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Stolpersteine
- Mahnung und Erinnerung
Kölner
Künstler verlegte fünfzehn Stolpersteine in Malsch
Im Projekt „Stolpersteine. Ein Kunstprojekt für
Europa“ des Kölner Künstlers Gunter Demnig hat nun auch die Gemeinde
Malsch einen Platz gefunden. In einer ersten Aktion, die von einer Reihe
interessierter Bürgern und Pressevertreter begleitet wurde, setzte der Künstler
vor sechs Häusern im Kernort insgesamt fünfzehn Stolpersteine. Sie
erinnern an die jüdischen Mitbürger, die in den Häusern wohnten und
zwischen 1940 und 1942 Opfer der Judenvernichtung wurden.

Bürgermeister Himmel bei der
Eröffnungsrede neben dem Künstler Demnig
(mit Hut)
Routiniert und mit Unterstützung von zwei
Mitarbeitern des Malscher Bauhofes ging Gunter Demnig zu Werke, als er in
der Hauptstraße, der Waldprechtstraße und der Kreuzstraße unter den
Augen der Teilnehmer an der Verlegeaktion die ersten fünfzehn Malscher
Stolpersteine niveaugleich in das Pflaster der Gehwege einpasste. Die
Steine haben eine Kantenlänge von zehn Zentimetern. Auf ihrer Messing- Oberfläche tragen sie
die Lebensdaten der früheren Hausbewohner. Sie erinnern die Vorübergehenden
an die Schicksale der Malscher jüdischen Familien Kaufherr, Maier, Gabel,
Löb, Lehmann und Herz. Mehr als 26.000 dieser Steine hat Gunter Demnig
nach eigenen Angaben in Deutschland und neun weiteren europäischen Ländern
bereits verlegt. Malsch sei seine 597. Verlegestation, erklärte der Künstler,
der am Vormittag noch in Ettlingen zugange war.

Gunter Demnig bei der
Verlegung der Stolpersteine
Bürgermeister Elmar Himmel bezeichnete die Steine
als kleine Mahnmale. Ihre Aufgabe sei es, daran zu erinnern, dass nach dem
Zweiten Weltkrieg die größte jüdische Landgemeinde in Baden ausgelöscht
war. Außerdem mahnten sie, dass Vergleichbares nicht mehr geschehen dürfe.
Die Stolpersteine fügten sich ein in ein ganzes Bündel von Maßnahmen
zur Schaffung von historischem Bewusstsein In Malsch. Das Ortsoberhaupt
erwähnte in diesem Zusammenhang die von den Heimatfreunden verantwortete
Ausstellung und das Buch zum jüdischen Leben in Malsch, das Mahnmal auf
dem Kirchplatz und in Neckarzimmern, die Gedenktafel am Trafohäuschen in
der Adlerstraße und die beiden Bücher des kürzlich verstorbenen Louis
Maier.

Dr. Louis Maier
An den einzelnen Verlegestationen gaben die beiden
Pfarrer Thomas Dempfle und Claudius Zeller, der Vorsitzende der
Heimatfreunde Malsch, Josef Bechler, Trudbert Wipfler, Rektor der
Hans-Thoma-Schule und Sally Laws-Werthwein, Übersetzerin der Bücher von
Louis Maier, einen kurzen Überblick über die Lebensumstände der
ehemaligen jüdischen Hausbewohner und ihrer tragischen Schicksale. Bedrückend
für die Zuhörer war auch, wie Pfarrer Thomas Dempfle die menschenunwürdigen
Zustände im französischen Lager Gurs, in das die badischen Juden
deportiert wurden, schilderte. Pfarrer
Zeller ging auf die Ausweisung der Juden polnischer Abstammung ein. Josef Bechler berichtete über die Gründlichkeit
der deutschen Behörden bei der Inventarisierung ehemaligen jüdischen
Besitztums. Sally Laws-Werthwein vermittelte einen Eindruck vom Schicksal
der Malscher Juden an Bord des Passagierschiffes St.
Louis auf seiner Irrfahrt zwischen Europa und Amerika.

Claudius Zeller liest die
Geschichte einer jüdischen Familie
von links: Josef Bechler, Pfarrer Thomas Dempfle und Pfarrer Claudius
Zeller
Aufgezeichnet wurde die Stolpersteinaktion in Ton
und Bild von der Medien-AG der Hans-Thoma-Schule. Rektor Trudbert Wipfler
zeigte sich sehr erfreut darüber und sagte, auf diese Weise sei es möglich,
die Geschehnisse jener Zeit zeitgemäß aufzubereiten und auch Kindern und
Jugendlichen im Unterricht nahe zubringen.
Beeindruckt vom Umgang Malschs mit seiner jüdischen
Geschichte zeigte sich auch David Kaufher. Der in der Schweiz lebende
junge Amerikaner, Urenkel des in Auschwitz ermordeten Malscher Juden Josef
Kaufherr, war auf Grund einer Einladung der Heimatfreunde eigens zur
Stolpersteinaktion nach Malsch gekommen. „Ich habe hier die Möglichkeit,
ein Stück Familiengeschichte zurück zu gewinnen und damit besonders
meinen Urgroßeltern näher zu kommen“, sagte er.

David Kaufher, Urenkel von
Josef Kaufherr
(schreibt sich mit einem "r")
Sehr angetan vom Erfolg der Aktion zeigte sich
auch Josef Bechler, Mitorganisator der Stolpersteinaktion: „Erfreulich
war die Resonanz in der Öffentlichkeit und das hohe Maß an Engagement
durch Gemeinderat und Bürgermeister!“ Die Verlegung weiterer fünfzehn
Stolpersteine, zehn davon für deportierte Malscher Juden und fünf für
Euthanasieopfer, werde nach Absprache mit Gunter Demnig voraussichtlich im
kommenden Jahr erfolgen, wenn die Baustellensituation im Kernort dies
zulasse. Erfreulich war aus der Sicht von Josef Bechler auch die Tatsache,
dass sich für jeden der 30 Stolpersteine ohne allzu große Öffentlichkeitsarbeit
ein Pate aus der Bevölkerung fand, der die Kosten von 95 Euro für die
Herstellung und Verlegung „seines“ Steines übernahm.
Stolperstein-Aktion
am 11.10.2010
Hier die Kurzbiografien der Personen, für die ein
Stolperstein am 11.10.2010 durch den Kölner Künstler, Gunter Demnig
verlegt wurde.
Hauptstraße 26
Josef, Hannelore und Betty Kaufherr
Josef Kaufherr war einer der wenigen Juden,
die nicht aus Malsch stammten. Josef Kaufherr wurde am 16.10.1889 in
Kaltennordheim geboren. Er heiratete die Witwe Selma David, die in der
Hauptstraße ein Schuhgeschäft hatte. Aus dieser Ehe gingen drei Kinder
hervor: Martin, Siegfried und Marianne. Siegfried verstarb im Kindesalter
1924. Wenige Tage später am 19.10.1924 starb seine Mutter Selma. Am
23.03.1925 heiratete Josef Kaufherr die in Berwangen bei Heidelberg am
3.11.1897 geborene Betty Weil. Aus dieser Ehe ging die Tochter Hannelore,
die am 4.01.1926 in Malsch geboren wurde, hervor.
Bereits im Jahre 1934 wurde Tochter Marianne aus der
ersten Ehe von Josef Kaufherr in die USA geschickt. Martin Kaufherr
wanderte nach Abschluss seiner Lehre 1938 ebenfalls in die USA aus.
Die zurückgebliebenen Eltern Josef und Betty
sowie ihre jüngste Tochter Hannelore erlebten als unmittelbare
Nachbarn, wie die Synagoge zerstört wurde. Auch Plünderungen des Mobs
blieben ihnen nicht erspart.
Am 10. November 1938 wurde Josef Kaufherr wie weitere
neun Malscher männliche Juden in Dachau in Schutzhaft genommen. Am
3.12.1938 durfte er von dort zurückkehren, nachdem er zugesagt hatte,
sein Geschäft in arische Hände zu übergeben und auszuwandern.
Josef, Betty und Tochter Hannelore versuchten, wie 17
weitere Malscher Juden, am 13.05.1939 mit der „St. Louis“ Deutschland
in Richtung Kuba zu verlassen.
In Kuba durften die Juden jedoch nicht an Land gehen, obwohl alle
Passagiere eine amtliche Zusage hatten. Nach wochenlangen Irrfahrt der
„St. Louis“ und langen Verhandlungen konnte erreicht werden, dass am
17.06.1939 alle Passagiere in Antwerpen an Land durften.
Die Familie Kaufherr blieb zunächst in Belgien. Sie
wohnte in Brüssel, wie die meisten Malscher Juden, die in Belgien
blieben. Nachdem zwischenzeitlich der 2. Weltkrieg ausbrach und Belgien
durch die deutschen Truppen besetzt wurde, erlebte die Familie Kaufherr
ein grausames Schicksal. Betty Kaufherr und Tochter Hannelore kamen vom
belgischen Lager Mechelen nach Auschwitz, wo sie umgebracht wurden. Josef
Kaufherr war in den Lagern St. Cyprien und Gurs, bevor auch er über
Drancy nach Auschwitz kam und dort ebenfalls umgebracht wurde.
Waldprechtstraße 1


Max und Ella Maier
Die Eheleute Max Maier, geb. 01. Dezember 1872
in Malsch und Ella Maier, geb. Israel, 30. Dezember 1879 in Strümpfelbronn
waren kinderlos. Ihnen gehörte das alte Malscher Rathaus in der Hauptstraße
116, in dem sie einen Kohlenhandel sowie einen Handel mit gebrauchten Fässern
betrieben.
Wie die meisten Malscher Juden, mussten auch die
Eheleute Maier ihr Wohngebäude in den Jahren 1939/1940 verkaufen.
Max und Ella Maier gehörte zu den letzten 19
Malscher Juden, die am 22. Oktober 1940 nach Gurs deportiert wurden. Beide
Eheleute wurden in Auschwitz umgebracht. Ihr Todesdatum ist nicht bekannt.
Waldprechtstraße 5

Leo und Charlotte Gabel
Leo Gabel wurde am 8. Oktober 1901 in
Frankfurt am Main geboren. Er war verheiratet mit Lotte Gabel geb.
Weisberg, geb. am 17. Januar 1907. Am 10. Februar 1935 wurde ihr Sohn
Josua in Karlsruhe geboren. Josua war der jüngste Malscher Jude vor Auflösung
der israelitischen Gemeinde Malsch.
Leo Gabel war seit 1932 als Kantor und
Religionslehrer in Malsch tätig gewesen.
Ende Oktober 1938 wurden in einer kurzfristigen
Aktion über 15.000 in Deutschland lebende Juden mit polnischem Pass
ausgebürgert. Unter ihnen war auch Leo Gabel. Am 7. Juli 1939 wurde auch
seine Frau Charlotte nach Polen ausgewiesen. Kurz vor der Ausweisung war
es noch gelungen, den vierjährigen Sohn Josua zu Verwandten nach Holland
zu schicken, wo er versteckt bei christlichen Familien den Krieg überlebte
und später nach Palästina auswanderte.
Es wurde bekannt, dass Ende Dezember 1939 das Ehepaar
Gabel von den deutschen Besatzungsbehörden von Posen ins Judenghetto nach
Warschau verbracht wurde. Seit 1942 fehlte jedes Lebenszeichen von ihnen.
Leo und Charlotte Gabel sind mit großer Sicherheit im Warschauer Ghetto
umgekommen.
Hauptstraße 27
Leider haben wir kein Bild von Nanette Maier
Nanette Maier, geb. 29. November 1871, war
ledig und wohnte bei ihrem Bruder in der Hauptstraße 129. Nach dem Tode
ihres Bruders am 22. Oktober 1939 – seine Ehefrau Karolina Maier geb.
Thalheimer, 9. September 1873, verstarb bereits am 18. Dezember 1925 in
Malsch – wurde Nanette Maier Alleinerbin
des Hausgrundstücks.
Nanette Maier gehörte zu den letzten 19 Malscher
Juden, die am 22. Oktober 1940 nach Gurs deportiert wurden.
Nanette Maier verstarb am 16.11.1940 einige Wochen
nach ihrer Ankunft im Lager Gurs.
Hauptstraße 29
Leider haben wir kein Bild von Samuel und Frieda Maier
Samuel Maier, am 13.03.1864 in Malsch geboren,
war von Beruf Viehhändler. Er wohnte zusammen mit seiner ledigen Tochter Frieda,
geb. am 2. April 1894 in seinem Wohnhaus in der Hauptstraße 133. Samuel
Maier war nicht unvermögend. Sein Lebensunterhalt bestritten Samuel und
Frieda Maier aus eigenem Vermögen.
Samuel und Frieda Maier gehörten zu den letzten 19 Malscher Juden, die am
22. Oktober 1940 nach Gurs deportiert wurden. Zu diesem Zeitpunkt wohnten
Samuel Maier und seine Tochter Frieda im Hause des Ludwig Dreifuss in der
Adlerstrasse 52.
Samuel Maier starb im Lager Gurs am 15. Januar 1942, während seine
Tochter Frieda am 12. August 1942 in Auschwitz ermordet wurde.
Kreuzstraße 10


Isidor und Karoline Löb
Isidor Löb, geb. am 10. Januar 1866, betrieb mit seiner Ehefrau
Karolina, geb. Maier, 22. April 1872, einen Landwirtschaftsbetrieb und zusätzlich
mit seinem Sohn Leopold ein gut gehendes Viehhandelsgeschäft. Im Jahre
1905 baute Isidor Löb ein dreistöckiges Wohnhaus in der Kreuzstraße 10,
nachdem er das geerbte Gasthaus „Schwanen“ veräußert hatte.
Isidor Löb, seine Ehefrau Karoline und die sich noch in Malsch
befindlichen Familienmitglieder versuchten am 13. Mai 1939 mit dem
Hapag-Dampfer „St. Louis“ Deutschland zu verlassen. Teile der Familie
waren bereits einige Monate vorher nach Kuba emigriert.
Nach der Irrfahrt der „St. Louis“ gingen auch sämtliche
Familienmitglieder von Isidor und Karolina Löb
am 17. Juni 1939 in Antwerpen von Bord. Sie blieben in Belgien und
wohnten in Brüssel. Ihre Kinder und Enkelkinder konnten noch kurz vor der
Besetzung von Belgien durch die deutschen Truppen das Land verlassen.
Isidor und Karoline Löb wurden in das Sammellager Malines eingeliefert.
Von dort kamen beide am 26.09.1942 nach Auschwitz wo sie ermordet wurden.

Salomon und Mina Lehmann
Im Wohnhaus von Isidor und Karolina Löb, in der Kreuzstraße 10, wohnten
auch Salomon Lehmann, geb. 02. Januar 1868, seine Frau Mina
geb. Leon, 10.09.1871 sowie die Stiefschwester von Salomon Lehmann, die
ledige Amalie Herz, 5.01.1859.
Salomon und Mina Lehmann waren die Eltern der Schwiegertochter Maria, von
Isidor und Karoline Löb.
Salomon Lehmann und seine Frau betrieben in Kuppenheim eine Metzgerei.
Dieses Geschäft musste Salomon Lehmann verkaufen. Am 5. März 1938 übersiedelten
Salomon und Mina Lehmann sowie Amalie Herz nach Malsch in das Wohnhaus des
Isidor Löb um gemeinsam mit ihnen auf der „St. Louis“ Deutschland
verlassen zu können.
Wie Isidor und Karolina Löb blieben auch Salomon und Mina Lehmann, sowie
Amalie Herz in Belgien.
Mina Lehmann verstarb am 26. August 1941 in Brüssel, während Ihr Ehemann
Salomon im Lager Mechelen interniert wurde. Von Mechelen wurde er
nach Auschwitz deportiert und dort umgebracht.
Wie
Mina Lehmann verstarb in Brüssel 1941 auch Amalie Herz.
Leider haben wir kein Bild von Amalie Herz
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