten von Jahren zum ersten mal judenfrei.“

Hauptverantwortlich für die menschenverachtende Aktion am 22. Oktober 1940 waren die NS-Gauleiter von Baden und der Pfalz, Robert Wagner und Josef Bürckel. Sie sahen nach der Niederlage Frankreichs im Sommer 1940 die Möglichkeit gekommen, ihre „Gaue“ als die ersten im Deutschen Reich für „judenfrei“ zu erklären. Eine zwischen der deutschen Waffenstillstandskommission und Vertretern der französischen Vichy-Regierung getroffenen Vereinbarung beinhaltete die Abschiebung der französischen Juden und Jüdinnen aus dem Elsass und aus Lothringen. Die Gauleiter, zu deren Verwaltungsbereich die beiden besetzten Gebiete nunmehr gehörten, legten diese Vereinbarung vertragswidrig aus und veranlassten am 22. Oktober 1940 die Ausweisung der badischen, pfälzischen und saarländischen Juden und Jüdinnen nach Frankreich. Für den Transport der etwa 6500 Personen stellte die Reichsbahn neun Sonderzüge bereit, die bei Breisach den Rhein passierten. Beim Transport blieben die jüdischen Familien zusammen, erst bei der Ankunft im Lager wurden sie nach Männern und Frauen getrennt. Die Fahrt dauerte 4 Tage und 3 Nächte. Die Verpflegung erfolgte durch die franz. Armee gegen Bezahlung. Von der Endstation in Oloron wurden die Juden in Lastwagen nach Gurs gebracht.

 

Die etwa 5600 betroffenen badischen Juden erfuhren erst unmittelbar vor der Festnahme von ihrer Ausweisung. Es durfte pro Person bis zu 50 kg Gepäck und 100 RM mitgenommen werden.

 

Nach Gurs wurden aus Karlsruhe 893 Personen und aus dem Landkreis Karlsruhe 100 Personen aus 8 Orten (Bretten, Ettlingen, Flehingen, Graben, Grötzingen, Jöhlingen, Weingarten und aus Malsch die schon erwähnten 19 jüdische Mitbürger) deportiert. Nach der Aktion Gurs lebten in Baden noch etwa 820 Juden. Es handelte sich dabei um solche, die sich zum Zeitpunkt der Deportation außerhalb Badens aufhielten oder in wichtigen Rüstungsbetrieben arbeiteten, um Transportunfähige und um Mischehepartner. Das Ende der nationalsozialistischer Gewaltherrschaft erlebten in Baden nur etwa 300 der einstmals 20617 Juden, die 1933 hier wohnten. Während etwa 62 % auswandern konnten, starben ungefähr ein Viertel der badischen Juden eines gewaltsamen Todes.

Fen Heimatfreunden liegen einige Zeitzeugenberichte über den Deportationstag vor. Ein bewegender, genauer und ausführlicher Bericht teilte uns der leider vor einigen Jahren verstorbene Kurt Lang mit:

 

„Ich habe mit meinen Eltern und meiner Schwester im Nachbarhaus des Juden Julius Dreifuss in der damaligen Adolf-Hitler-Straße 123, jetzigen Hauptstraße 21 meine Jugend verbracht. Die beiden Gebäude hatten einen gemeinsamen Hof. Mit dem Julius Dreifuss verband uns ein sehr freundschaftliches Verhältnis. Julius Dreifuss war mit Betty verheiratet. Ihr einziger Sohn Isi Dreifuss, geb. am 6. März 1905 wanderte am 26. Oktober 1936 nach Amerika aus. Dort ist er früh verstorben. Nach der Zerstörung der Synagoge in Malsch am 10. November 1938 wurden die Wochenend-Gottesdienste bei unserem Nachbarn Julius abgehalten.

Nachdem viele Malscher Juden nach dem Synagogenbrand im Jahre 1938, über einen Monat inhaftiert wurden, bemühte sich auch unser Nachbar Julius mit seiner Frau Betty um eine Ausreise nach Amerika. Dies konnte er jedoch nur realisieren bei einem Verkauf seines Anwesens. Zuständig für die Ausreise nach Amerika war das Konsulat in Hamburg, wo die Eheleute Dreifuss untersucht wurden. Nach dieser Untersuchung erhielt Julius eine Zusage, während seine Frau Betty eine Absage für die Ausreise erhielt. Betty hatte zu dieser Zeit offene Füße, welche täglich behandelt werden mussten. Das Geld aus dem Verkauf seines Hauses wurde benötigt um die Überfahrt bezahlen zu können. Julius drängte meinen Vater sein Haus für 3.500,--RM zu kaufen.

 

Für meinen Vater bedeutete dies zu jener Zeit ein kleines Vermögen. Am 27. September 1940 emigrierte dann Julius als letzter Jude aus Malsch. Seine Frau Betty konnte er nicht mitnehmen. Sie wohnte weiterhin wie bisher im Haus, welches jetzt allerdings meinem Vater Anton gehörte. Neben Betty waren noch weitere 18 Juden zu diesem Zeitpunkt in Malsch.

 

Am 22. Oktober 1940, in der Morgendämmerung holte man ohne Vorwarnung die noch 19 in Malsch verbliebenen jüdische Mitbürger ab und brachte sie zu einem vor dem damaligen Adolf- Hitler- Platz stehenden LKW. Die Juden wurden durch die jetzige Hauptstraße getrieben. Der LKW war versehen mit Sitzbänken, wo die Juden Platz nehmen mussten.

 

Auch meine jüdische Nachbarin Betty wurde abgeholt. Sie hatte meiner Mutter Anna gerufen und gesagt: „Anna, die holen uns, helft mir doch“! Die Uniformierten waren erbarmungslos. Sie ruften nur „raus, raus“ , haben die Türen abgeschlossen und verplombten diese. Mitnehmen durfte Betty nichts, gar nichts. Am Nachmittag zwischen 14,00 und 15,00 Uhr, das werde ich nie vergessen, kam eine Malscher Frau zu uns in den Hof und teilte meiner Mutter mit, dass diese Menschen immer noch am jetzigen Kirchplatz ohne Essen und Trinken ausharren müssen. Meine Mutter besorgte daraufhin in der Bäckerei Melcher eine Tasche voll Brötchen, bereitete zu Hause ein Kakaogetränk, holte einige Tassen und ging mit mir zum LKW auf den Kirchplatz. Ein Wachposten mit Gewehr wollte uns dann den Zutritt verwehren. Es gab ein Disput mit meiner Mutter die ihm sagte, dass diese Menschen heute in aller Frühe abgeholt wurden ohne die Möglichkeit zu haben, noch etwas zu essen und zu trinken. Deshalb bringe ich ihnen jetzt was vorbei. Der Wachhabende antwortete meiner Mutter, ob sie nicht wisse, dass dies verboten ist. Daraufhin sagte meine Mutter ihm, er solle sich mal dort am Pfarrhaus den Aushang anschauen damit ich etwas verteilen kann. Mit großen Augen drehte sich tatsächlich der Wachhabende um und ging in Richtung Pfarrhaus. Als er zurückkam hatten die ersten schon die leeren Tassen wieder vom LKW herunter gegeben. Nachdem alles verteilt war haben wir uns unter Tränen von ihnen verabschiedet.

Erst gegen Abend ist der LKW dann mit den letzten 19 Malscher Juden abgefahren.“

Fanny Maier, geb. 13.Jan. 1876, im Jahre 1940
Fanny Maier, geb. 13.Jan. 1876, im Jahre 1940

Interessant bei diesem Zeitzeugenbericht ist noch folgendes: Nach dem Kriege mussten fast alle Malscher Bürger welche vor Kriegsende jüdisches Vermögen erworben hatten zum Teil erhebliche Nachzahlungen leisten. Eine solche Zahlungsforderung ging auch bei dem Vater von Kurt Lang ein. Er bat nun den in Amerika wohnenden Julius Dreifuss, dass er ihm bestätigt, dass der Hauskauf nur auf sein Verlangen hin getätigt wurde, was dieser auch tat. Das hatte zur Folge, dass bei ihm auf eine Nachzahlung verzichtet wurde. Auch die Erbengemeinschaft des Arthur Loeb, bei der 5 Familienmitglieder in Auschwitz umgebracht wurden, verzichteten auf eine Nachforderung an die Familie Grässer in dankbarer Anerkennung und wirklich menschlicher Hilfe, die er ihren verstorbenen Eltern geleistet hatte. Sie sehen, auch Malscher Juden zeigten trotz ihrer negativen Erfahrungen menschliche Größe.

 

Ein weiterer Zeitzeuge, Eugen Heinzler, berichtete wie er sah, als die jüdischen Nachbarn seiner Großeltern, die Eheleute Löb Maier und Bertha Maier mit einem Holz- Leiterwagen beladen mit Brennholz, in ihren Hof in der Adlerstr. 37 fuhren. Dort stand der Malscher Ortspolizist der die beiden bereits erwartete. Es gab ein kurzes Gespräch. Daraufhin ließen die Eheleute ihre Holz-Leiterwagen mit dem Brennholz im Hof stehen und gingen sofort in ihr Haus. Es dauerte keine halbe Stunde und beide kamen gemeinsam mit einem Koffer und einer Tasche aus dem Haus. Seit diesem Zeitpunkt hat Eugen Heinzler beide nicht mehr gesehen.

 

Die Zeitzeugin Gertrud Fauth, teilte mir mit, dass sie sich noch als Kind genau erinnern konnte, als ihre unmittelbare Nachbarin Fanny Maier am 22. Oktober 1940 von einem auswärtigen SA-Mann abgeholt wurde. Die damals 64-jährige Fanny Maier hatte nur eine kleine Tasche bei sich als sie ihre Wohnung verlassen musste. Kurz bevor Fanny von ihrer Miet-Wohnung die sich im Haus des Baugeschäft Franz A. Kunz, in der Adlerstraße 34 befand beim Dorfbach anlangte, warf sie noch einen Blick zurück auf ihre Wohnung. Dies nahm der SA Mann zum Anlass, ihr einen Tritt zu verpassen.

 

Das Lager Gurs

wohin auch die 19 Malscher Juden deportiert wurden, war in 13 Blöcken aufgeteilt, wobei jeder Block aus 22 bis 30 Baracken bestand und mit Stacheldraht umzäunt war. Neun Blöcke waren für die Männer bestimmt, das sind die Baracken auf der rechten Seite der Straße und streng davon getrennt vier Blöcke für die Frauen, welche sich auf der linken Straßenseite befanden. Insgesamt bestand das Lager aus ca. 380 Baracken.

 

Diese primitiven Holzhütten waren 25 Meter lang und 5 Meter breit. Durch das schadhafte Dach lief unaufhörlich der Regen. Eine alte elektrische Leitung war zwar da, aber kein Strom. Fenster hatten die Baracken keine, sondern nur hölzerne Klappen. So hatten die 50 bis 60 Menschen in jeder Baracke die Wahl, ob man die Klappen schloss und im Dunkeln war, oder sie öffnete, und Kälte und Regen damit hereinließ. Im Innern der Baracken war nur ein verschmutzter Holzboden. Sonst nichts. Die Baracke war leer. Kein Stuhl, kein Tisch, nichts Bettähnliches. Die ersten Nächte musste man einfach auf dem Holzboden schlafen. Und da man den ganzen Tag stehen musste und schließlich müde wurde, musste man sich auch am Tage auf den Fußboden legen. So näherte man sich immer mehr der Lebensweise von Tieren. Erst nach einigen Tagen kam schließlich Stroh, auf das man sich legen konnte. In jeder Baracke stand ein Ofen, der aber zu klein war und wegen der fehlenden Isolierung keine Wirkung zeigte, außerdem mangelte es ständig an Brennmaterial.

Luftaufnahme von Gurs aus dem Jahre 1943
Luftaufnahme von Gurs aus dem Jahre 1943

Außer der fast zwei Kilometer langen Lagerstraße waren alle Wege zwischen den Baracken nicht befestigt und verwandelten sich daher bei Regen und im Winter in ein einziges Schlammloch. Jeder Block hatte zwei Latrinen, die im Freien aufgestellt waren und aus mehreren Holzverschlägen bestanden. Für Alte und Kranke war es ein Martyrium, diese Aborte bei Sturm und Regen und in der Nacht im aufgeweichten Schlammboden zu erreichen. Waschgelegenheiten gab es in beschränkter Zahl, eine warme Dusche stand jedoch erst nach mehreren Monaten und dann nur selten zur Verfügung. Die hygienischen Verhältnisse waren katastrophal. Überall wimmelte es von Ratten und Wanzen.

 

Von dem französischem Internierungslager Gurs hat die englische Luftaufklärung am 28. Februar 1943 das nebenstehende Foto erstellt, wo man die bereits erwähnten 13 Blöcke des Lagers gut erkennen kann:

Die Ernährung in Gurs war gänzlich ungenügend. So war es nicht verwunderlich, dass innerhalb des 1 Jahres schon ca. 1000 Menschen, meist alte Leute und Kinder starben.

Im März 1941 fand eine Verlagerung vieler Menschen von Gurs in andere Lager statt.

- Betagte Menschen kamen in das Camp Noé

- Schwerbehinderte kamen nach Récébédou

- Größere Familien kamen nach Rivesaltes

Am 6. August 1942 begannen dann die Transporte in die Vernichtungslager des Ostens, meist nach Auschwitz. Ende des Jahres 1943 war das Lager Gurs geräumt.

Die deportierten 19 jüdischen Malscher Bürger
Die deportierten 19 jüdischen Malscher Bürger

Es stellt sich nicht nur für mich die Frage:

 

Wer waren die 19 Menschen, die am 22. Oktober 1940 noch hier wohnten und warum hatten diese jüdischen Mitbürger Malsch noch nicht verlassen?

 

Zu Beginn des Jahres 1938, also bevor die Synagogen brannten, wohnten noch 76 Juden in Malsch. Nach den Ereignissen im Jahr 1938 war den meisten jüdischen Mitbürgern wohl klar, dass es keine Zukunft für sie in Deutschland mehr geben wird. Das war auch der Grund, dass alle bis auf die 19 Personen ihr Heimatdorf größtenteils in Richtung Amerika, teils über Umwege und Zwischenstationen verließen.

 

Als es für die, die es konnten noch möglich war Deutschland zu verlassen, war dies gar nicht so einfach, denn man kann nicht nur die Koffer packen und gehen. Es mussten die vorhandenen Grundstücke, die Häuser und das Mobilar verkauft werden. Der Gang zum Notar, zu den Behörden und vielen weiteren amtlichen Stellen war dazu notwendig.

 

Es waren die Forderungen und Schulden zu begleichen. Hierbei möchte ich noch erwähnen, dass ab dem Jahre 1938 die Gegenwerte der verkauften Häuser und der Grundsstücke vom Erwerber generell auf ein Konto eingezahlt werden mussten, wobei die Juden darüber nur mit Genehmigung der amtlichen Stellen verfügen konnten. Von diesen Guthaben wurden auch die Judenabgabe bezahlt, nachdem jeder Jude als Sofortmaßnahme nach der Pogromnacht 20 % seines Vermögens in vier Raten innerhalb eines Jahres an das Finanzamt abzuführen hatte. Für jeden jüdischen Haushalt war festgelegt worden, dass monatlich nur zwischen ca. 200,-- und 400,-- RM ohne Genehmigung der amtlichen Stellen für Lebensmittel und die Dinge des täglichen Bedarfs abgehoben werden durften. Geld und Wertgegenstände konnten die Juden bei ihrer Ausreise ab Ende 1938 keines mehr mitnehmen.

 

Wer waren also die 19 Malscher Juden, die trotz allem noch in Malsch blieben oder bleiben mussten?

Die Beweggründe dürften wohl bei allen unterschiedlich gewesen sein. Bemerkenswert ist die Tatsache, dass bei den meisten von ihnen Malsch nicht nur ihr Wohnort, sondern auch ihr Geburtsort war. Von diesen 19 jüdischen Mitbürgern wurden 14 in Malsch geboren. Das Durchschnittsalter der am 22. Oktober 1940 noch hier wohnenden Juden betrug 64 Jahre. Es waren also alles ältere Menschen.

 

Kurz vor der Deportation nach Gurs emigrierten noch Julius Dreifuss ohne seine Frau Betty und Gustav Maier ohne seine Frau Fanny. Beide bekamen aus verschiedenen Gründen für ihre Frauen zunächst keine Einreiseerlaubnis für Amerika. Aber beiden gelang es noch ihre Ehefrauen von Gurs aus, nach Amerika zu holen.

 

Die meisten der noch in Malsch verbliebenen Juden waren ledig wie Ludwig Dreifuss, Nanette Maier, Max Maier und seine Schwester Sofie Maier, Frieda Maier und ihr verwitweter Vater Samuel Maier, Leopold Stern, Salomon Stern und seine Schwester Emilie Stern. Einige ältere Paare hatten keine Kinder, wie Maier Max und seine Frau Ella, oder das kinderlose Ehepaar Löb Maier und Berta Maier.

 

Wo sollten diese hoffnungslosen Menschen in ihrem Alter denn hingehen? Die meisten hatten keine nahen Angehörigen. Malsch war doch ihr Heimatdorf. Fast alle konnten keine Fremdsprachen. Die teure Überfahrt konnten sich die wenigsten leisten. Auch die Nachbarländer wie die Schweiz schlossen ihre Grenzen für die Juden. Am härtesten traf es wie immer und überall, die Ärmsten.

 

Tragisch ist auch das Schicksal von Sigmund und Clara Maier, den Eltern von Louis und Agathe Maier. Wie Louis Maier in seinem Buch „Empfänger unbekannt verzogen“ festgehalten hat, gelangte er und seine Schwester in einer abenteuerlichen Flucht kurz vor der Deportation am 22. Oktober 1940 noch nach Amerika. Beiden Kindern gelang es aber nicht mehr rechtzeitig ihre Eltern aus Gurs zu befreien. Im Buch von Louis Maier sind viele Briefe von Sigmund und Clara Maier an ihre Kinder, die jetzt in Amerika lebten, festgehalten. Die Briefe geben einen kleinen Einblick über die damaligen Verhältnisse im Lager Gurs. Dabei muss man aber berücksichtigen, dass die Briefe der Zensur unterlagen. Man konnte bestimmte Informationen nur verschlüsselt wiedergeben, wie den untenstehenden Hinweis:

Teil eines Briefes von Clara Mayer an ihre Kinder Ludwig und Agathe
Teil eines Briefes von Clara Mayer an ihre Kinder Ludwig und Agathe


 

"Wenn ich Frau Ettlinger und Regine, Suse Berg und all die übrigen bekannten Kinder sehe, bin ich von Herzen froh, Euch nicht hier zu haben. Wir haben hier viele alte Leute, deren Kinder sie mit Sehnsucht erwarten, die haben sich einen Platz angelegt, so schön und so groß wie der in Malsch hinterm Dachsbau".

Damit war der Friedhof in Malsch gemeint und die Mitteilung, dass viele alte Menschen im Lager gestorben sind

Der Viehhändler Albert Stern und seine Frau Anna wurden zusammen mit den weiteren 17 Malscher Juden ebenfalls nach Gurs deportiert. Dort starb am 20. Januar 1941 Anna Stern. Nach dem Tod seiner Frau kam Albert Stern von Gurs in das Lager Les Milles, wo u.a. auch Lion Feuchtwanger, Golo Mann, Max Ernst und weitere Intellektuelle interniert waren. Von dort gelangte Albert Stern über Umwege noch nach Amerika.

Von den 19 nach Gurs deportierten jüdischen Mitbürgern aus Malsch sind:

6 jüdische Mitbürger im Lager Gurs gestorben

2 jüdischer Mitbürger verstarben im Lager Récébédou

1 jüdischer Mitbürger verstarb im Lager „Noe“

5 jüdische Mitbürger fanden in Auschwitz den Tod

4 jüdische Mitbürger gelangten über Gurs in die USA

1 jüdischer Mitbürger blieb in Frankreich

14 von den 19 Malscher Juden haben die Deportation nicht überlebt. Für die sechs im Lager Gurs verstorbenen Malscher Juden wurde nach dem Krieg jeweils ein Gedenkstein in Gurs aufgestellt.

Es ist davon auszugehen, dass alle fünf überlebenden Malscher Juden von Gurs aus in andere Lager verlegt wurden, und dadurch von den Transporten ab August 1942 in die Vernichtungslager verschont blieben.

Auf dem Friedhof in Gurs befinden sich noch weitere sieben Grabsteine von in Malsch geborenen Juden, die aber von anderen Orten nach Gurs deportiert wurden.

Stolpersteine für Samuel und Frieda Maier
Stolpersteine für Samuel und Frieda Maier

 

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Für die in Auschwitz umgebrachten und für die in anderen Lagern verstorbenen Malscher Juden gibt es zwar keine Grabsteine, aber zum Gedenken und als Erinnerung in unserem Ort die vor einigen Jahren auf Initiative der Heimatfreunde verlegten „Stolpersteine“.

 

 

Anordnung durch Robert Wagner vom 23.10.1940
Anordnung durch Robert Wagner vom 23.10.1940

Bereits einen Tag nach den Deportationen, am 23. Oktober 1940 regelte der Gauleiter und Reichsstatthalter von Baden, Robert Wagner, in einer Anordnung mit sofortiger Wirkung, was mit dem jüdischen Vermögen geschehen soll.

Der wichtigste Satz in dieser Verordnung lautete:

Das gesamte Vermögen der aus Baden ausgewiesenen Juden wird beschlagnahmt und dem Land Baden für verfallen erklärt.

Einen Monat später, am 22. November 1940 wurde vom „Generalbevollmächtigten für das jüdische Vermögen in Baden“ den Bürgermeistern in einem Rundschreiben mitgeteilt, dass die Wohnungen der evakuierten Juden durch das Ortsgericht zu inventarisieren sind. Auch wurde um einen Vorschlag für einen Versteigerungstermin gebeten. Die Schlüssel zu den Wohnungen wurden von der Geheimen Staatspolizei an die Bürgermeister übergeben.

Beschlagnahmte Lebensmittel im Hause Löb Maier
Beschlagnahmte Lebensmittel im Hause Löb Maier

Von diesem Zeitpunkt an trugen die Bürgermeister die Verantwortung für die Wohnungen. Der Ablauf der Inventarisierung der „Judenwohnungen“ war genau geregelt. Das Siegel an jeder Wohnung wurde zu Beginn der Inventarisierung durch einen Gendarmeriebeamten gelöst. Er musste während der ganzen Amtshandlung des Ortsgerichts anwesend sein. Anschließend wurde eine Durchsuchung der Wohnung auf vorhandenes Bargeld, Kostbarkeiten, sowie staatspolizeilich und vermögensrechtlich wesentliche Papiere vorgenommen. Staatspolizeilich wesentliche Papiere waren der Geheimen Staatspolizei zu überstellen, die übrigen Sachen mit genauer Angabe des Eigentümers waren an den Generalbevollmächtigten für jüdisches Vermögen zu senden.

Es musste ein Inventarverzeichnis über die vorgefundenen Gegenstände mit Angaben des Schätzwertes angelegt werden. Dabei waren folgende Vorkehrungen zu treffen: Sämtliches nicht sichergestellte Schriftgut, jüdische Bücher sowie sonstige staatspolizeilich unerwünschte oder verbotene Literatur und jüdische Kultgegenstände waren zum Versand an das Gauarchiv der NSDAP Karlsruhe mit genauer Angabe des ursprünglichen Eigentümers bereit zu stellen. Sämtliche „Judenbilder“ (auch Fotographien) waren nach Entfernung der Rahmen an Professor Günther nach Freiburg zu senden, ebenfalls mit genauer Familienangabe. Professor Günther, gilt neben anderen als Urheber der nationalsozialistischen Rassenideologie.

Vorgefundene Lebensmittel waren umgehend der Nationalsozialistische Volkswohlfahrt zu übergeben.

Von dem im Haus des Löb Maier am 8. November 1940 vorgefundenen Lebensmittel ist eine Aufstellung erhalten geblieben. Diese dort aufgefundenen Lebensmittel wurden in das Armenhaus der Gemeinde, ins Spital gebracht.

Verzeichnis der Wertgegenstände aus den
Verzeichnis der Wertgegenstände aus den
Wohnungen der jüdischen Bürger
Wohnungen der jüdischen Bürger

Erlöse durch Versteigerung der Inventare
Erlöse durch Versteigerung der Inventare

Wie man der Aufstellung entnehmen kann, befanden sich Teile der Synagogeneinrichtung bei Ludwig Dreifuss. Sein Haus stand am Platz der heutigen Sparkasse.

Bei Löb und Bertha Maier fand man u.a. 4 goldene Eheringe und ein Sparbuch mit über 3.900,-- RM.

 

Anhand dieser Liste ist u.a. zu ersehen, dass bei der Inventarisierung die zwei Gebetsriemen des Albert Stern als staatspolitisch wichtige Gegenstände betrachtet wurden.

 

 

Das Inventar aus den jüdischen Wohnungen in Malsch wurde Anfang 1941 versteigert und erbrachte einen Betrag von 10.681,00 Reichsmark, wie aus dem gezeigten Versteigerungsprotokoll ersichtlich ist:

 

Empfangsbestätigung des Verkaufserlöses der Versteigerungen
Empfangsbestätigung des Verkaufserlöses der Versteigerungen

Wie man dieser Aufstellung entnehmen kann, befanden sich Teile der Synagogeneinrichtung bei Ludwig Dreifuss. Sein Haus stand am Platz der heutigen Sparkasse. Bei Löb und Bertha Maier fand man u.a. 4 goldene Eheringe und ein Sparbuch mit über 3.900,-- RM.

 

Anhand dieser Liste ist u.a. zu ersehen, dass bei der Inventarisierung die zwei Gebetsriemen des Albert Stern als staatspolitisch wichtige Gegenstände betrachtet wurden.

 

Das Inventar aus den jüdischen Wohnungen in Malsch wurde Anfang 1941 versteigert und erbrachte einen Betrag von 10.681,00 Reichsmark, wie aus dem gezeigten Versteigerungsprotokoll ersichtlich ist.

Von diesem Versteigerungserlös machte die Gemeinde Malsch bei 11 von den hier am 22. Oktober 1940 weggebrachten Juden Ansprüche für Grundsteuer und Wasserzins in der Höhe von insgesamt 330,-- RM geltend, wie es in einem Schreiben vom 11. Januar 1941 hieß. 

Die Zeitzeugin Frau Gertrud Fauth schilderte mir die Versteigerung des Inventars ihrer Nachbarin Fanny Maier wie folgt:

„Ein fremder SA-Mann stand am offenen Fenster der Wohnung meiner Nachbarin Fanny Maier und zeigte den anwesenden Malscher Bürgern die jeweiligen Gegenstände und bat um ein Angebot.“

 

Wie Sie sehen, ergab der Versteigerungserlös für die Einrichtungsgegenstände bescheidene 305,90 RM. Geld und Wertgegenstände oder sonstige staatspolitisch interessante Gegenstände wurden bei Fanny, der Ehefrau von Gustav Maier, nicht gefunden. Die Versteigerungen fanden in den Wohnungen der Juden statt.

 

Die sichergestellten Gegenstände wurden am 28. März 1941 über die Gemeindeschutzpolizei der Abteilung Jüdisches Vermögen im Polizeipräsidium Karlsruhe abgeliefert.

Die Malscher Juden mussten in den Jahren 1938 und 1939 bis auf drei Gebäude ihre Wohnhäuser an Malscher Bürger verkaufen, um Geld zu haben für eine Ausreise oder für die Zahlung der Judenabgabe.

 

Ein Verkauf von Grundbesitz, der 1941 noch möglich war, wurde im Juni 1942 mit sofortiger Wirkung eingestellt. Weitere Verkäufe wurden bis zur Beendigung des Krieges zurückgestellt, wie es damals in einem Rundschreiben hieß.

 

Aus diesem Grunde blieb das Wohnhaus der Emilie Stern in der Adlerstraße 3, das Wohnhaus von Löb und Bertha Maier in der Adlerstraße 72 und das Wohnhaus des im Lager Récébédou verstorbenen Ludwig Dreifuss in jüdischem Besitz. Dort fand man auch, wie ich vorher schon erwähnte, Teile der Synagogeneinrichtung.


Anzeigen im Gemeindeanzeiger vom 5.August 1940

Alle drei Wohnhäuser welche nach dem Kriege noch in jüdischem Besitz waren, wurden von den alten Eigentümern, bzw. deren Erben über den Gemeinde-Anzeiger im Jahre 1950 zum Verkauf angeboten und im Jahre 1951 von Malscher Bürgern erworben.

Wohnhaus der Familie Stern
Wohnhaus der Familie Stern

Emilie Stern war die einzige Malscher Jüdin, die als Überlebende nach dem Kriege für kurze Zeit, vom September bis zum November 1951 wieder nach Malsch in ihr Haus in die Adlerstraße zog.

 

Emilie Stern

Sie hatte das Lager Gurs, bzw. das Lager Noé überlebt und blieb zunächst in Montaubau/Südfrankreich in einem Hospital. Nach ihrem kurzen Aufenthalt in Malsch, kehrte sie wieder in das Hospital in Montaubau zurück, wo sie auch verstarb. Auf einer Stele für die Opfer der Nazi-Herrschaft die sich auf dem Friedhof befindet, ist Emilie Stern irrtümlich als Opfer vermerkt.

 

So wie ich aus den mir vorliegenden Dokumenten ersehen konnte, wurde Emilie Stern und ihre Malscher Nachbarin Bertha Maier am gleichen Tage, am 18. August 1943, vom Lager Noe in das Hospital Montaubau verlegt.

 

Auch Berta Maier hatte ursprünglich die Absicht in ihr Haus in die heutige Adlerstraße 72 zurückzukehren, nachdem sie erfuhr, dass das Haus den Krieg unversehrt überstanden hatte. Als sie von der Gemeinde Malsch jedoch erfuhr, dass ihr Haus von Flüchtlingen und Vertriebenen belegt war zog sie es vor, zu ihrem Bruder Fred in die USA zu übersiedeln. Und wie ich bereits erwähnt habe, sind die beiden Häuser 1951 von Emilie Stern und Berta Maier an Malscher Bürger verkauft worden.


Mahnmal der deportierten badischen jüdischen Mitbürger in Neckarzimmern