Dorf Kucura in der Vojvodina (früher: Batschka)

Karlsruherin stellte Dokumentation über ihr jugoslawisches Heimatdorf vor

25 Jahre Forscherfleiß auf 900 Seiten

Christine Kaltenecker stammt, wie viele der 275 nach dem Krieg in Malsch gelandeten Jugoslawien-Flüchtlinge, aus dem Dorf Kucura in der Vojvodina (früher: Batschka). Von dort musste sie im Jahr 1944 mit ihrer Familie fliehen und fand nach verschiedenen Stationen einer fast eineinhalbjährigen Flucht in Karlsruhe eine neue Heimat. Fast 25 Jahre lang sichtete sie Archivalien und schrieb eine Dokumentation über ihr Heimatdorf. Diese stellte sie jetzt im Malscher Rathaus vor.

Es mutete fast wie ein kleines Kucurer Heimattreffen an, zu dem sich Malscher Bürger mit der Autorin Christine Kaltenecker trafen. Sie war nach Malsch gekommen, um ihr Werk „Familienbuch Kucora. Ein Dorf in der Batschka“ vorzustellen. Schnell war ein intensives Gespräch mit den Besuchern über Herkunft und Beziehungen von Familien im Gange, deren Nachnamen Enis, Filippi, Haas, Hartwich Lorenz oder Roth auf ihre Abstammung hindeuten.

Erst im Alter von fast 50 Jahren („Viel zu spät!“) startete  Christine Kaltenecker im Jahr 1985 mit ihrer Forschungsarbeit. „Begonnen hat alles damit, dass mich eine Verwandte in Australien nach bestimmten familiären Zusammenhängen fragte“, berichtete die Autorin. Schnell bekam die Arbeit, die sie und auch ihren Man fast ein Vierteljahrhundert lang in Anspruch nahm, eine Eigendynamik. Unglaublich viel Zeit und ein kleines Vermögen musste sie investieren, um an Archivalien in Wien, Budapest und Archiven in der Vojvodina zu gelangen. „Und da ich Serbisch und Ungarisch nicht so gut beherrsche, um sie zu lesen, brauchte ich oft Übersetzer, die mir halfen, die gefundenen Aufzeichnungen, Kirchen- und Standesbücher auszuwerten.“ Mancher Bakschisch musste bezahlt werden, um Archivtüren überhaupt zu öffnen.

Inhaltlich ist das Werk von Christine Kaltenecker vor allem eine Familiengeschichte. Es finden sich dort unzählige biografische Einträge und Verweise auf familiäre Zusammenhänge. In kurzen Kapiteln schreibt sie über die bäuerlichen Lebensumstände in dem Dorf, das seit Beginn des 19. Jahrhunderts eine deutsche Bevölkerungsgruppe besaß, über Gesundheitswesen, über Mundart, Sitten und Gebräuche. In einer Auflage von 150 Exemplaren vertreibt die Autorin das Buch selbst.

Interessant, so waren sich die Zuhörer mit Christine Kaltenecker einig, dass es in Kucura ein friedliches Miteinander verschiedener ethnischer Gruppen möglich war. Gegen Ende des Krieges besaß das Dorf rund 4.300 Einwohner. Neben den etwa 1.000 Ungarn lebten dort etwa 2.400 ursprünglich aus Weißrussland stammende Ruthenen. Die Deutschen zählten rund 830 Personen. Heute gebe es keine deutsche Bevölkerungsgruppe mehr, so Christine Kaltenecker, die nach wie vor regelmäßig nach Kucura reist, um Freunde und Verwandte zu besuchen.

Im Anschluss an die Buchvorstellung übergab Christine Kaltenecker ein Exemplar ihres zweibändigen, rund 900 Seiten starken Buches an die Heimatfreunde Malsch. Josef Bechler zeigte sich von dem Werk und vom Forscherfleiß Christine Kalteneckers sehr beeindruckt. Er dankte ihr für das umfangreiche Nachschlagewerk zur Geschichte des Dorfes Kucura und seiner deutschen Bevölkerungsgruppe. Mit diesem Werk können die Heimatfreunde in Zukunft viele Fragen nach der Herkunft der aus Jugoslawien stammenden Deutschen beantworten. „Interessant ist übrigens“, fasste der Vereinsvorsitzende seine bisherigen Erfahrungen aus Malsch zusammen, „dass diese Fragen heute vor allem von den Enkeln an die Großeltern gestellt werden. Vielleicht ist die Zeit jetzt reif dafür. 

Quelle: MAZ Nr. 28 vom 14. Juli, Seite 4 - Thomas Schönknecht