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Vor
70 Jahren brannte die Malscher Synagoge
Drei Minuten lang läuteten am Sonntag, 9. November
2008 um 19 Uhr die Glocken im Dekanat Karlsruhe. Andachtsvoll stehend
erlebten auch die Menschen im voll besetzten Sitzungssaal des Malscher
Rathauses diesen Moment der Besinnung und des Gedenkens an die
Geschehnisse des 9. und 10. Novembers 1938. In der so genannten
„Reichskristallnacht“ war es vor siebzig Jahren in ganz Deutschland
zur Zerstörung von jüdischen Geschäften und Gotteshäusern gekommen,
die die Nazi-Obrigkeit schließlich hatte in Brand stecken lassen.
Die Synagoge in Malsch
Bürgermeister Elmar
Himmel hatte zuvor im Hof des Gebäudes Hauptstraße 24 in Gegenwart von
Hausbewohnern und Besuchern am Gedenkstein für die Juden-Pogrome einen
Kranz niedergelegt. Das Mahnmal, vom Blumenatelier Christa Hupfer würdevoll
geschmückt, hat die Gedenktafel abgelöst, die früher im Eingangsbereich
zum Hof hing und mehrfach Ziel antisemitischer Farbschmierereien war.
Bürgermeister Himmel legt an der Synagogen-Gedenkstätte einen
Kranz nieder
In einem ökumenischen
Gottesdienst gedachten der katholische Pfarrer Thomas Dempfle und der
evangelische Pfarrer Claudius Zeller der Opfer der Deportationen und der
Vernichtung der jüdischen Mitbürger und thematisierten dabei die
Sprachlosigkeit der Amtskirchen in dieser Zeit. Bürgermeister Himmel
dankte den beiden Geistlichen für ihre offenen Worte und den bewegenden
Gottesdienst. Er erinnert an die einstige, völlig selbstverständliche
Verzahnung von jüdischem und nicht-jüdischem Leben in Deutschland und
forderte als eine der Konsequenzen aus den Geschehnissen im Dritten Reich
Toleranz und die Bereitschaft, aufeinander zuzugehen.
Unter dem Titel „Die
Zerstörung der Malscher Synagoge“ am 10. November 1938 hielt der
Vorsitzende der Heimatfreunde, Josef Bechler, anschließend einen viel
beachteten Vortrag über dieses traurige Kapitel lokaler Geschichte. Er
stellte die Ereignisse vor Ort in Zusammenhang mit den nationalen
Entwicklungen und beschrieb die Schuld, die die öffentliche Propaganda in
Deutschland den Juden an Ereignissen wie dem 1. Weltkrieg oder der
Weltwirtschaftskrise in den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts zuwies.
Bechler wies darauf hin, dass es in Malsch länger als anderswo gedauert
habe, bevor jüdische Geschäfte boykottiert wurden. Am Beispiel der aus
Malsch stammenden Familie von Leo und Lotte Gabel zeichnete er die
Ereignisse nach, die im Oktober 1938 zur Ausweisung von in Deutschland
lebenden Juden mit polnischem Pass geführt hatten. Von Josua, dem Sohn
der beiden Malscher, der heute als Rabbi in Israel lebt, liegt Bechler ein
umfangreicher Zeitzeugenbericht vor. Gabel beschreibt dort seinen
abenteuerlichen Weg als Kind über die Niederlande und die Landung 1946 in
Palästina. Der Verlust der Eltern, so Gabel, bedeute für ihn, der aus
gesundheitlichen Gründen nicht hatte nach Malsch kommen können, bedeute
noch heute eine klaffende Wunde für ihn.
Die Malscher Synagoge
wurde nach den Akten und Augenzeugenberichten, die Josef Bechler und die
Heimatfreunde zusammengetragen haben, am Vormittag des 10. November 1938
von SA- und SS-Leuten aus Gaggenau zerstört und erst am Nachmittag angezündet.
Thorarollen und andere sakrale Gegenstände wurden dabei ebenfalls
vernichtet. Egon Grimm und Adolf Werner, damals Schüler, berichteten
gegenüber den Heimatfreunden, dass an jenem Tag Malscher Schulklassen zur
Synagoge geführt und zu Steinwürfen gegen das Gotteshaus angehalten
wurden. Aus dem Bericht von Fred Loeb, Sohn des aus Malsch stammenden
Artur Loeb, geht hervor, dass trotz vereinzelter „Juden raus“-Rufe der
Antisemitismus in Malsch nicht besonders ausgeprägt war. Nachbarn boten
Hilfe an, der damalige Feuerwehrkommandant Maisch verwahrte sich öffentlich
gegen Aktionen der SA und SS.
Inventar vor der zerstörten Synagoge in Malsch

Die Bevölkerung vor der zerstörten Synagoge
Der Wiederaufbau der
abgebrannten Malscher Synagoge, die sich im hinteren Teil des Grundstücks
der heutigen Hauptstraße 24 befand, wurde von den Behörden untersagt. In
der Folge der „Reichskristallnacht“ wurde eine Reihe von Malscher
Juden bis zu 44 Tage in Schutzhaft genommen, um nach ihrer Rückkehr unter
dauerhafter Beobachtung der Behörden zu bleiben. Jüdische Bürger
mussten Häuser und Grundstücke verkaufen, um ihren Anteil an der Geldbuße
von einer Milliarde zu leisten, die die Regierung den Juden in Deutschland
aufgebürdet hatte. Am 1. Januar 1939 habe es, so beendete Bechler seinen
Vortrag, noch 69 Juden in Malsch gegeben. Mit der Deportation von 19 nach
Gurs am 22. Oktober 1940 habe die jüdische Geschichte von Malsch geendet.
ts
Quelle: Gemeindeanzeiger Nr. 46/2008 vom 13.11.2008,
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