Waaghäusle, Hauptstraße


In Malsch wurde 1917 die Dorfwaage als „Fuhrwerkwaage“ erstellt. Damals war es eine Brückenwaage vor und eine Viehwaage in einem einfachen Blechverschlag. (siehe Foto).

Es wurden hauptsächlich landwirtschaftliche Güter wie Holz, Kohle, Obst, Gemüse, Kartoffeln und Getreide gewogen und natürlich auch Tiere. Für jeden Wiegevorgang wurde eine Gebühr erhoben. Der Wiegemeister war eine Amtsperson und wurde vereidigt.

Die alte Brückenwaage (1917 bis 1951) war nur ein Blechverschlag, vorne die Brückenwaage, im Inneren die Viehwaage.
Die alte Brückenwaage (1917 bis 1951) war nur ein Blechverschlag, vorne die Brückenwaage, im Inneren die Viehwaage.

Am 6. März 1948 erfolgte eine Besichtigung der alten Brückenwaage in Malsch durch die Spezialwerkstätte für Waagen, Hermann Brand aus Karlsruhe. Bei dieser Besichtigung hatte man  festgestellt, dass die vorhandene Brückenwaage vollkommen unbrauchbar geworden war.

Bei der vorgenommenen Nacheichung der Brückenwaage im Mai 1948 wurde ebenfalls bestätigt, dass die Gemeinde in Kürze mit dem Ausfall der derzeitigen Waage rechnen muss. Das Eichamt empfahl daher der Gemeinde, sich eine neue Brückenwaage zu beschaffen. In der Gemeinderats-Sitzung am 26. September 1951 gab der Bürgermeister dem Gremium bekannt, bekannt, dass das Eichamt Karlsruhe die alte Brückenwaage plombiert hat.

 

Nachdem die Gemeindeverwaltung eine Besichtigung verschiedener Brückenwaagen vorgenommen hatte, erfolgte am 8. Januar 1952 eine Bestellung einer neuen Brückenwaage über die Firma Hermann Brand bei der Firma Butz & Leitz in Ludwigshafen, zum Preis von 6950,-- DM. Diese Brückenwaage bei einer Brückengröße von 8 Meter mal 2,8 Meter war ausgelegt auf eine Tragfähigkeit von 25 Tonnen bei einer Wiegfähigkeit von 20 Tonnen.

Plan von 1952
Plan von 1952

Neben der Brückenwaage wurde Anfang 1952 auch der Auftrag für die generelle Überholung der vorhandenen Viehwaage erteilt. Die Überholung der Viehwaage mit einer Tragkraft von 1500 kg kostete 451,35 DM.

 

Gleichzeitig mit der Bestellung der Brückenwaage, wurde Architekt Alois Precechtel beauftragt, ein Waaghaus für die Brücken- und Viehwaage zu planen. Bei der Planung sollte berücksichtigt werden, dass der Neubau so niedrig als nur möglich gehalten wird um das Ortsbild und die Vorderansicht der Sparkasse nicht zu stören.

In der Zeit der Neubeschaffung im Jahr 1951 bis zur Wiedereröffnung 1953 stellte die Süddeutsche Teerfabrik ihre Waage zur Verfügung.

Bei der Bearbeitung des Baugesuches für das neu zu erstellende Waaghaus hatte man festgestellt, dass das betreffende Gelände nicht im Eigentum der Gemeinde Malsch steht, sondern zum Straßengelände der Kreisstraße gehört. Am 22. Juni 1953 wurde ein Grundstücksübereignungs-Vertrag zwischen dem Bad. Straßenbauamt Karlsruhe und der Gemeinde Malsch für das neu vermessene Teilstück von 5,33 Ar auf welchem das Waaghaus erstellt wurde, abgeschlossen. Ein Kaufpreis musste die Gemeinde nicht bezahlen, da dieses Gelände im Jahre 1935 kostenlos durch die Gemeindeverwaltung abgegeben wurde.

In der Zeit der Neubeschaffung von 1951 bis zur Wiedereröffnung 1953 stellte die Süddeutsche Teerfabrik ihre Waage zur Verfügung.

 

Vor Inbetriebnahme der neuen Brücken- und Viehwaage Mitte 1953 wurden 500 erforderliche Wiegekarten mit dem Aufdruck „Gemeinde Malsch- Brückenwaage“ und lfd. Nr. bestellt.  Das Gewicht wurden während des wiegen, fälschungssicher auf den Karten eingeprägt.

Die "neue" Waage mit Häuschen (1953 bis 1992). Rechts im Häuschen das Tor zur Viehwaage.
Die "neue" Waage mit Häuschen (1953 bis 1992). Rechts im Häuschen das Tor zur Viehwaage.

Die Wiegekosten für die Brückenwaage lagen bei 8 DM, bei der Viehwaage 5 DM bei Großvieh und 4 DM bei Kleinvieh. Viele Nebenerwerbslandwirten gaben ihre in den 1960er Jahren ihre Viehhaltung in Malsch auf. Dies zeigte sich an der Nutzung der Waage. 1991 wurden noch 443 DM erwirtschaftet, 1992 gab es noch elf Wiegevorgänge, der Erlös sank auf 110 DM. Deshalb wurde die Waage wurde am 1. Dezember 1992 geschlossen.

Die Möglichkeit, eine Waage zu benutzen war aber weiterhin gegeben, da die Süddeutsche Teerindustrie zusagte, dass bei ihr Wiegevorgänge abgewickelt werden können.

 

Auf der Bachseite des Waaghäuschens befand sich die integrierte Viehwaage. Diese stillgelegte Viehwaage wurde ausgebaut und aufbewahrt, um in einem später zu schaffenden Heimatmuseum an die ländliche Vergangenheit von Malsch zu erinnern.

 

Ein beliebtes Spiel der Malscher Jugend war das Schaukeln auf der Dorfwaage.

Wilhelm Holl, 36 Jahre Wiegemeister in Malsch
Wilhelm Holl, 36 Jahre Wiegemeister in Malsch

Der Waagmeister Wilhelm Holl, (geb. 28.12.1904,  gest. 26.12.1991) wohnte in der Fasanenstraße (Ombertsgass). Er war von 1952 bis 1988 für 36 Jahre der Wiegemeister von Malsch. Seine Ehefrau Luise half beim Verhindertenfall aus. Ihre Schwiegertochter Ingeborg Holl war dann letzte Waagmeisterin. 

 

Übrigens, schon 1992 wurde im Rathaus darüber spekuliert, den Bach wieder frei zu legen. Das geschah aber nicht.

Januar 2018 fotografiert
Januar 2018 fotografiert

Das Wieggebäude stand dann eine Zeit lang leer. Es wurde Mitte der 90er von der türkischen Familie Gürsoy von der Gemeinde gemietet. Es gab dort den ersten türkischen Kebab in Malsch. Die Gemeinde baute damals Toiletten ein. Später wurde das Häuschen an verschiedene andere vermietet. Der Holzanbau erfolgte in dieser Zeit. Der letzte chinesische Imbiss zog im März 2018 aus.

Planungsentwurf 2017
Planungsentwurf 2017

Im Zuge der Baumaßnahme "Hochwasserschutz Bachverdohlung" soll eine Aufwertung des öffentlichen Raums erfolgen. Deshalb muss das ehemalige Waaghäusel abgerissen werden. Das Büro Pesch & Partner entwickelte eine Platzgestaltung rund um das Gebiet des ehemaligen „Waaghäusel“, welche Elemente beinhalten, die bereits im 1. Bauabschnitt vom Adlerkreisel in Richtung Sézanner Straße Verwendung fanden. Angedacht sind Hochbeete, Bäume und ein Wasserspiel. 

 

Der Abbruch des ortsbildprägenden Waaghäusel wurde am März 2018 begonnen.

Anekdoten

Wenn z.B. Metzger Kühn sein Schlachtvieh gewogen hatte, trieb er es durch die Fasanenstraße zu seiner Metzgerei in der Friedrichstraße, heutige Reinigung Duhr. Dort wurden die Tiere geschlachtet. Bei eisigem Winter lief das Blut über die Straße und wurde zu Eis.

 

Christel Storz erzählt: Fast jeden Montagmorgen von 6:00 Uhr bis 8:00 Uhr wurden viele Schweine gewogen. Diese schrien vor Angst immer sehr laut, was die Anwohner der nahen Wohnhäuser sehr störte. Sie bedauerte diese Tiere.

  

Der Holzstand der Viehwaage war fast immer "durchnässt". "Gnitze" Bauern tränkten das zu verkaufende und noch zu wiegende Vieh im heimischen Stall mit Wasser über den Durst hinaus. Das brachte auch Gewicht auf die Waage und führte oftmals beim Wiegevorgang zu dem "feuchten" Viehstand.

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