Die alte Weinstraße

Die Weigstraße bei Höfen an der Enz
Die Weigstraße bei Höfen an der Enz

Was immer wieder Anlass zu Spekulationen gibt, ist der Name der Alten Weinstraße. Für eine Handelsstraße wäre es naheliegend, nach häufig auf ihr beförderten Waren benannt worden zu sein. Neben dem Wegenamen an sich würde für das Handelsgut Wein auch der umfangreiche Weinbau rund um das hochmittelalterliche Gernsbach und seine Funktion als Umschlagplatz für die Weinfrachten im württembergischen Raum sprechen. Doch ist dies die einzig mögliche Erklärung? Könnte für die Alte Weinstraße nicht auch ein Gewerbe namensgebend gewesen sein, so wie dies beispielsweise beim Flözerweg zwischen Bischweier und Rauental oder beim Müllerweg zwischen Waldprechtsweier und Muggensturm der Fall gewesen ist?

Nehmen wir die Straßennetze in Ötigheim, Kuppenheim, Haueneberstein und Balg unter die Lupe, so wird unsere Aufmerksamkeit auf das Töpferhandwerk gelenkt, da diese Orte mit Hafnerstraßen und -wegen aufwarten. Bei Haueneberstein könnte selbst der Ortsname auf eine Verschreibung von „Haveneberstein“ zurückgehen. Ferner erinnern wir uns an das südpfälzische Städtchen Rheinzabern, zur Römerzeit „Tabernae“ genannt, das als bedeutendste römische Töpfersiedlung nördlich der Alpen gilt.

Was könnte wohl unser Umland für die Hafner so attraktiv gemacht haben? Vielleicht besonders hochwertige Rohstoffvorkommen? Und tatsächlich: Aus der Geologischen Übersichtskarte von Baden-Württemberg erfahren wir, dass entlang der Vorbergzone zwischen Malsch und Balg an mehreren Stellen kaolinhaltige Sande anstehen, bekannter unter der Bezeichnung „Pfeifenerde“ oder „Weiße Tonerde“. Vor allem das benachbarte Elsass ist mit diesem Rohstoff reich gesegnet: Im Vergleich zu den Vorkommen im Hagenauer Forst erscheinen dieselben auf rechtsrheinischem Territorium fast verschwindend gering.

Die Töpferwege des nördlichen Schwarzwaldes und seiner Umgebung
Die Töpferwege des nördlichen Schwarzwaldes und seiner Umgebung

Der chemische Aufbau der weißen Tonerde verleiht dem daraus gebrannten Scherben eine hohe Feuerbeständigkeit, Festigkeit und Dichtigkeit. Über die Lagerstätten in Baden weiß Johann Andreas Demian in seiner Schrift „Geographie und Statistik des Großherzogthums Baden“ aus dem Jahre 1820 zu berichten, dass „das Großherzogthum an mehreren Orten guten Töpferthon und Pfeifenerde hat, besonders zu Balg und Malsch, wo sich eine vorzügliche weiße und schwarze Pfeifenerde befindet.“ Darüber hinaus beschreibt ein Gutachten aus der Zeit um 1800 die Qualität der Tonerde im Malscher Gewann „Klingen“ folgendermaßen: „Im Klingenwald befindet sich eine vorzügliche Erde, die dem Ansehen nach eine wirkliche Pfeifenerde ist. Sie enthält viel Fettigkeit und wenig Sand und den zum Geschirr benötigten, mit Kiesel vermischten kalkfreien Ton.“ Es nimmt daher nicht Wunder, dass selbst die Fayence-Fabriken in Rotenfels und Durlach ihre Tonerde aus diesen Gruben bezogen.

Pfeifenerde-Vorkommen bei Hagenau und am Ausgang des Murgtals (rot hervorgehoben)

Dank dieses Bodenschatzes entwickelten sich in der Umgebung von Hagenau und Kuppenheim Hafnerzentren, deren Erzeugnisse von Kaufleuten oder den Handwerkern selbst in die Dörfer und Städte der Umgebung gebracht und dort verkauft wurden. Begünstigt wurde dieser Handel durch den sich vermutlich schon zu Zeiten der Römer zwischen Rastatt und Selz befindlichen Rheinübergang. Deshalb dürfen wir davon ausgehen, dass auch elsässische Töpferware in Ufgau, Kraichgau und Nordschwarzwald ihre Abnehmer gefunden hat.

Diese These des ausgedehnten Handels mit Hafnerware wird durch einen Blick ins einstige Hafnerzentrum Steinach/Wolferszell in Niederbayern gestützt, wo der berühmte Steinacher Volkskundler Josef Schlicht in seiner 1908 erschienenen „Geschichte von Steinach“ berichtet, dass von den insgesamt 10 Steinacher Töpfereien das halbe Gäuland seine „Hafen, Suppenschüsseln, Bratreinen, Milchweitel und Trinkkrugeln“ bezogen habe. Der Vertrieb der bis ins 19. Jahrhundert hinein betriebenen Massenfabrikation soll auf riesigen Schleppzügen und eigens angefertigten „Kreinzerwagen“ stattgefunden haben.

Doch gehen wir wieder zurück ins Badische! Sollte es im südlichen Ufgau tatsächlich einmal ein Töpferzentrum gegeben haben, müsste die Silbe „Wein“ aus „Alte Weinstraße“ irgendwie mit Hafnerware in Verbindung gebracht werden können. Doch wo liegen die sprachlichen Gemeinsamkeiten dieser beiden so unterschiedlichen Begriffe? - Keine Bange, die Lösung liegt eigentlich ganz nahe!

Das Pfeifenerdevorkommen bei Kandern in Südschwarzwald
Das Pfeifenerdevorkommen bei Kandern in Südschwarzwald

Bei unserem gedanklichen Ausflug in die Welt unserer Altvorderen dürfen wir nämlich nicht vergessen, dass in jener Zeit auch etwas anders geschrieben und gesprochen wurde als wir es heute gewohnt sind. Die Menschen bedienten sich damals des sogenannten „Althochdeutschen“, einer Entwicklungsstufe der deutschen Sprache, die im Mittelalter zwischen 500 - 1070 n. Chr. geläufig war. Damals gab es ein Wort namens „weiga“, das im modernen Sinne „Schale“ und „Schüssel“ bedeutet. Schalen und Schüsseln wurden in alter Zeit nicht nur aus Holz oder Metall, sondern auch aus Ton hergestellt und waren damit typische Hafnerware. Demzufolge müsste die Alte Weinstraße ursprünglich „Alte Weigstraße“ genannt worden sein, ehe der Sinn des Wortes „weiga“ im Laufe der Zeit in Vergessenheit geriet und infolgedessen von der Bevölkerung in das verständlichere „Wein“ umgedeutet wurde.

Diese neue Erkenntnis macht neugierig und gibt Anlass zu fragen: Gab es noch weitere „Weigstraßen“ in unserer Gegend?

Nehmen wir zur Beantwortung dieser Frage Blatt 42 der Schmitt’schen Karte von Südwestdeutschland aus dem Jahre 1797 zur Hand! Darin entdecken wir bei genauem Hinsehen nördlich von Höfen an der Enz den Eintrag „Weigstraße“. Diese Feststellung gibt uns gleich in zwei Punkten Gewissheit:

1.) Die Umdeutung der „Weigstraße“ zur „Weinstraße“ ist nicht aus der Luft gegriffen und 

2.) es gab neben der Alten Weinstraße mindestens noch eine weitere Weigstraße. 

Die „Weigstraße“ bei Höfen an der Enz

 

Sicher ist jedenfalls, dass es im Gebiet zwischen Rhein und Nagold neben der Alten Weinstraße noch eine ganze Menge weiterer Töpferwege gibt, die sich jedoch nicht alle auf das Wort „weiga“ zurückführen lassen. Das Althochdeutsche kennt nämlich noch vier andere Begriffe für verschiedene Arten von Gefäßen, die da wären:

 

„koph“           

            =>            

Becher, Schale, Krug, Schöpfgefäß

 „hafan“        

=>      

Gefäß, Topf, Kessel, Kochtopf

„phatena“     

=>      

Pfanne, Schüssel

„bolla“

            =>           

Becher, Schale, kugelförmiges Gefäß

 

Schließlich sei noch ein wichtiges mittelhochdeutsches Wort (ca. 1070 - 1500 n. Chr.) erwähnt:

 

 

„ulner“

            =>           

Töpfer

Mit diesem Wissen ausgestattet können wir nun in alten Urkunden und historischen wie aktuellen Karten auf Spurensuche gehen. Als wertvolles Hilfsmittel erweist sich bei dieser Arbeit die für den badischen Landesteil vorliegende Deutsche Grundkarte im Maßstab 1 : 5000, da sie nahezu alle Flurnamen enthält, die für die Rekonstruktion alter Wegetrassen unverzichtbar sind.

 

Mit Hilfe folgender Auflistung soll nun der Versuch unternommen werden, einen Überblick über das dichte Netz an Töpferwegen in unserer Heimat zu vermitteln.  Zur Orientierung ist in Klammern der jeweilige  Trassenverlauf angegeben.

 

Wege der „koph“-Gruppe

 

Kippstraße (Bruchhausen?

            =>

Knorpliger-Stein-Schlag [Hartwald]

=>

(Rheinau)

Kippstraße   

=>

(Knorpliger-Stein-Schlag [Hartwald]

=>

Muggensturm / identisch mit Häfenweg)

Koppensträßel             (Ötigheim

=>

   

Muggensturm/Kuppenheim)


Dem Wortlaut nach könnten die beiden Kippstraßen auch dem althochdeutschen Wort „kipa“ entstammen. Dieses bedeutet „Kiepe“ und „Korb“, wobei im Zusammenhang mit einem alten Handelsweg die Kiepe zutreffender erscheint. Diese ist ein großer (Weiden-) Korb, der üblicherweise auf dem Rücken getragen wird und früher zum Transport der unterschiedlichsten Gegenstände Verwendung fand. Da es sich bei den beiden Kippstraßen und dem Koppensträßel um sehr seltene Wegenamen handelt, die noch dazu im Hartwald in solch geringer räumlicher Entfernung zueinander auftreten, ist ein Zusammenhang zwischen den dreien mehr als wahrscheinlich. Dies umso mehr, als dass die vom Knorpligen-Stein-Schlag nach Muggensturm führende Kippstraße auch unter dem Namen Häfenweg bekannt ist, der sich zweifelsohne auf Tonwaren bezieht. Am Rande sei bemerkt, dass die Wege im Hartwald schon zu allen Zeiten starken Veränderungen in ihrer Trassenführung unterworfen waren. Dies lässt sich ganz gut am Pirschweg nachvollziehen, der vor 150 Jahren noch viel geschwungener durch den Hartwald führte, als dies heute der Fall ist.

 

 Wege der „hafan“-Gruppe

 

Häfenweg

(Knorpliger-Stein-Schlag [Hartwald] => Muggensturm / identisch mit Kippstraße)

Häfenweg

(Knorpliger-Stein-Schlag [Hartwald] => Forchheim Silberstreifen / identisch mit Kutschenweg)

Häfenweg           

(Völkersbach => Waldprechtstal)

Häfenweg           

(Knorpliger-Stein-Schlag [Hartwald] => Rüppurr [laut einem Dokument aus dem Jahre 1836 ist dieser Weg identisch mit dem Pirschweg])

Häffegass            

(am Eichelberg bei Oberweier)

Hafnersteige      

            (westlich der Enz bei Neuenbürg)

Wege der „phatena“-Gruppe

Alte Badstraße

(Calmbach => Siehdichfür => Oberkollbach => Hirsau)

Badstraße    

(Bruchhausen Bahnhof => Landstraße [alte B 3])

Badweg        

(Iffezheim => Oos)

Badweg        

(nahe des Calmbacher Bahnhofs)

Batt(en)weg 

(Jöhlingen => Binsheim => Gondelsheim => Neibsheim => Büchig => Bauerbach => Flehingen)

Battstraße    

(Rüppurr)

Es gilt bei den Wegen auf „Bad…“ zu berücksichtigen, dass es vielerorts (Schwimm-) Bäder gibt, die für den ein oder anderen der erwähnten Wege namensgebend gewesen sein können. Beim Batt(en)weg im Kraichgau ist eventuell ein Zusammenhang mit der im Jahre 1841 als „Schwefelbad“ bezeichneten Schwefelquelle zwischen Flehingen und Zaisenhausen zu sehen. Ferner könnte sich der Badweg zwischen Iffezheim und Oos auf die Stadt Baden-Baden beziehen. 

Wege der „bolla“-Gruppe

Bollenhohl              (zwischen Malsch und Sulzbach)

Da die Bollenhohl eine Geländeterrasse innerhalb der Vorbergzone durchschneidet, ist auch ein Übergang deren Namens auf die Hohl möglich. Vielleicht wurde diese Geländeformation einst „Bollenbühl“ oder einfach nur „Bollen“ genannt und der hier gelegene Einschnitt folglich „Bollenhohl“ getauft.

Wege der „ulner“-Gruppe

Ulmersweg             (im Waldprechtstal unterhalb Freiolsheim)

Laut einer Notiz beim früheren Landesdenkmalamt Karlsruhe sollen vor vielen Jahren im Waldprechtstal bei Malsch-Waldprechtsweier in der Nähe des Ulmersweges die Reste einer Töpferei entdeckt worden sein. Dies würde darauf hindeuten, dass der Ton aus den Gruben der Rheinebene in den Schwarzwald geschafft wurde, da das holzhungrige Hafnergewerbe dort seinen Brennholzbedarf decken konnte. Ebenfalls im Waldprechtstal befindet sich das sogenannte Weinbrünnle. Sollte es etwas mit der Wasserversorgung der Töpferei zu tun gehabt haben? Weinbrunnen gibt es darüber hinaus auch im Murgtal östlich von Forbach unterhalb der Alten Weinstraße und bei Marxzell-Pfaffenrot. Ein Zusammenhang mit dem Weinbau kann allerdings auch nicht ausgeschlossen werden, da es sich jeweils um sonnige Süd- und Westhänge handelt, an denen die Weinbrunnen entspringen.

(Alte) Weinsteige    

(Neuenbürg? => Waldrennach => Langenbrand => Schömberg? => Igelsloch? => Siehdichfür?)

Alte Weinstraße

(Gernsbach => Besenfeld => Klosterreichenbach)

Neue Weinsteige    

(Neuenbürg => Langenbrand)

Weigstraße

(bei Höfen an der Enz)

Weingässle

(Neusatz => Dobel)

Weinpfad

(Durmersheim => Muggensturm)

Weinstraße

(Besenfeld => Simmersfeld => Oberweiler => Hofstett => Oberreichenbach => Siehdichfür => Schömberg? => Langenbrand? => Pforzheim?)

Weinstraße  

(Althengstett => Gechingen)

Weinsträßle 

(Calmbach? => Langenbrand => Salmbach? => Pforzheim?)

Weinweg      

(Moosalbtal => Metzlinschwander Hof)

Weinweg      

            (im Holzbachtal bei Straubenhardt)

Weinweg      

(in Rintheim)

                                  

Die Straßennamen auf „Wein…“ lassen viel Raum zur Spekulation. Denn Wein war schon zu allen Zeiten ein geschätztes Handelsgut und kann daher als Wegename grundsätzlich überall zutreffend sein. Man denke nur an den Weinzehnten, der von vielen Dörfern an die Klöster im Schwarzwald abgeliefert werden musste. Der obige Ausschnitt aus der Schmitt’schen Karte von Südwestdeutschland belegt hingegen, dass es im Nordschwarzwald auch mindestens eine „echte“ Weigstraße gegeben haben muss.  

Wege der „weiga“-Gruppe

Aus dieser Aufstellung wird deutlich, dass sich das Gros der Töpferwege im Gebiet zwischen Rastatt, Karlsruhe, Pforzheim und Freudenstadt befindet. Orts- und Gewannnamen wie zum Beispiel „Zuberhaus“ könnten darauf hinweisen, dass auch auf den Schwarzwaldhöhen Gefäße zum „Export“ hergestellt wurden – nur eben nicht aus Ton, sondern aus dem hier in großen Mengen vorhandenen Holz. In Anbetracht der vielen unbefestigten Steigen im Bereich des Schwarzwaldes dürfen wir annehmen, dass die Hafnerware mittels Kiepen oder Packeseln transportiert wurde. Ochsenkarren wären für diese Wegeverhältnisse wohl zu sperrig und zu schwer gewesen; zudem musste die zerbrechliche keramische Fracht vor allzu starken Erschütterungen bewahrt werden, wie sie bei der Beförderung in hölzernen Wägen unvermeidlich gewesen wären.

Da wir gerade von den Wegeverhältnissen im Gebirge sprachen, soll an dieser Stelle noch kurz auf die Namensgebung einiger Berge eingegangen werden. Weil der scharfe Blick unserer fantasievollen Altvorderen in den Formationen einiger Geländeerhebungen ein umgestülptes Gefäß zu erkennen glaubte, wurden diese Berge beispielsweise als Kippenkopf, Kipf, Kapf, Kübelberg, Kuppelstein, Staufenberg [althochdeutsch „stoufa“ = Becher], Wannenkopf, Hohe Wanne, Hefelskopf und Bottenberg bezeichnet. Angesichts jenes uralten Fernweges in der Vorbergzone des Schwarzwaldes namens „Alte Bergstraße“ könnte es sich bei den anfangs geschilderten Töpferwegen auch um umgangssprachliche Bezeichnungen für „Bergstraße“ handeln. Denn wenn man für bestimmte Berge in Kraichgau und Schwarzwald Töpfe, Schüsseln, Becher und Pfannen als Namensgeber wählt, warum sollte man dann die sie durch- bzw. überquerenden Verkehrswege nicht auch nach diesen Behältnissen benennen? Gegen diese Theorie spricht hingegen das stark gehäufte Auftreten der Hafnerwege im Nordschwarzwald, während man sie im mittleren und südlichen Schwarzwald vergeblich sucht.

Zwei dem Verfasser bekannte Ausnahmen bilden nahe der Dobelhöfe bei Wutach der Flurname „Weinstraße“ und beim Stadtteil Allmut von Waldshut-Tiengen das Gewann „Weinweg“. Sollten auch hier einst die Keramikhändler unterwegs gewesen sein, könnte als deren Ausgangspunkt das Töpferstädtchen Kandern im Südschwarzwald in Frage kommen. Dort gibt es nämlich ein weiteres Pfeifenerdevorkommen, das schon seit hunderten von Jahren ausgebeutet wird. 

Übrigens hat „unsere“ Alte Weinstraße noch einen hessischen Namensvetter, der von Frankfurt nach Hildesheim führt. Es ist geradezu bezeichnend, dass unmittelbar westlich dieser Trasse das bekannte „Kannenbäckerland“ liegt, in dem die Töpfertradition durch Funde bis weit in die vorchristliche Zeit nachgewiesen werden konnte.

Leider sind die goldenen Zeiten des Hafnerhandwerks in unserer Region längst vorbei. Bis auf wenige Ausnahmen konnten sich die kleinen häuslichen Betriebe im Konkurrenzkampf mit der Industrie nicht durchsetzen. So hatte beispielsweise Malsch im Jahre 1760 noch stolze fünf Hafnereien, deren Zahl sich bis 1814 auf drei Betriebe verringerte. 40 Jahre später war dieses Gewerbe in Malsch ausgestorben.

Erfreulicher ist die Lage bei unseren französischen Nachbarn im Elsass: Dort wird am Rande des Hagenauer Forstes in den Dörfern Betschdorf und Sufflenheim die Töpferei bis heute als Kunsthandwerk betrieben. Die dazu benötigte tonhaltige Erde wird im angrenzenden Hagenauer Forst abgebaut. Schon Kaiser Friedrich Barbarossa soll im 12. Jahrhundert von den Sufflenheimer Töpfern mit Krippenfiguren aus Ton beschenkt worden sein, da er ihnen das Recht erteilte, im Hagenauer Forst die für ihre Arbeit benötigte Pfeifenerde abzubauen.

Abschließend sei angemerkt, dass die spannende Erfassung und Erforschung der alten Hafnerwege mit diesem Aufsatz noch längst nicht abgeschlossen ist. Er soll in erster Linie die überörtlichen Zusammenhänge der historischen Handelswege aufzeigen und die Heimatforscher vor Ort zu Nachforschungen in ihren jeweiligen Gemeindearchiven ermuntern. Dort gibt es in alten Dokumenten und Karten bestimmt noch vieles zu entdecken. So zeigte sich beim Kartenstudium, dass sich auffallend viele mittelalterliche Burgen in der Nachbarschaft der Hafnerwege befinden. Sollten einige der Burgen im Nordschwarzwald vielleicht nicht nur zum Schutze wertvoller Eisenerzgruben, sondern auch zur Kontrolle der Töpferwege errichtet worden sein? Die Reisenden werden es den Burgherren gedankt haben – auf den entlegenen Straßen durch den weitestgehend menschenleeren Wald dürfte sich damals allerhand „Gesindel“ herumgetrieben haben…

Thomas Meyer

Quellen:

l  Geschichte des Dorfes Haueneberstein (www.bad-bad.de)

l  Geschichte der Stadt Gernsbach (www.naturparkschwarzwald.de)

l  Geschichte der Stadt Kandern (www.kandern.de)

l  Ernst, Lore: Die Geschichte des Dorfes Malsch, Malsch (1954)

l  Schneider, Ernst: Die Flurnamen der Gemarkung Malsch, Malsch (1965)

l    Bullinger, Gerhard: Burg Waldenfels in den Spielfinken, Malsch (2006)

l    Schwarzmaier, Hansmartin: Straßen und Verkehrswege im nördlichen Schwarzwald im Verlauf seiner Erschließung im Hochmittelalter in: Zeitschrift für die Geschichte des Oberrheins, 155. Band, Stuttgart (2007)

l Köbler, Gerhard: Alt- und Mittelhochdeutsches Wörterbuch (www.koeblergerhard.de)

l  Demian, Johann Andreas: Geographie und Statistik des Großherzogthums Baden, Heidelberg 1820

l  „Kaolin“ und „Rheinzabern“ auf Wikipedia

l Traditionelles Kunsthandwerk im Elsaß (www.elsass.ws)

l  Keramik „Auf der Speck“ (www.heusingerwaubke.de)

l Landesvermessungsamt Baden-Württemberg: TOP 25 BW, Stuttgart (2007)  

l  Landesvermessungsamt Baden-Württemberg: Schmitt’sche Karte von Südwestdeutschland, Blatt 42, Stuttgart (1986)

l  Kommission für geschichtliche Landeskunde in Baden-Württemberg in Verbindung mit dem Landesvermessungsamt Baden-Württemberg: Historischer Atlas von Baden-Württemberg, Stuttgart (1972-1988)

 

 

 

 


Das Geheimnis der alten Weinstraße

Wegweiser an der Alten Weinstraße oberhalb von Gernsbach
Wegweiser an der Alten Weinstraße oberhalb von Gernsbach

Ein Hafnerzentrum im Ufgau?

Wie der Handel mit Hafnerware unser Wegenetz prägte

All jenen, die des Öfteren auf Schusters Rappen den Nordschwarzwald durchwandern, dürfte sie wohlbekannt sein: Die sagenumwobene Alte Weinstraße. Sie erklimmt bei Gernsbach steil ansteigend die Höhenzüge östlich des Murgtals und überwindet dabei auf einer Strecke von nur 8 km einen Höhenunterschied von beachtlichen 740 m. Nach dieser Phase des steilen Anstiegs hat sie bei der Langmartskopfhütte eine Höhe von ca. 900 m über dem Meer erreicht und führt nun leicht geschwungen und ohne nennenswerte Höhenänderungen vorbei an Hohloh und Schramberg (gemeint ist der Berg südöstlich von Forbach) um schließlich das Dörfchen Besenfeld zu erreichen.

Angesichts ihrer Streckenführung, die das unwegsame Murgtal fernab menschlicher Ansiedlungen auf kürzestem Wege umgeht, scheint es sich bei der Alten Weinstraße um einen historischen Fernweg zu handeln. Ihre herausragende Stellung hat sie im Laufe der  Jahrhunderte keineswegs eingebüßt; vielmehr ist sie heute in Wandererkreisen als Abschnitt des „Mittelweges“ des Schwarzwaldvereins wohlbekannt und zwischen Hohloh und Langmartskopf sogar Bestandteil des legendären Westweges.

Pfeifenerde-Vorkommen bei Hagenau und am Ausgang des Murgtals (rot hervorgehoben)
Pfeifenerde-Vorkommen bei Hagenau und am Ausgang des Murgtals (rot hervorgehoben)

Die Alte Weinstraße wird erstmals im 12. Jahrhundert im Reichenbacher Schenkungsbuch als „via communis quae ducit per silvam“, also als Höhenweg entlang dem Murgtal, urkundlich erwähnt. Der Historiker Hansmartin Schwarzmaier zieht in Erwägung, dass die Alte Weinstraße von den Grafen von Eberstein ausgebaut worden sein könnte – besaßen diese doch die Vogteirechte über das Kloster Reichenbach im Murgtal.

Viele alte Fernwege, darunter auch die Alte Weinstraße, hatten im Mittelalter und der frühen Neuzeit das Geleitstraßenprivileg inne. Auf Geleitstraßen genossen die Reisenden den besonderen Schutz des Landesherrn. Das Geleit wurde den Reisenden meist in Form eines schriftlichen Dokuments mit auf den Weg gegeben. Sollte ihnen unterwegs dennoch etwas zustoßen, musste der Geleitsherr für die Schäden haften. Nur in besonderen Fällen wurde das Geleit durch eine bewaffnete Mannschaft ausgeübt, so bei fürstlichen Personen, bei fremden Truppenkörpern und bei Kaufleuten, zumal wenn diese in großen Zügen mit ihren Waren bestimmten Messeorten zustrebten.