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Was geschah noch vor 60 Jahren?

 

Über die Zustände in manchen amerikanischen wie auch französischen Kriegsgefangenenlagern hat  Eugen Nies anlässlich unserer Ausstellung  „Kriegsende vor 60 Jahren“  sowohl in Worten als auch durch Bilder kurz berichtet.  Was er aber, nachdem er dem damaligen Inferno lebend entkommen konnte, anschließend noch erlebte, hat er später in seinen Erinnerungen wie folgt festgehalten: 

„D i e   H e i m k e h r

Am Freitag, 27.Juli 1945, konnten wir endlich, unbeschreiblich glücklich, das riesige Gefangenenlager mit seinen über 20 Einzelcamps und sicher um die 200.000 Gefangenen verlassen. Mensch, man soll es kaum glauben: Wir konnten auf einmal sogar wieder aufrecht gehen. wenn auch nur sehr mühsam. Aber nicht sehr weit. Denn im nächsten Dorf, ich weiß nicht mehr, wie es hieß, erhielten wir als erstes Lebensmittelkarten. Diese waren viel wichtiger als Geld, was wir ja ohnehin nicht mehr hatten. Im nächsten Laden bekamen wir von guten Menschen - auch ohne Geld - Brot und etwas Käse. Auf der Staffel vor dem Laden sitzend aßen wir uns zuerst einmal so richtig satt, um dann von einer Frau mit nach Hause genommen zu werden, wo es auch noch Bohnensalat und genug Kartoffeln für uns gab. Anschließend, es war schon fast Abend geworden, richtete sie für uns - wir waren zu zweit - noch provisorische Schlafstellen ein, was wir gerne annahmen. O war das ein himmlisches Gefühl, endlich mal wieder wie in einem Bett zu schlafen.

 

 Überall in den Lagern werden Erdlöcher als Schutz vor Wind und Kälte gegraben

Am nächsten Morgen brachte uns ein offener Güterzug nach Bingen. Irgendwann ging es von dort  per Bahn weiter nach Weinheim. Über Nacht gelangten wir dann, wie weiß ich gar nicht mehr, nach Heidelberg. Dort sagte man uns, dass erst gegen Abend der nächste Zug Richtung Karlsruhe fahren werde. Sonntag Morgen! Solange wollte ich einfach nicht warten, also trottete ich, zu tragen hatte ich ja nichts, los Richtung Autobahn. In deren Nähe befand sich ein großer Bauernhof, wo es für uns, wir waren wieder zu zweit, sogar ein Mittagessen gab. Danach ab auf die Autobahn, einfach auf gut Glück weiter Richtung Süden. Und man soll es kaum glauben: Nach nicht allzu langer Zeit kam tatsächlich ein Traktor und nahm uns ein Stück, wie er meinte, mit. Der gute Mensch wollte nach Durlach fahren! Wir hätten am liebsten ein Halleluja gejubelt. So also kamen wir bis nach Durlach. Und dort mit der Straßenbahn, welche schon wieder fuhr, zum Karlsruher Hauptbahnhof. Da sah ich einen mir bekannten Eisenbahner, er hieß Zimmer, mit seinem Fahrrad. Und den bat ich inständig, er möge doch, wenn er in Malsch sei, meinen Eltern sagen, dass ich bald komme und arg Hunger habe. Wir aber gelangten, vermutlich  mit der Albtalbahn (?), nach Ettlingen. Von dort aus, es waren ja nur noch zehn Kilometer, liefen wir so rasch wir konnten, weiter Richtung Malsch.

Zwischen Ettlingen und Bruchhausen kommen mir dann drei Radfahrer entgegen: Vater, Mutter und Schwester Liesel. Ich bleibe wie angewurzelt stehen - und alle drei fahren an mir vorbei! Erkannten mich also nicht wieder. Doch dann, kaum 20 Meter weiter: Mutter dreht sich plötzlich um und schreit: „O mei Bu !“. Noch heute für mich immer wieder zum Heulen. Wie wir dann nach Malsch kommen, läuten gerade die Glocken der Pfarrkirche zur sonntäglichen Abendandacht.

Welch unbeschreiblicher, herrlicher Empfang!

Bei der Gemeinde meldete ich mich aber erst am Dienstag, 31. Juli 1945 zurück. Ich brauchte einfach etwas Zeit, um zu begreifen, dass ich wieder daheim sei.

Die nächsten Tage und Wochen waren dann trotz aller Freude schon recht hart. Ich konnte zum Beispiel in meinem (weichen) Bett einfach nicht schlafen, musste bei Nacht zwischendurch immer wieder etwas essen, bekam bald die Krätze und geschwollene Augen wegen Nierenproblemen.

Trotzdem aber ging es von Tag zu Tag, wenn auch langsam, wieder aufwärts, mit einem Wort:  DAHEIM.    Deo gratias.“

Da sich dieser „Heimkehrtag“ morgen, also am Freitag, 29. Juli 2005, zum 6o. Mal jährt, ist es doch wert, sich rückblickend wieder an solche und noch viele andere schlimme Nachkriegsschicksale zu erinnern.

Die beiden Bilder stammen aus dem Buch ‚Der geplante Tod‘ von James Bacque.