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Ein Hafnerzentrum im Ufgau?
Wie der Handel mit Hafnerware unser Wegenetz prägte
All
jenen, die des Öfteren auf Schusters Rappen den Nordschwarzwald
durchwandern, dürfte sie wohlbekannt sein: Die sagenumwobene Alte
Weinstraße. Sie erklimmt bei Gernsbach steil ansteigend die Höhenzüge
östlich des Murgtals und überwindet dabei auf einer Strecke von nur 8 km
einen Höhenunterschied von beachtlichen 740 m. Nach dieser Phase des
steilen Anstiegs hat sie bei der Langmartskopfhütte eine Höhe von ca.
900 m über dem Meer erreicht und führt nun leicht geschwungen und ohne
nennenswerte Höhenänderungen vorbei an Hohloh und Schramberg (gemeint
ist der Berg südöstlich von Forbach) um schließlich das Dörfchen
Besenfeld zu erreichen.
Angesichts
ihrer Streckenführung, die das unwegsame Murgtal fernab menschlicher
Ansiedlungen auf kürzestem Wege umgeht, scheint es sich bei der Alten
Weinstraße um einen historischen Fernweg zu handeln. Ihre herausragende
Stellung hat sie im Laufe der Jahrhunderte
keineswegs eingebüßt; vielmehr ist sie heute in Wandererkreisen als
Abschnitt des „Mittelweges“ des Schwarzwaldvereins wohlbekannt und
zwischen Hohloh und Langmartskopf sogar Bestandteil des legendären
Westweges.

Wegweiser
an der Alten Weinstraße oberhalb von Gernsbach
Die Alte Weinstraße wird erstmals im 12.
Jahrhundert im Reichenbacher Schenkungsbuch als „via communis quae ducit
per silvam“, also als Höhenweg entlang dem Murgtal, urkundlich erwähnt.
Der Historiker Hansmartin Schwarzmaier zieht in Erwägung, dass die Alte
Weinstraße von den Grafen von Eberstein ausgebaut worden sein könnte –
besaßen diese doch die Vogteirechte über das Kloster Reichenbach im
Murgtal.
Viele
alte Fernwege, darunter auch die Alte Weinstraße, hatten im Mittelalter
und der frühen Neuzeit das Geleitstraßenprivileg inne. Auf Geleitstraßen
genossen die Reisenden den besonderen Schutz des Landesherrn. Das Geleit
wurde den Reisenden meist in Form eines schriftlichen Dokuments mit auf
den Weg gegeben. Sollte ihnen unterwegs dennoch etwas zustoßen, musste
der Geleitsherr für die Schäden haften. Nur in besonderen Fällen wurde
das Geleit durch eine bewaffnete Mannschaft ausgeübt, so bei fürstlichen
Personen, bei fremden Truppenkörpern und bei Kaufleuten, zumal wenn diese
in großen Zügen mit ihren Waren bestimmten Messeorten zustrebten.
Was
immer wieder Anlass zu Spekulationen gibt, ist der Name der Alten Weinstraße.
Für eine Handelsstraße wäre es naheliegend, nach häufig auf ihr beförderten
Waren benannt worden zu sein. Neben dem Wegenamen an sich würde für das
Handelsgut Wein auch der umfangreiche Weinbau rund um das
hochmittelalterliche Gernsbach und seine Funktion als Umschlagplatz für
die Weinfrachten im württembergischen Raum sprechen. Doch ist dies die
einzig mögliche Erklärung? Könnte für die Alte Weinstraße nicht auch
ein Gewerbe namensgebend gewesen sein, so wie dies beispielsweise beim Flözerweg
zwischen Bischweier und Rauental oder beim Müllerweg zwischen
Waldprechtsweier und Muggensturm der Fall gewesen ist?
Nehmen
wir die Straßennetze in Ötigheim, Kuppenheim, Haueneberstein und Balg
unter die Lupe, so wird unsere Aufmerksamkeit auf das Töpferhandwerk
gelenkt, da diese Orte mit Hafnerstraßen und -wegen aufwarten. Bei
Haueneberstein könnte selbst der Ortsname auf eine Verschreibung von „Haveneberstein“
zurückgehen. Ferner erinnern wir uns an das südpfälzische Städtchen
Rheinzabern, zur Römerzeit „Tabernae“ genannt, das als bedeutendste römische
Töpfersiedlung nördlich der Alpen gilt.
Was
könnte wohl unser Umland für die Hafner so attraktiv gemacht haben?
Vielleicht besonders hochwertige Rohstoffvorkommen? Und tatsächlich: Aus
der Geologischen Übersichtskarte von Baden-Württemberg erfahren wir,
dass entlang der Vorbergzone zwischen Malsch und Balg an mehreren Stellen
kaolinhaltige Sande anstehen, bekannter unter der Bezeichnung
„Pfeifenerde“ oder „Weiße Tonerde“. Vor allem das benachbarte
Elsass ist mit diesem Rohstoff reich gesegnet: Im Vergleich zu den
Vorkommen im Hagenauer Forst erscheinen dieselben auf rechtsrheinischem
Territorium fast verschwindend gering. Der chemische Aufbau der weißen
Tonerde verleiht dem daraus gebrannten Scherben eine hohe Feuerbeständigkeit,
Festigkeit und Dichtigkeit. Über die Lagerstätten in Baden weiß Johann
Andreas Demian in seiner Schrift „Geographie und Statistik des Großherzogthums
Baden“ aus dem Jahre 1820 zu berichten, dass „das Großherzogthum an
mehreren Orten guten Töpferthon und Pfeifenerde hat, besonders zu Balg
und Malsch, wo sich eine vorzügliche weiße und schwarze Pfeifenerde
befindet.“ Darüber hinaus beschreibt ein Gutachten aus der Zeit um 1800
die Qualität der Tonerde im Malscher Gewann „Klingen“ folgendermaßen:
„Im Klingenwald befindet sich eine vorzügliche Erde, die dem Ansehen
nach eine wirkliche Pfeifenerde ist. Sie enthält viel Fettigkeit und
wenig Sand und den zum Geschirr benötigten, mit Kiesel vermischten
kalkfreien Ton.“ Es nimmt daher nicht Wunder, dass selbst die
Fayence-Fabriken in Rotenfels und Durlach ihre Tonerde aus diesen Gruben
bezogen.

Pfeifenerde-Vorkommen
bei Hagenau und am Ausgang des Murgtals (rot hervorgehoben)
Dank dieses Bodenschatzes entwickelten sich in der
Umgebung von Hagenau und Kuppenheim Hafnerzentren, deren Erzeugnisse von
Kaufleuten oder den Handwerkern selbst in die Dörfer und Städte der
Umgebung gebracht und dort verkauft wurden. Begünstigt wurde dieser
Handel durch den sich vermutlich schon zu Zeiten der Römer zwischen
Rastatt und Selz befindlichen Rheinübergang. Deshalb dürfen wir davon
ausgehen, dass auch elsässische Töpferware in Ufgau, Kraichgau und
Nordschwarzwald ihre Abnehmer gefunden hat.
Diese
These des ausgedehnten Handels mit Hafnerware wird durch einen Blick ins
einstige Hafnerzentrum Steinach/Wolferszell in Niederbayern gestützt, wo
der berühmte Steinacher Volkskundler Josef Schlicht in seiner 1908
erschienenen „Geschichte von Steinach“ berichtet, dass von den
insgesamt 10 Steinacher Töpfereien das halbe Gäuland seine „Hafen,
Suppenschüsseln, Bratreinen, Milchweitel und Trinkkrugeln“ bezogen
habe. Der Vertrieb der bis ins 19. Jahrhundert hinein betriebenen
Massenfabrikation soll auf riesigen Schleppzügen und eigens angefertigten
„Kreinzerwagen“ stattgefunden haben.
Doch
gehen wir wieder zurück ins Badische! Sollte es im südlichen Ufgau tatsächlich
einmal ein Töpferzentrum gegeben haben, müsste die Silbe „Wein“ aus
„Alte Weinstraße“ irgendwie mit Hafnerware in Verbindung gebracht
werden können. Doch wo liegen die sprachlichen Gemeinsamkeiten dieser
beiden so unterschiedlichen Begriffe? - Keine Bange, die Lösung liegt
eigentlich ganz nahe!
Bei
unserem gedanklichen Ausflug in die Welt unserer Altvorderen dürfen wir nämlich
nicht vergessen, dass in jener Zeit auch etwas anders geschrieben und
gesprochen wurde als wir es heute gewohnt sind. Die Menschen bedienten
sich damals des sogenannten „Althochdeutschen“, einer
Entwicklungsstufe der deutschen Sprache, die im Mittelalter zwischen 500 -
1070 n. Chr. geläufig war. Damals gab es ein Wort namens „weiga“, das
im modernen Sinne „Schale“ und „Schüssel“ bedeutet. Schalen und
Schüsseln wurden in alter Zeit nicht nur aus Holz oder Metall, sondern
auch aus Ton hergestellt und waren damit typische Hafnerware. Demzufolge müsste
die Alte Weinstraße ursprünglich „Alte Weigstraße“ genannt worden
sein, ehe der Sinn des Wortes „weiga“ im Laufe der Zeit in
Vergessenheit geriet und infolgedessen von der Bevölkerung in das verständlichere
„Wein“ umgedeutet wurde.
Diese
neue Erkenntnis macht neugierig und gibt Anlass zu fragen: Gab es noch
weitere „Weigstraßen“ in unserer Gegend?
Nehmen
wir zur Beantwortung dieser Frage Blatt 42 der Schmitt’schen Karte von Südwestdeutschland
aus dem Jahre 1797 zur Hand! Darin entdecken wir bei genauem Hinsehen nördlich
von Höfen an der Enz den Eintrag „Weigstraße“. Diese Feststellung
gibt uns gleich in zwei Punkten Gewissheit:
1.)
Die Umdeutung der „Weigstraße“ zur „Weinstraße“ ist nicht aus
der Luft gegriffen und
2.)
es gab neben der Alten Weinstraße mindestens noch eine weitere Weigstraße.

Die
„Weigstraße“ bei Höfen an der Enz
Sicher ist jedenfalls, dass es im Gebiet zwischen
Rhein und Nagold neben der Alten Weinstraße noch eine ganze Menge
weiterer Töpferwege gibt, die sich jedoch nicht alle auf das Wort „weiga“
zurückführen lassen. Das Althochdeutsche kennt nämlich noch vier andere
Begriffe für verschiedene Arten von Gefäßen, die da wären:
| „koph“
|
=>
|
Becher,
Schale, Krug, Schöpfgefäß |
| „hafan“
|
=> |
Gefäß,
Topf, Kessel, Kochtopf |
| „phatena“ |
=>
|
Pfanne,
Schüssel |
| „bolla“
|
=> |
Becher,
Schale, kugelförmiges Gefäß |
Schließlich
sei noch ein wichtiges mittelhochdeutsches Wort (ca. 1070 - 1500 n. Chr.)
erwähnt:
Mit
diesem Wissen ausgestattet können wir nun in alten Urkunden und
historischen wie aktuellen Karten auf Spurensuche gehen. Als wertvolles
Hilfsmittel erweist sich bei dieser Arbeit die für den badischen
Landesteil vorliegende Deutsche Grundkarte im Maßstab 1 : 5000, da sie
nahezu alle Flurnamen enthält, die für die Rekonstruktion alter
Wegetrassen unverzichtbar sind.
Mit
Hilfe folgender Auflistung soll nun der Versuch unternommen werden, einen
Überblick über das dichte Netz an Töpferwegen in unserer Heimat zu
vermitteln. Zur Orientierung
ist in Klammern der jeweilige Trassenverlauf
angegeben.
Wege
der „koph“-Gruppe
| Kippstraße (Bruchhausen?
|
=> |
Knorpliger-Stein-Schlag [Hartwald] |
=> |
(Rheinau) |
| Kippstraße |
=> |
(Knorpliger-Stein-Schlag [Hartwald] |
=> |
Muggensturm / identisch mit Häfenweg) |
| Koppensträßel (Ötigheim |
=> |
|
|
Muggensturm/Kuppenheim) |
Dem Wortlaut nach könnten die beiden Kippstraßen auch dem
althochdeutschen Wort „kipa“ entstammen. Dieses bedeutet „Kiepe“
und „Korb“, wobei im Zusammenhang mit einem alten Handelsweg die Kiepe
zutreffender erscheint. Diese ist ein großer (Weiden-) Korb, der üblicherweise
auf dem Rücken getragen wird und früher zum Transport der
unterschiedlichsten Gegenstände Verwendung fand. Da es sich bei den
beiden Kippstraßen und dem Koppensträßel um sehr seltene Wegenamen
handelt, die noch dazu im Hartwald in solch geringer räumlicher
Entfernung zueinander auftreten, ist ein Zusammenhang zwischen den dreien
mehr als wahrscheinlich. Dies umso mehr, als dass die vom
Knorpligen-Stein-Schlag nach Muggensturm führende Kippstraße auch unter
dem Namen Häfenweg bekannt ist, der sich zweifelsohne auf Tonwaren
bezieht. Am Rande sei bemerkt, dass die Wege im Hartwald schon zu allen
Zeiten starken Veränderungen in ihrer Trassenführung unterworfen waren.
Dies lässt sich ganz gut am Pirschweg nachvollziehen, der vor 150 Jahren
noch viel geschwungener durch den Hartwald führte, als dies heute der
Fall ist.
Wege
der „hafan“-Gruppe
| Häfenweg |
(Knorpliger-Stein-Schlag
[Hartwald] => Muggensturm / identisch mit Kippstraße) |
| Häfenweg |
(Knorpliger-Stein-Schlag
[Hartwald] => Forchheim Silberstreifen / identisch mit
Kutschenweg) |
| Häfenweg |
(Völkersbach
=> Waldprechtstal) |
| Häfenweg |
(Knorpliger-Stein-Schlag
[Hartwald] => Rüppurr [laut einem Dokument aus dem Jahre 1836
ist dieser Weg identisch mit dem Pirschweg])
|
| Häffegass |
(am Eichelberg bei Oberweier) |
| Hafnersteige |
(westlich
der Enz bei Neuenbürg) |
Wege
der „phatena“-Gruppe
| Alte Badstraße |
(Calmbach => Siehdichfür => Oberkollbach
=> Hirsau) |
| Badstraße
|
(Bruchhausen Bahnhof => Landstraße [alte B 3]) |
| Badweg |
(Iffezheim
=> Oos) |
| Badweg |
(nahe
des Calmbacher Bahnhofs) |
| Batt(en)weg |
(Jöhlingen
=> Binsheim => Gondelsheim => Neibsheim => Büchig =>
Bauerbach => Flehingen) |
| Battstraße |
(Rüppurr) |
Es gilt bei den Wegen auf „Bad…“ zu berücksichtigen,
dass es vielerorts (Schwimm-) Bäder gibt, die für den ein oder anderen
der erwähnten Wege namensgebend gewesen sein können. Beim Batt(en)weg im
Kraichgau ist eventuell ein Zusammenhang mit der im Jahre 1841 als
„Schwefelbad“ bezeichneten Schwefelquelle zwischen Flehingen und
Zaisenhausen zu sehen. Ferner könnte sich der Badweg zwischen Iffezheim
und Oos auf die Stadt Baden-Baden beziehen.
Wege
der „bolla“-Gruppe
Bollenhohl
(zwischen Malsch und Sulzbach)
Da die Bollenhohl eine Geländeterrasse innerhalb der
Vorbergzone durchschneidet, ist auch ein Übergang deren Namens auf die
Hohl möglich. Vielleicht wurde diese Geländeformation einst „Bollenbühl“
oder einfach nur „Bollen“ genannt und der hier gelegene Einschnitt
folglich „Bollenhohl“ getauft.
Wege
der „ulner“-Gruppe
Ulmersweg
(im
Waldprechtstal unterhalb Freiolsheim)
Laut einer Notiz beim früheren Landesdenkmalamt Karlsruhe
sollen vor vielen Jahren im Waldprechtstal bei Malsch-Waldprechtsweier in
der Nähe des Ulmersweges die Reste einer Töpferei entdeckt worden sein.
Dies würde darauf hindeuten, dass der Ton aus den Gruben der Rheinebene
in den Schwarzwald geschafft wurde, da das holzhungrige Hafnergewerbe dort
seinen Brennholzbedarf decken konnte. Ebenfalls im Waldprechtstal befindet
sich das sogenannte Weinbrünnle. Sollte es etwas mit der Wasserversorgung
der Töpferei zu tun gehabt haben? Weinbrunnen gibt es darüber hinaus
auch im Murgtal östlich von Forbach unterhalb der Alten Weinstraße und
bei Marxzell-Pfaffenrot. Ein Zusammenhang mit dem Weinbau kann allerdings
auch nicht ausgeschlossen werden, da es sich jeweils um sonnige Süd- und
Westhänge handelt, an denen die Weinbrunnen entspringen.
Wege
der „weiga“-Gruppe
| (Alte) Weinsteige |
(Neuenbürg?
=> Waldrennach => Langenbrand => Schömberg? =>
Igelsloch? => Siehdichfür?) |
| Alte Weinstraße |
(Gernsbach => Besenfeld =>
Klosterreichenbach) |
| Neue Weinsteige |
(Neuenbürg
=> Langenbrand) |
| Weigstraße |
(bei Höfen an der Enz) |
| Weingässle |
(Neusatz
=> Dobel) |
| Weinpfad |
(Durmersheim
=> Muggensturm) |
| Weinstraße |
(Besenfeld => Simmersfeld => Oberweiler
=> Hofstett => Oberreichenbach => Siehdichfür => Schömberg?
=> Langenbrand? => Pforzheim?) |
| Weinstraße |
(Althengstett
=> Gechingen) |
| Weinsträßle
|
(Calmbach? => Langenbrand => Salmbach? =>
Pforzheim?) |
| Weinweg |
(Moosalbtal => Metzlinschwander Hof) |
| Weinweg |
(im
Holzbachtal bei Straubenhardt) |
| Weinweg |
(in
Rintheim) |
Die Straßennamen auf „Wein…“ lassen viel Raum zur
Spekulation. Denn Wein war schon zu allen Zeiten ein geschätztes
Handelsgut und kann daher als Wegename grundsätzlich überall zutreffend
sein. Man denke nur an den Weinzehnten, der von vielen Dörfern an die Klöster
im Schwarzwald abgeliefert werden musste. Der obige Ausschnitt aus der
Schmitt’schen Karte von Südwestdeutschland belegt hingegen, dass es im
Nordschwarzwald auch mindestens eine „echte“ Weigstraße gegeben haben
muss.

Die
Töpferwege des nördlichen Schwarzwaldes und seiner Umgebung
Aus dieser Aufstellung wird deutlich, dass sich
das Gros der Töpferwege im Gebiet zwischen Rastatt, Karlsruhe, Pforzheim
und Freudenstadt befindet. Orts- und Gewannnamen wie zum Beispiel
„Zuberhaus“ könnten darauf hinweisen, dass auch auf den Schwarzwaldhöhen
Gefäße zum „Export“ hergestellt wurden – nur eben nicht aus Ton,
sondern aus dem hier in großen Mengen vorhandenen Holz. In Anbetracht der
vielen unbefestigten Steigen im Bereich des Schwarzwaldes dürfen wir
annehmen, dass die Hafnerware mittels Kiepen oder Packeseln transportiert
wurde. Ochsenkarren wären für diese Wegeverhältnisse wohl zu sperrig
und zu schwer gewesen; zudem musste die zerbrechliche keramische Fracht
vor allzu starken Erschütterungen bewahrt werden, wie sie bei der Beförderung
in hölzernen Wägen unvermeidlich gewesen wären.
Da
wir gerade von den Wegeverhältnissen im Gebirge sprachen, soll an dieser
Stelle noch kurz auf die Namensgebung einiger Berge eingegangen werden.
Weil der scharfe Blick unserer fantasievollen Altvorderen in den
Formationen einiger Geländeerhebungen ein umgestülptes Gefäß zu
erkennen glaubte, wurden diese Berge beispielsweise als Kippenkopf, Kipf,
Kapf, Kübelberg, Kuppelstein, Staufenberg [althochdeutsch „stoufa“ =
Becher], Wannenkopf, Hohe Wanne, Hefelskopf und Bottenberg bezeichnet.
Angesichts jenes uralten Fernweges in der Vorbergzone des Schwarzwaldes
namens „Alte Bergstraße“ könnte es sich bei den anfangs
geschilderten Töpferwegen auch um umgangssprachliche Bezeichnungen für
„Bergstraße“ handeln. Denn wenn man für bestimmte Berge in Kraichgau
und Schwarzwald Töpfe, Schüsseln, Becher und Pfannen als Namensgeber wählt,
warum sollte man dann die sie durch- bzw. überquerenden Verkehrswege
nicht auch nach diesen Behältnissen benennen? Gegen diese Theorie spricht
hingegen das stark gehäufte Auftreten der Hafnerwege im Nordschwarzwald,
während man sie im mittleren und südlichen Schwarzwald vergeblich sucht.
Zwei
dem Verfasser bekannte Ausnahmen bilden nahe der Dobelhöfe bei Wutach der
Flurname „Weinstraße“ und beim Stadtteil Allmut von Waldshut-Tiengen
das Gewann „Weinweg“. Sollten auch hier einst die Keramikhändler
unterwegs gewesen sein, könnte als deren Ausgangspunkt das Töpferstädtchen
Kandern im Südschwarzwald in Frage kommen. Dort gibt es nämlich ein
weiteres Pfeifenerdevorkommen, das schon seit hunderten von Jahren
ausgebeutet wird.

Das
Pfeifenerdevorkommen bei Kandern im Südschwarzwald
Übrigens
hat „unsere“ Alte Weinstraße noch einen hessischen Namensvetter, der
von Frankfurt nach Hildesheim führt. Es ist geradezu bezeichnend, dass
unmittelbar westlich dieser Trasse das bekannte „Kannenbäckerland“
liegt, in dem die Töpfertradition durch Funde bis weit in die
vorchristliche Zeit nachgewiesen werden konnte.
Leider
sind die goldenen Zeiten des Hafnerhandwerks in unserer Region längst
vorbei. Bis auf wenige Ausnahmen konnten sich die kleinen häuslichen
Betriebe im Konkurrenzkampf mit der Industrie nicht durchsetzen. So hatte
beispielsweise Malsch im Jahre 1760 noch stolze fünf Hafnereien, deren
Zahl sich bis 1814 auf drei Betriebe verringerte. 40 Jahre später war
dieses Gewerbe in Malsch ausgestorben.
Erfreulicher
ist die Lage bei unseren französischen Nachbarn im Elsass: Dort wird am
Rande des Hagenauer Forstes in den Dörfern Betschdorf und Sufflenheim die
Töpferei bis heute als Kunsthandwerk betrieben. Die dazu benötigte
tonhaltige Erde wird im angrenzenden Hagenauer Forst abgebaut. Schon
Kaiser Friedrich Barbarossa soll im 12. Jahrhundert von den Sufflenheimer
Töpfern mit Krippenfiguren aus Ton beschenkt worden sein, da er ihnen das
Recht erteilte, im Hagenauer Forst die für ihre Arbeit benötigte
Pfeifenerde abzubauen.
Abschließend sei angemerkt, dass die spannende Erfassung
und Erforschung der alten Hafnerwege mit diesem Aufsatz noch längst nicht
abgeschlossen ist. Er soll in erster Linie die überörtlichen Zusammenhänge
der historischen Handelswege aufzeigen und die Heimatforscher vor Ort zu
Nachforschungen in ihren jeweiligen Gemeindearchiven ermuntern. Dort gibt
es in alten Dokumenten und Karten bestimmt noch vieles zu entdecken. So
zeigte sich beim Kartenstudium, dass sich auffallend viele
mittelalterliche Burgen in der Nachbarschaft der Hafnerwege befinden.
Sollten einige der Burgen im Nordschwarzwald vielleicht nicht nur zum
Schutze wertvoller Eisenerzgruben, sondern auch zur Kontrolle der Töpferwege
errichtet worden sein? Die Reisenden werden es den Burgherren gedankt
haben – auf den entlegenen Straßen durch den weitestgehend
menschenleeren Wald dürfte sich damals allerhand „Gesindel“
herumgetrieben haben…
Thomas
Meyer
Quellen:
l Geschichte
des Dorfes Haueneberstein (www.bad-bad.de)
l Geschichte
der Stadt Gernsbach (www.naturparkschwarzwald.de)
l Geschichte
der Stadt Kandern (www.kandern.de)
l Ernst, Lore: Die Geschichte des
Dorfes Malsch, Malsch (1954)
l Schneider, Ernst: Die Flurnamen
der Gemarkung Malsch, Malsch (1965)
l Bullinger,
Gerhard: Burg Waldenfels in den Spielfinken, Malsch (2006)
l Schwarzmaier,
Hansmartin: Straßen und Verkehrswege im nördlichen Schwarzwald im
Verlauf seiner Erschließung im Hochmittelalter in: Zeitschrift für die
Geschichte des Oberrheins, 155. Band, Stuttgart (2007)
l Köbler, Gerhard: Alt- und Mittelhochdeutsches Wörterbuch (www.koeblergerhard.de)
l Demian, Johann Andreas:
Geographie und Statistik des Großherzogthums Baden, Heidelberg 1820
l „Kaolin“ und „Rheinzabern“
auf Wikipedia
l Traditionelles
Kunsthandwerk im Elsaß (www.elsass.ws)
l Keramik „Auf der Speck“ (www.heusingerwaubke.de)
l Landesvermessungsamt
Baden-Württemberg: TOP 25 BW, Stuttgart (2007)
l Landesvermessungsamt
Baden-Württemberg: Schmitt’sche Karte von Südwestdeutschland, Blatt
42, Stuttgart (1986)
l
Kommission
für geschichtliche Landeskunde in Baden-Württemberg in Verbindung mit
dem Landesvermessungsamt Baden-Württemberg: Historischer Atlas von
Baden-Württemberg, Stuttgart (1972-1988)
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