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Ein
Stein für die Erinnerung

Das Thema im Rahmen unserer
Ausstellung über das Jüdische Leben in Malsch lautet: „Ein
Stein für die Erinnerung“. Daran
schließt sich gleich die Frage an: Erinnerung an was und an wen?
Der
Jugendgemeinderat, die Katholische Jugend und Evangelische Jugend, der
Bildhauer Walter Grimm Klaus Krone von den Heimatfreunden Malsch wollen
versuchen eine Antwort darauf zu geben.
Ein
dunkles Datum der Malscher Ortsgeschichte jährt sich am 22.10 2008 zum
68. Mal. Denn am 22.10.1940 wurden die letzten 19 noch in Malsch wohnenden
Juden in das im unbesetzten Frankreich gelegene Internierungslager Gurs
ausgewiesen. Für viele von ihnen war dies nur eine Zwischenstation in die
Vernichtungslager des Ostens.
Auf
Betreiben des badischen Gauleiters Robert Wagner und seines pfälzischen
Kollegen Joseph Bürckel wurden an diesem Tage nicht nur die Malscher
Juden, sondern über 6500 Juden aus Baden, der Pfalz und dem Saarland nach
Gurs deportiert. Mit dieser Aktion wollten die oben genannten Herren,
ihren Gaue als erste im Reich für „judenfrei“ erklären. Diese Aktion
bedeutete auch gleichzeitig das Ende der jüdischen Gemeinde nicht nur in
Malsch sondern in allen Städten und Gemeinden Badens, der Pfalz und des
Saarlandes.
Die Gemeinde
teilte am 30.12.1940 in einem Schreiben dem Landrat in Karlsruhe das Ende
der Aktion in Malsch mit. In diesem Schreiben ist neben den namentlich
aufgeführten 19 Malscher Juden auch der Satz aufgeführt,:
„Die Gemeinde Malsch ist somit seit 22. Oktober judenfrei“.
wobei das Wort „judenfrei“
noch unterstrichen war.
Die betroffenen Malscher Juden
hatten kaum Zeit die kleinen Habseligkeiten die sie mitnehmen durften, zu
packen.
Über
den Ablauf dieses Tages liegen den Heimatfreunden Berichte von Zeitzeugen
vor. Frau Linda Töpfer wird Ihnen nun den Ablauf dieses Tages schildern,
wie ihn Kurt Lang erlebt hat:
„Ich
habe mit meinen Eltern und meiner Schwester im Nachbarhaus des Juden
Julius Dreifuss in der damaligen Adolf- Hitler- Straße 123, jetzigen
Hauptstraße 21 meine Jugend verbracht. Die beiden Gebäude hatten einen
gemeinsamen Hof. Mit dem Julius Dreifuss verband uns ein sehr
freundschaftliches Verhältnis. Julius Dreifuss war mit Betty verheiratet.
Ihr einziger Sohn Isi Dreifuss, geb. am 6.3.1905 wanderte am 26.10.1936
nach Amerika aus. Dort ist er früh verstorben. Nach der Zerstörung der
Synagoge in Malsch am 10.11.1938 wurden die Wochenend- Gottesdienste bei
unserem Nachbarn Julius abgehalten. Nachdem viele Malscher Juden im Jahre
1938 über 1 Monat inhaftiert wurden, bemühte sich auch unser Nachbar
Julius mit seiner Frau Betty um eine Ausreise nach Amerika. Dies konnte er
jedoch nur realisieren bei einem Verkauf seines Anwesens. Zuständig für
die Ausreise nach Amerika war das Konsulat in Hamburg, wo die Eheleute
Dreifuss untersucht wurden. Nach dieser Untersuchung erhielt Julius eine
Zusage, während seine Frau Betty eine Absage für die Ausreise erhielt.
Betty hatte zu dieser Zeit offene Füße, welche täglich behandelt werden
mussten. Das Geld aus dem Verkauf seines Hauses wurde benötigt um die Überfahrt
bezahlen zu können. Julius drängte meinen Vater sein Haus für
3.500.—RM zu kaufen. Für meinen Vater bedeutete dies zu jener Zeit ein
kleines Vermögen. Am 27.9.1940 emigrierte dann Julius als letzter Jude
aus Malsch. Seine Frau Betty konnte er nicht mitnehmen. Sie wohnte
weiterhin wie bisher im Haus, welches jetzt allerdings meinem Vater Anton
gehörte. Neben Betty waren noch weitere 18 Juden zu diesem Zeitpunkt in
Malsch.
Am
22. Oktober 1940, in der Morgendämmerung holte man ohne Vorwarnung die
noch 19 in Malsch verbliebenen jüdische Mitbürger ab und brachte sie zu
einem vor dem damaligen Adolf- Hitler- Platz stehenden LKW. Die Juden
wurden durch die jetzige Hauptstraße getrieben. Der LKW war versehen mit
Sitzbänken, wo die Juden Platz nehmen mussten.
Auch
meine jüdische Nachbarin Betty wurde abgeholt. Sie hatte meiner Mutter
Anna gerufen und gesagt: „Anna, die holen uns, helft mir doch“! Die
Uniformierten waren erbarmungslos. Sie ruften nur „raus, raus“ , haben
die Türen abgeschlossen und verplombten diese. Mitnehmen durfte Betty
nichts, gar nichts. Am Nachmittag zwischen 14,00 und 15,00 Uhr, das werde
ich nie vergessen, kam eine Malscher Frau zu uns in den Hof und teilte
meiner Mutter mit, dass diese Menschen immer noch am jetzigen Kirchplatz
ohne Essen und Trinken ausharren müssen.
Meine Mutter besorgte daraufhin in der Bäckerei Melcher eine
Tasche voll Brötchen, bereitete zu Hause ein Kakaogetränk, holte einige
Tassen und ging mit mir zum LKW auf den Kirchplatz. Ein Wachposten mit
Gewehr wollte uns dann den Zutritt verwehren. Es gab ein Disput mit meiner
Mutter die ihm sagte, dass diese Menschen heute in aller Frühe abgeholt
wurden ohne die Möglichkeit zu haben, noch etwas zu essen und zu trinken.
Deshalb bringe ich ihnen jetzt was vorbei. Der Wachhabende antwortete
meiner Mutter, ob sie nicht wisse, dass dies verboten ist. Daraufhin sagte
meine Mutter ihm, er solle sich mal dort am Pfarrhaus den Aushang
anschauen damit ich etwas verteilen kann. Mit großen Augen drehte sich
tatsächlich der Wachhabende um und ging in Richtung Pfarrhaus. Als er zurückkam
hatten die ersten schon die leeren Tassen wieder vom LKW herunter gegeben.
Nachdem alles verteilt war haben wir uns unter Tränen von ihnen
verabschiedet.
Erst
gegen Abend ist der LKW dann mit den letzten 19 Malscher Juden in Richtung
Gurs/ Südfrankreich abgefahren.
Meine
Nachbarin Betty hat das Lager Gurs überlebt und ist nach der Befreiung zu
ihrem in Amerika lebenden Mann Julius gefahren.
Das
Lager Gurs:
Das
Lager Gurs, wohin auch die 19
Malscher Juden deportiert wurden, war in 13 so genannten „Ilots“
aufgeteilt, die jeweils aus 25 Baracken bestanden und mit Stacheldraht umzäunt
waren. Neun waren für die Männer bestimmt und, streng davon getrennt
vier für Frauen. Diese primitiven Holzhütten waren 25 Meter lang und 5
Meter breit. Durch das schadhafte Dach lief unaufhörlich der Regen. Eine
alte elektrische Leitung war zwar da, aber kein Strom. Fenster hatten die
Baracken keine, sondern nur hölzerne Klappen. So hatte man die Wahl, ob
man die Klappen schloss und im Dunkeln war, oder sie öffnete, und Kälte
und Regen damit hereinließ. Im Innern der Baracken war nur ein
verschmutzter Holzboden. Sonst nichts. Die Baracke war leer. Kein Stuhl,
kein Tisch, nichts Bettähnliches. Die ersten Nächte musste man einfach
auf dem Holzboden schlafen. Und da man den ganzen Tag stehen musste und
schließlich müde wurde, musste man sich auch am Tage auf den Fußboden
legen. So näherte man sich immer mehr der Lebensweise von Tieren. Erst
nach einigen Tagen kam schließlich Stroh, auf das man sich legen konnte.
In jeder Baracke stand ein Ofen, der aber zu klein war und wegen der
fehlenden Isolierung keine Wirkung zeigte, außerdem mangelte es ständig
an Brennmaterial.
Außer
der fast zwei Kilometer langen Lagerstraße waren alle Wege zwischen den
Baracken nicht befestigt und verwandelten sich daher im Winter in ein
einziges Schlammloch. Jedes Ilot hatte zwei Latrinen, die im Freien
aufgestellt waren und aus mehreren Holzverschlägen bestanden. Für Alte
und Kranke war es ein Martyrium, diese Clo`s bei Sturm und Regen und in
der Nacht im aufgeweichten Schlammboden zu erreichen. Waschgelegenheiten
gab es in beschränkter Zahl, eine warme Dusche stand jedoch erst nach
mehreren Monaten und dann nur selten zur Verfügung. Die hygienischen Verhältnisse
waren katastrophal. Überall wimmelte es von Ratten und Wanzen.
Die
Ernährung war gänzlich ungenügend. So war es nicht verwunderlich, dass
viele der Deportierten an Entkräftung, Herzschwäche und Krankheiten
starben.
Von
dem französischem Internierungslager Gurs hat die englische Luftaufklärung
am 28.02.1943 das folgende Foto erstellt:

Von
den letzten 19 Malscher Juden haben nur 5 Personen überlebt, wie aus der
nachfolgenden Liste zu ersehen ist.
Nachfolgend
die Erklärung der Jugend zur Entstehung des Steins:
Zunächst
möchte wir, Jugendgemeinderat, katholische und evangelische Jugend Malsch,
Ihnen das Jugendprojekt Mahnmal vorstellen:
Ausgangspunkt
des Jugendprojekts Mahnmal ist die Deportation der badischen Jüdinnen und
Juden am 22. Oktober 1940, dem schwarzen Tag in der badischen Geschichte.
Von
der Deportation waren über 5.600 Personen in insgesamt 137 Gemeinden
betroffen.
Seit
2002 wird das Projekt „Mahnmal für die deportierten Jüdinnen und Juden
Badens“ von der Abteilung Jugendpastoral der Erzdiözese Freiburg und
dem Evangelischen Amt für Kinder- und Jugendarbeit der Landeskirche Baden
durchgeführt. Die Idee des Projektes ist, dass in jedem der
Deportationsorte Jugendgruppen oder Schulklassen auf Spurensuche gehen und
sich somit mit der Deportationsgeschichte auseinandersetzen. Jede
Projektgruppe soll hierbei zwei „Memorialsteine“ gestalten. Einer
bleibt zur Mahnung an die Deportation der jüdischen Bürger im Heimatort
der Gruppe, der andere wird Teil des zentralen Mahnmals in Neckarzimmern.
Das
Mahnmal besteht aus einem 25 mal 25 Meter großen Stern, der auf einer
Wiese bei der evangelischen Tagungsstätte Neckarzimmern als Betonband in
den Boden eingelassen wurde. Darauf werden die Memorialsteine der
Projektgruppen verankert.
Die
evangelische und katholische Kirche Bad Rappenau planten im Zuge der
Landesgartenschau 2008 ein einwöchiges Bildhauer-Symposium, bei dem die
Jugendgruppen die Möglichkeit gehabt hätten, unter fachlicher Anleitung
ihre zwei Steine zu gestalten.
Da
die Gemeinde Malsch ebenfalls eine der 137 Gemeinden, mit einer großen jüdischen
Vergangenheit ist, ging dann am 16. Mai 2007 bei Herrn Bürgermeister
Himmel eine Einladung der Kirchengemeinde Bad Rappenau zu einer
Informationsveranstaltung über das geplante Projekt ein.
Herr
Himmel gab diese Einladung gleich an Herrn Bechler von den Heimatfreunden
und Herrn Krone weiter, mit der Anregung unter Anleitung des
Jugendgemeinderates eine Jugendgruppe zu bilden, und an diesem Projekt
teilzunehmen.
Wir
vom Jugendgemeinderat waren uns schnell einig, dass wir dieses Projekt
unterstützen möchten, und so machte ich mich als Vorsitzender des JGR
zusammen mit Herrn Walter von den Heimatfreunden und Herrn Krone als
Vertreter der Gemeinde am 12. Juni 2007 auf den Weg nach Bad Rappenau um
diese Informationsveranstaltung zu besuchen.
Wir
schlossen uns dann zu einer Gruppe, bestehend aus Mitgliedern des
Jugendgemeinderates, der Katholischen Jugend und der evangelischen Jugend
zusammen und begannen mit den ersten Vorbereitungen.
Leider
konnte das einwöchige Symposium mangels Teilnehmer nicht stattfinden und
so beschlossen wir, den Stein unter fachlicher Anleitung des aus Malsch
stammenden Steinmetz Walter Grimm eigenständig zu gestalten.
Am
23. Januar 2008 trafen wir uns dann das erste Mal im Jugendhaus Villa
und
sammelten dort die ersten Skizzen und Ideen zur Gestaltung des Steines.
Herr Grimm und sein Sohn Lucas standen uns hier schon tatkräftig zur
Seite.
Bereits
am 16. Februar stand das nächste Treffen an, bei
dem wir uns im Bauhof der Gemeinde versammelten. Herr Grimm stellte uns
dort unser späteres Kunstobjekt vor und er zeigte uns die Werkzeuge mit
denen wir dann auch gleich die ersten Versuche am Stein durchführten.
Der
Stein wurde dann zunächst zugesägt und dann im Atelier bei Herrn Grimm
in Geroldsau Baden-Baden untergestellt, wo auch die weiteren Arbeiten am
Stein stattfanden.
Da
am 19. und 20. April 2008 die Leistungsschau in Malsch stattfand, schlug
Herr Grimm vor, die geplante Steinspaltung dort durchzuführen um somit
das öffentliche Interesse für unsere Arbeit zu wecken.
Am
16. April trafen wir uns dann erneut im Jugendhaus Villa, um die weitere
Vorgehensweise zu besprechen.
An
der Leistungsschau bearbeiteten wir
wie geplant den Stein weiter und führten dort auch sonntags die
Steinspaltung durch . Hierbei durften sich viele interessierte Bürger beteiligen indem
sie sich selbst an Hammer und Meisel versuchten.


Steinspaltung
Außerdem
wurden an der Leistungsschau auch zahlreiche Skizzen gefertigt
damit festgelegt werden konnte, wie der Stein letztendlich gestaltet werden
soll. Nach der Spaltung begann die Steingestaltung.

Nun
werden noch die Bedeutung der einzelnen Symbole erklärt:
Der
wellenförmige Umriss des Steins soll an eine ausgerollte jüdische
Gebetsrolle erinnern.

Die
Vorderseite ist mit einem Blattrelief gestaltet. Dieses Blattrelief,
mit dem daran wachsenden Keimling, soll zum einen den Malscher Wald
wiederspiegeln und zugleich soll der Keimling für eine neu wachsende
deutsch-jüdische Freundschaft stehen.

Das
Zahlenwerk an den Seitenwänden des Steines soll aufzeigen, wie viele jüdische
Mitbürger in der Gemeinde Malsch in den einzelnen Jahren lebten.

Wie
vorhin schon durch den Zeitzeugenbericht von Kurt Lang berichtet, gab eine
Frau vor dem Abtransport den auf der Ladefläche des LKW sitzenden Juden
Brot und Kakao, obwohl dies verboten war. Den Mut dieser Frau haben wir
auf dem Stein durch einen Laib Brot und die Tasse festgehalten. Die
letzten Malscher Juden wurden mit einem LKW fortgebracht. Dies haben wir
durch den davonfahrenden LKW dargestellt.
Der
Stein wurde durch 19 Bohrungen gebrochen. Die entstandenen Bohrlöcher
sollen an die letzten 19 jüdischen Mitbürger erinnern, die am 22.Oktober
1940 nach Gurs deportiert wurden.
Inzwischen
wurde ein Stein bereits nach Neckarzimmern gebracht, wo am 02. November
die offizielle Steinaufstellung stattfindet.
Der
Stein für Malsch wird am 16. November 2008 im Rahmen des Volkstrauertages
am Kirchplatz aufgestellt. Zu dieser Feierstunden sind sie schon heute
recht herzlich eingeladen.
Malscher
Geschichte in Neckarzimmern
Es
war nur eine kleine Delegation, die der Einladung des Bürgermeisters
gefolgt war. Als man sich am vergangenen Wochenende im Bad Rappenauer
Stadtteil Neckarzimmern auf dem Gelände der Evangelischen Tagungsstätte
traf, da waren es etwa zwanzig Malscher, die die bei der offiziellen
Einweihung des Gedenksteins für die im Oktober 1940 ins französische KZ
Gurs deportierten Malscher Juden dabei sein konnten.

Der
Davidsstern aus Beton, in den Boden eingebracht, bildet den Rahmen für
das Mahnmal der badische Juden, die vor 68 Jahren aus insgesamt 137
badischen Gemeinden deportiert wurden. Wären die Aktivitäten der
Heimatfreunde Malsch zur Vorbereitung der noch bis 30. November im Rathaus
zu besuchenden Ausstellung „Jüdisches Leben in Malsch“ nicht gewesen,
so räumte Bürgermeister Elmar Himmel beim Besuch des Mahnmals ein, dann
wäre die Anfrage der Evangelischen Landeskirche zur Teilnahme am
Jugendprojekt gegen das Vergessen, die vor etwa eineinhalb Jahren das
Malscher Rathaus erreichte, von ihm vielleicht negativ beschieden worden.
So aber traf sie auf fruchtbaren Boden und führte dazu, dass der Bürgermeister
den Jugendgemeinderat, die KJG und die Konfirmanden der evangelischen
Kirchengemeinde für das Projekt eines Erinnerungssteins begeistern
konnte. Unter der Leitung des aus Malsch stammenden Steinmetzmeisters
Walter Grimm, der leider an diesem Sonntag nicht dabei sein konnte, das
Projekt aber betreut hatte, war ein Stein mit 19 Löchern (für jedes der
Opfer der Malscher Judendeportation) in der Mitte gesprengt worden. Beide
Teile sind von den Malscher Jugendlichen mit Symbolen versehen worden, die
für das Schicksal der jüdischen Mitbürger stehen. Neben einem Laib Brot
und dem LKW, der für den Transport steht, trägt der Stein die Bevölkerungszahlen,
die die Entwicklung der jüdischen Gemeinde dokumentieren.

Bei
der Feierstunde in Neckarzimmern ging Bürgermeister Himmel noch einmal
auf die Ausstellung im Rathaus und die Aktivitäten ein, die die Malscher
Heimatfreunde an den Tag gelegt hatten, ein. In Anwesenheit von deren
Vorsitzendem Josef Bechler dankte er den Jugendlichen, die sich um die
Gestaltung des Gedenksteins verdient gemacht hatten und dem Verein dafür,
dass er sich in dieser Intensität des historischen Themas angenommen
habe. Angesichts der globalen Finanzkrise sei deutlich geworden, wie
schnell trotz guter Vorsätze und entsprechender Warnmechanismen eine
Krisensituation auch in Deutschland entstehen könne. Die Vielseitigkeit,
mit der die rund 70 Gemeinden mit ehemals jüdischer Gemeinde sich bisher
an dem Mahnmal-Projekt beteiligt hätten, stünde auch für die
Unterschiedlichkeit der Lebensentwürfe und die Verschiedenheit der
deportierten Menschen. Er sei sehr froh darüber, dass Malsch in der
langen Reihe der Gedenksteine nun auch vertreten sei. Und was den zukünftigen
Besuchern der Gedenkstätte als Aufgabe mitgegeben werde, das sei der
unbedingte Wille., dass Antisemitismus in Deutschland nie wieder eine
Chance bekommen dürfe. Er, so Bürgermeister Himmel weiter, hoffe, dass
das Mahnmal in Neckarzimmern auch zukünftig Ziel von Exkursionen aus
Malsch werde – sei es für Jugendgruppen oder die politischen Vertreter
der Gemeinde.
Das
von dem 1945 im KZ Flossenbürg hingerichteten Theologen und Widerstandskämpfer
Dietrich Bonhoeffer geschriebene Gedicht „Von guten Mächten wunderbar
geborgen“, das Gemeindemitarbeiter Klaus Krone für die Feierstunde
ausgesucht hatte, wurde bei der Feierstunde in Neckarzimmern vorgetragen.
Ein gemeinsames „Vater unser“ verlieh dem Treffen auf offenem Feld
eine weitere Würde. Simon Spasojevic, der Vorsitzende des
Jugendgemeindrates, bedankte sich in einer kurzen Ansprache bei Bürgermeister
Himmel für das Vertrauen, das die Gemeinde den Jugendlichen
entgegengebracht hatte und würdigte die Verdienste von Steinmetzmeister
Walter Grimm. Die in Malsch verbleibende Hälfte des Gedenksteins wird am
16. November im Rahmen einer Feierstunde auf dem Kirchplatz offiziell
ihrer Bestimmung übergeben.
ts
Quelle: Gemeindeanzeiger Malsch
45/2008 vom 6. November 2008, Seite 1
Erinnerung
als moralische Verpflichtung
Vom
Volkstrauertag gehe, so sagte Bürgermeister Elmar Himmel am vergangenen
Sonntag anlässlich der offiziellen Enthüllung des Gedenksteines für die
19 am 22. Oktober 1940 ins französische KZ Gurs deportierten Malscher
Juden, auch eine friedensstiftende Funktion aus. Bei der Feierstunde auf
dem Platz vor der Kirche St. Cyriak, an der zahlreiche Bürger und
Vertreter des öffentlichen Lebens teilnahmen, schlug er den Bogen vom
latenten Antisemitismus in der Gründung des Deutschen Reiches (die durch
die in der Nähe stehende Germania-Statue symbolisiert wird) über das
Dritte Reich bis in die Gegenwart. Er gab seiner Hoffnung Ausdruck, dass
der Gedenkstein, dessen Pendant inzwischen auf dem Gelände der jüdischen
Gedenkstätte Neckarzimmern steht, nahe der ehemaligen jüdischen Schule
von Malsch einen würdigen Platz für Trauer und Erinnerung gefunden habe.
Er dankte dem Jugendgemeinderat, der Katholischen Jugend und den
evangelischen Konfirmanden, die das Jugendprojekt „Ein Stein für die
Erinnerung“ mehr als ein Jahr lang mit Kreativität und Engagement
realisiert haben.

Bürgermeister
Elmar Himmel (links)
und Patrick Mahovsky bei der Enthüllung des Gedenksteins
Jugendgemeinderat
Patrick Mahovsky dankte seinerseits noch einmal für das Vertrauen, dass
die Gemeinde den Jugendlichen bei Umsetzung der Mahnmal-Idee geschenkt
hatte. Unter der fachkundigen Anleitung des Baden-Badener Steinmetzes
Walter Grimm und seines Sohnes habe man mit viel Freude und zahlreichen
Einblicken in ein bislang unbekanntes Handwerk einen würdigen Gedenkstein
schaffen können. Mahovsky dankte auch Josef Bechler, dem Vorsitzenden der
Heimatfreunde Malsch, für seine fachkundige Unterstützung in
historischen Fragen und erläuterte den Anwesenden die Symbolik des
Gedenksteines. Man habe die beiden Teile des Steines, dessen Kontur an
eine ausgebreitete Thorarolle erinnere, durch 19 Bohrlöcher gesprengt.
Sie symbolisierten die 19 deportierten jüdischen Mitbürger. In den Stein
gehauen wurde ein Keimling, den die Jugendlichen als Zeichen der Hoffnung
für eine neu entstehende deutsch-jüdische Freundschaft verstanden wissen
wollen. Außerdem finden sich eine Frauengestalt, ein Trinkgefäß und ein
Laib Brot sowie ein LKW auf dem Stein. Hierdurch wird an jene mutige
Malscherin erinnert, die den einen ganzen Tag lang auf einem LKW, der auf
dem Kirchplatz abgestellt war, auf ihren Abtransport wartenden jüdischen
Mitbürgern eine kleine Mahlzeit zukommen ließ und dabei selbst ihre
Verhaftung riskierte. Zahlen zur Entwicklung der jüdischen Bevölkerung
in Malsch rundeten die Symbolik des Steines ab. Der Jugendgemeinderat
konnte sich Anfang November bei einem Besuch in Neckarzimmern bereits
davon überzeugen, dass die zweite Hälfte des Gedenksteines dort im
Ensemble mit anderen ebenfalls einen würdigen Platz gefunden hat.

Die
beteiligten Jugendlichen mit Bürgermeister Himmel
und Steinmetzmeister Walter Grimm (rechts hinten)
Pfarrer
Thomas Dempfle, der ebenso wie sein evangelischer Amtsbruder Claudius
Zeller an der Feierstunde teilnahm, zitierte aus Psalm 74 (Klage über die
Verwüstung des Heiligtums) und merkte an, dass Unrecht in jedem Fall
Unrecht bleibe. Er mahnte zu Liebe und Toleranz und wünschte den
Menschen, die den Gedenkstein aufsuchten, dass sie die Kraft zum Erinnern
aufbringen. Musikalisch umrahmt wurde die Veranstaltung vom Hassler-Chor
unter der Leitung von Angelika Kölble-Weber.
Pfarrer Zeller am Rendnerpult
dahinter wartet Pfarrer Dempfle |

Hassler-Chor
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Bei
der anschließenden Kranzniederlegung auf dem Malscher Friedhof wies Bürgermeister
Himmel auf die Notwendigkeit hin, in die Gedanken zum Volkstrauertag neben
den Gefallenen der Weltkriege auch die Opfer von Terror, Hunger und
Verfolgung einzubeziehen. Erinnerung sehe er auch als eine moralische
Verpflichtung, der sich, wie sich am Beispiel des Malscher
Mahnmal-Projektes gezeigt habe, zunehmend auch jüngere Menschen stellen.
Das Handharmonika-Orchester Malsch und der Hassler-Chor gaben dem
Totengedenken einen würdigen musikalischen Rahmen.
ts
Quelle:
Gemeindeanzeiger Nr. 47/2008 vom 20.11.2008, S. 3
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