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39  Ehemalige Malscher „Spezial“-Läden

 

Was wir unter der Bezeichnung „Spezial“ verstehen, wird sehr schnell deutlich, wenn wir uns den Briefkopf (Rechnung)  eines solchen Betriebes aus der damaligen Zeit anschauen:

  

 

In solchen Läden konnte man früher unglaublich verschiedene Dinge sozusagen aus einer Hand erwerben. (Vorläufer unserer heutigen Supermärkte?)  Und davon gab es bei uns in Malsch eine ganze Reihe. Darüber wollen wir nun im Folgenden berichten.

 Beginnen werden wir mit dem eingangs schon erwähnten Laden des Eugen Kunz im Oberdorf. 

s’Eigäns: Schon die Tatsache, dass einige Läden in Malsch allein durch den Vornamen des Besitzers genug beschrieben waren, zeugte doch von großem Vertrauen der Kundschaft, zumal besonders die Hausfrauen beim Einkaufen von oft ganz verschiedenen Dingen (in  e i n e m  Laden) halt viel Zeit sparen konnten.                            

 

 

 

 

 Eugen und Maria Wallburga Kunz (1894)                       Blick ins alte Oberdorf
                                                                                              Im Vordergrund Haus Kunz
                                                                                              (Postkarte von 1920)

Wir wissen, dass Eugen Kunz (* 1868) zusammen mit seiner Frau MariaWallburga (* 1870), geb. Görger, 1896 das stattliche Anwesen Ecke Haupt- und Römerstraße, die frühere Köllreuter-Apotheke, käuflich erworben hat, um darin ein Colonialwarengeschäft einzurichten. Verkauft wurden aber von Anfang an nicht nur täglich notwendige Lebensmittel, wie Salz, Zucker, Essig, Öl, Mehl,  Gewürze und dergleichen, sondern auch Textilien, Kurz- und Eisenwaren bis hin zum Petroleum, aber auch Sensen und sonstige landwirtschaftliche Kleingeräte. Das war sicher nur möglich, weil Eugen Kunz nach einer Kaufmanns-Lehre in der Firma Wacker, Ettlingen, erst noch einige Jahre als „Handelsvertreter“ tätig war.

1935 übergaben die beiden dann das Geschäft ihrem Sohn Albert und dessen Ehefrau Balbina, eine Tochter vuns Dietzäbeggä. Als Albert 1965 starb, führte seine Frau den Laden noch bis 1971 allein weiter. Erst dann wurde das Geschäft endgültig geschlossen.

 

 Albert und Balbina Kunz (1950)  

Eugen und Wallburga hatten aber noch drei weitere Kinder, die Mädchen Marie und Johanna und den Sohn Emil.

Und für Emil wurde in den Jahren 1929/30 das stattliche Geschäftshaus, heute Waldprechtsstraße 4, erbaut. Ab da gaben die Eigäns im Ewwordorf dann den Handel mit Eisenwaren aller Art auf, weil sich Sohn Emil in dem neuen Laden neben dem üblichen „Sonstigen“  gerade darauf spezialisieren wollte. Und so kam es dann ja auch!  


 

Beim Emil (Kunz): 1931 heiratete Emil die Maria Antoni aus Karlsruhe. Ab da betrieben die beiden dann das neue Geschäft in der Waldprechtsstraße gemeinsam.

   

 

 

 Haus Emil Kunz  ( 1930 – 1963)                                    Emil und Maria Kunz (1931)

 Selbstverständlich wurden neben dem Schwerpunkt „Eisenwaren“ auch  in der Küche täglich benötigte Grundnahrungsmittel wie Mehl, Zucker, Salz usw. verkauft. Daneben wurde das Angebot noch wesentlich erweitert, nämlich um den Sektor „Haushaltswaren aller Art“. Und die Malscher nahmen dies dankbar an. So konnte man früher den Emil, manchmal auch zusammen mit seiner Schwester Marie, das Kundendienst-Wägelchen durch die Straßen ziehend, sehen.

 

             Emil und Schwester Marie (1950)

1934 wurde Sohn Konrad, der Nachfolger, geboren. Und als dieser 1960 dann die Maria Jaschke aus Schwanheim bei Heidelberg geheiratet hatte, konnten die „Alten“ ihren Betrieb in aller Ruhe den „Jungen“ übergeben.

 

             die „Alten“ (ca. 1960)                                        die „Jungen“ (1960)

 ABER: Diesen Laden gibt es heute noch! Und das Besondere an ihm? Beim „Konrad“, wie man  heute den Laden oft vereinfacht  nennt, da kann man auch bloß mal ein paar Holzschrauben,  Unterlagscheiben, Sprengringe oder Dübel, um nur einige Beispiele zu nennen, bekommen, ohne gleich ganze Päckchen, so wie in den Supermärkten, kaufen zu müssen. Und das wissen viele Bastler und vor allem Heimwerker, nicht nur Malscher, arg zu schätzen.

 Noch etwas sollte erwähnt werden: Dass inzwischen Konrads Sohn, ebenfalls Konrad genannt, also „Konrad jun.“, gemeinsam mit seinen Eltern die Kundschaft bedient, ist doch ein gutes Zeichen.

 Gründer „Eugen“ könnte stolz sein, dass sein Werk nunmehr schon in der vierten Generation weitergeführt wird.

 


s’Schwonähonsä : Wo sich dieses Geschäft befand, wissen sicher noch alle alten Malscher, nämlich ganz nahe an der ehemaligen Ochsenbrücke. Woher kommt aber dieser eigenartige Name? Wir wissen, dass Johannes Kastner (daher auch die ehemalige Inschrift über der Ladentür „J. Kastner“!) 1880 das Anwesen Ecke Kreuz-Adlerstraße, früher Spitalstraße 597, käuflich erworben hat. Vorher hatte er aber eine dreijährige kaufmännische Lehre bei der Malscher Firma Merkel, Tabak-Handlung und Fabrikation, erfolgreich durchgemacht. Und da er der Sohn des Schwanen-Wirtes Johannes Baptist Kastner, des „Schwanen-Hans“, und dessen Ehefrau Magdalena, geb. Rübel aus Oberweier war, übertrugen die Malscher den Übernamen des Vaters halt auch auf dessen Sohn, den Gründer des oben genannten Ladens. Da er der einzige Überlebende  von elf Kindern aus der Schwanen-Hans-Ehe war, kann man diese Namensübertragung ja gut verstehen.

 

Der Gründer Johannes Kastner (ca. 1900)           Ausschnitt aus alt. Postkarte

 

Johannes Kastner heiratete 1885  die Anna Weishaupt. Und ab da führten die beiden das Geschäft gemeinsam, bis sie es dann 1920 ihrem Sohn Hermann übergaben. Anna Weishaupt starb 1928, Johannes Kastner erst 1937.

Hermann betrieb als neuer Firmeninhaber zusammen mit seiner Ehefrau Sofie, geb. Hitscherich, des damaligen Lammwirts älteste Tochter, den Laden.

Verkauft wurden insbesondere sogenannte Aussteuerware (Bettzeug, Tischwäsche), aber auch Schurzstoffe, Kleider- und Anzugsstoffe, Unterwäsche, Handarbeitswolle, Krawatten, Taschentücher, Reißverschlüsse, Knöpfe und viel anderes Kleinzeug, wie Nadeln, Garne u.dgl. Daneben wurden, wie ja früher in vielen Läden üblich, wichtige Grundnahrungsmittel und sogar Rauchwaren angeboten.

„Ladenschlusszeiten“ im heutigen Sinne gab es damals so gut wie nicht. Denn die Kundschaft, auch solche droben vomGebirge, also besonders aus Freiolsheim und auch aus Völkersbach, kam halt grad, wenn sie wollte oder etwas dringend brauchte, oft auch „hintenherum“, auch abends oder auch sonntags. Ja es kam sogar vor, dass ein junger Mann am Heiligen Abend noch schnell ein Weihnachtsgeschenk für seine Braut suchte und auch fand.

 

1965: Sofie (1897-1992)          und Hermann Kastner (1895-1974)

Hermann und Sofie Kastner gaben ihren Laden 1972 altershalber auf.  


s’Striggors : „Es waren einmal zwei Brüder...“, so könnte diese Erinnerung auch anfangen. Denn da gab es in Malsch Anfang des letzten Jahrhunderts tatsächlich zwei Brüder, die miteinander einen florierenden Handel mit Strickwaren aller Art betrieben, so von Haustür zu Haustür,  von Malsch aus bis weit in die Acherner Gegend. Und dies waren der Bertold und der Georg Huck, im Volksmund kurz nur s’Striggors genannt. Irgendwann aber beschlossen die beiden, sich häuslich, also in festen Läden, niederzulassen, der eine etwas außerhalb, der andere mehr in der Ortsmitte. Der Sonder-Name s’Striggors blieb aber an beiden, nämlich am Bertold wie auch am  Georg, hängen. Mit ihm, dem Striggorschorsch,  wollen wir unsere Erinnerungen beginnen.

Georg war eng befreundet mit Emil Hornung, dem ehemaligen Mahlbergwirt und dem späteren Erbauer des Gasthauses Rössel. Doch bevor er dort Wirt werden konnte, starb er und hinterließ eine Frau mit den vier Töchtern Anna, Marie, Hedwig und Klara. Auf dem Sterbebett, so erzählte man mir, habe er seinen Freund Georg Huck inständig gebeten, sich nach seinem Tod doch um seine Familie zu kümmern. Und so heirate später unser Georg die aus Schiftung stammende Witwe Emma Hornung, geb. Lorenz, zusammen mit ihren vier Töchtern. So wurden aus den vier Hornung-Mädchen im Volksmund halt bald auch vier Stricker-Mädchen.

 

 Bilder aus alten Zeiten: s’Striggor-Briggl  und  dä Ladäeigong in dä Addlorstroß                                                                                    

 Wie damals üblich, wurden im Laden viele alltägliche Nahrungsmittel (offen!) verkauft. Der Schwerpunkt des Angebotes lag aber neben Kautabak (Schick!) insbesondere bei Schaffschuhen, Holzschlappen, Wolle und vielen sonstigen Dingen für den Alltag.

Nach Georgs Tod führte dann Mutter Emma den Laden mit Hilfe ihrer Töchter weiter, übergab diesen dann später der Tochter Hedwig. Und Hedwig betrieb das Geschäft zusammen mit Schwester Marie noch bis 1954 weiter. (Mutter Emma war schon 1945 gestorben.)


ca. 1965
 s’Striggors  Mudor Emma Huck, verwitwete Hornung, geborene Lorenz

 


Klara Balzer    ca. 1925


Anna Wetzel ca. 1950   


Marie Müller  ca. 1970


Hedwig Lang ca. 1975

 Die vier Striggormädle Klara, Anna, Marie unn Hedwig (obwohl sie ja alle aus erster Ehe stammten, also „Hornung“ hießen)

 

Hedwigs Helferin Marie Müller, geb. Hornung

Nach 1954 wurde dann der Betrieb durch die Firma Baumann noch weitergeführt. Und schließlich richtete darin die Fa. Fertig bis in unsere Tage einen Reinigungs-Salon ein.  

Nachtrag:

Mit diesem „Nachtrag“ gebe ich weitere Zusatzinformationen.

Fangen wir bei der letzten, bei der Hedwig, an. Sie ist ja die, an welche sich die meisten noch gut erinnern, stand sie doch lange Zeit im Laden. Sie war mit Sebastian Lang, dem Longä Baschdl, verheiratet und starb ja erst 1995 Die Marie hieß Müller, weil sie mit Karl Müller, ämmä Glunggor, verheiratet war. An sie erinnern sich auch noch viele  Leute  gut, half sie doch oft ihrer Schwester im Laden aus. Die dritte, die Anna, wurde von vielen auch sofort erkannt, war sie doch die Frau vum Wetzlbegg im Ewwordorf. An die vierte aber, die Klara, können sich die meisten nicht erinnern. Das hat einen ganz einfachen Grund. Sie war verheiratet mit Alois Balzer, dem Balzor Alwies, oinor vuns Herichs, und starb bei der Totgeburt ihres einzigen Kindes. Da kann man jetzt sicher auch verstehen, warum sie vielen Malschern so gut wie nicht mehr denkt. 


Und nun zu’s  s’Striggorbertoldä.

 

 

Der Laden (um 1900) : Oben links: Bertolds Frau Anna; unten links: Bertold Huck; unten Mitte: Töchter Luise und Bertl  

Neben den üblichen Grundnahrungsmittel verlegte Bertold aber den Schwerpunkt seines Angebotes auf Kappen, Hüte, Krawatten und Schirme. Man kann dies gut erkennen am Bild:  

 

Blick in den Laden : Bertolds Frau Maria Anna (+ 1944); Bertold (+ 1953); Tochter Luise (+ 1968)  

Nach Heimkehr aus dem Krieg führte dann Schwiegersohn Josef Kühn, gelernter Schneidermeister, zusammen mit seiner Frau Luise das Geschäft weiter, allerdings unter späterer Aufgabe des Lebensmittelbereiches. Dafür aber verlegte er sich mehr auf den Sektor „Bekleidung“. Ja bei ihm konnte man sich die feinsten Maßanzüge schneidern lassen.   

Ein Bild aus dieser Zeit zeigt die beiden beim Bedienen einer jungen Kundin. 

 

Josef und Luise Kühn, geb. Huck, in „ihrem“ Laden ;  ca. 1950 

Später wurde dann der Laden an einen Apotheker aus Karlsruhe verpachtet, bis dann der Sohn der beiden, Gerald, selber darin eine Apotheke betrieb, und dies bis in unsere Tage.  

Noch zwei Anmerkungen seien gestattet. Man sagte mir mehrfach, dass beide Hucks ganz streng auf peinlichste Sauberkeit in ihren Läden bedacht waren! Und die beiden Söhne der Kühns waren in ihrer Jugendzeit, wohin sie auch kamen, immer bloß s’Striggors ihnä Junge.


s’Blechnormaxä: Bereits 1875 wurde om Uffgong zum Soubuggl von der damals noch ledigen Franziska Maier, oine vuns Maior-Michls, ein Laden eingerichtet, und zwar in dem heute noch existierenden dortigen Altbau.

Kurz darauf kam ein junger Blechner und Installateur, Ferdinand Kunz (1851 - 1912), mit dem auf  der „Walz“ erworbenen Meisterbrief wieder nach Malsch, sah die junge Frau, verliebte sich in sie - und schon drei Jahre später, also 1878, wurde dann auch geheiratet.

Ab da finden wir in dem Anwesen nicht nur den Laden der Franziska, sondern auch ein gut gehendes Blechner- und Installationsgeschäft.

Sohn August Max wurde vom Vater handwerklich  ausgebildet und als Nachfolger herangezogen.

Bald nach der Heirat von August Max Kunz (1894 - 1959) mit Veronika, geb. Lang (1897 - 1976), ein Nachbarmädchen, wurde  neben dem Altbau ein modernes Gebäude mit Laden und Werkstatt errichtet.

Warum der Gesamtbetrieb dann bei den Malschern allgemein nur s’Blechnormaxä genannt wurde, weiß heute kein Mensch mehr so richtig. Denn August Max Kunz wurde immer, so sagte man uns, mit seinem ersten Vornamen angesprochen.

Der zweite, heute noch lebende Sohn der beiden erhielt die Taufnamen Max(imilian) August(inus). Dass er dann (immer noch) dä  junge Blechnormax, genannt wird, ist ja für Malscher verständlich.

 

Ferdinand Kunz
der Gründer  ca. 1900

August Max Kunz  
ca. 1930
                       

Drei Blechner - Lehrlinge vor der Werkstatt    ca. 1941 Otto Hirth (+), Berthold Hoffart (+) und August Max Kunz (*1925) 

Doch zurück zur Ladenbetreiberin Veronika. Bei ihr konnte man alle möglichen Dinge für den Haushalt, aber auch allerlei Spielzeug für Kinder kaufen.

Das Ladengeschäft wurde dann 1960 aus Altersgründen aufgegeben.

Leider konnten wir weder Bilder vom frühen Laden im älteren Seitenbau des Anwesens, noch vom späteren Geschäft im Neubau,  auch nicht von der langjährigen Inhaberin Veronika Kunz, geb. Lang,  erhalten.


s’ Schaibles:  Offiziell war das Geschäft bis in unsere Tage hinein nach dem Erbauer und Inhabers des stattlichen Anwesens, nach  OTTO  SCHAEUBLE  benannt. Älteren Malschern denkt aber noch gut, dass der Laden etwa bis zum Ende des ersten Weltkrieges in Malsch nur Beis Maischä hieß.

Die Gründung geht nämlich zurück auf Josef Maisch, einen Malscher Bauernsohn. Von diesem wissen wir aber, dass er 1910 beim Anblick des brennenden Rathauses vor Angst und Schreck einen Herzschlag erlitten hat.

Sein Sohn Josef heiratete später die aus Kuppenheim stammende Wirts- und Metzgertochter Berta Hertweck, starb aber bald darauf.

So heiratete die junge Witwe bald wieder, und zwar den schon genannten und auch aus Kuppenheim stammenden Otto Schäuble. Und da Otto sowohl gelernter Blechner als auch Einzelhandelskaufmann war, passte er ja gut in dieses Geschäft. Doch es war ihm halt einfach zu klein!

Anfang 1930 errichtete er dann das heute noch stehende Geschäftshaus am Kirchplatz, für die damalige Zeit geradezu ein Monumentalbau.

Seine Zielstrebigkeit war deutlich zu erkennen an dem über seinem Schreibtisch hängenden Spruch

O scheue nicht den Morgen, der Müh’ und Arbeit gibt.

Es ist so schön zu sorgen für Menschen, die man liebt.

Die Familie Schäuble wurde aber - wie so viele andere auch - im 2. Weltkrieg hart getroffen, erst durch den Tod des ältesten Sohnes Heinrich in Stalingrad und später dann auch noch durch den bei einem Fliegerangriff auf Bruchsal verschütteten und umgekommenen zweiten Sohn Erich.

Die Jüngste, Tochter Hildegard, führte dann, erst zusammen mit den Eltern und später auch mit ihrem Ehemann, das Geschäft weiter. Infolge einer schweren Behinderung musste sie dann das Geschäft vor einigen Jahren aufgeben.

Hildegard Bertsch lebt heute in einem Pflegeheim in Mörsch, ganz in der Nähe ihres ebenfalls behinderten ältesten Sohnes, der, so gut es geht, sich um seine schwerkranke Mutter kümmert.

Gott sei Dank aber hat sie noch eine Freundin, die sich auch um sie sorgt.

Das einzige persönliche Bild, das wir bekommen konnten, zeigt die beiden bei der 70-er Feier des Schuljahrgangs 1926/27.


Beis NIESä Lina: An die Beschreibung dieses Ladens gehe ich mit ganz besonderer Freude heran, ist es doch das Geschäft, in dem ich einen Großteil meiner Jugendzeit verbracht und erlebt habe, aber ganz besonders auch, weil die Lina (1899-1974) ja unsere Mutter war. Obwohl  Vater Otto (1900-1977)  eigentlich der “Chef“ war, wurde der Ladenbetrieb bei den Malscher Leuten so gut wie immer nach der Lina benannt. Und das mit gutem Grund! Denn  s i e und nicht ihr Ehemann Otto stand ja fast immer Laden Und nicht nur im Laden! Ich denke jetzt spontan an die „Büchsenmaschine“ im Nebenraum. Wieviele Dosen von ihr erst von Hand „abgeschnitten“ und später dann (gefüllt) „zugemacht“ wurden, kann man nur erahnen! Und was da alles „in jener Zeit“ sogar heimlich, meist bei Nacht, erledigt wurde, wissen auch nur diejenigen Menschen, die damals genügend Mut besaßen, auch mal „schwarz“ zu metzeln und zu ihr auch viel Vertrauen hatten. Nur gut, dass Lina schweigen konnte. Schweigen, wo einem der Mund manchmal mit Macht aufgehen wollte, war Gott sei Dank eine besondere Stärke von ihr. Da half ihr oft ein besonderer Grundsatz, indem sie, wenn nötig, unhörbar zu sich selber sagte : „Geschl, halt dei Gosch!“

 

Lina´s Büchsenmaschine

 

Doch nun zu „ihrem“ Laden. Das Haus wurde 1900 erbaut. Mit Sicherheit wissen wir, dass darin zeitweise die „Sparkasse“, später dann der „Pfannkuch“ untergebracht waren, ehe Schneidermeister Vinzenz Reichert das Anwesen kaufte und seinen Sohn Wilhelm darin einen   Lebensmittelladen betreiben ließ.

Von Vinzenz Reichert erwarben dann unsere Eltern 1935 das Haus, nachdem Vater Otto 1933 die Meisterprüfung als Elektroinstallateur abgelegt hatte. Und dies als gelernter Bauschlosser beim Schlosser-Done! Otto war damit der erste „Elektromeister“ in Malsch. Praktische Fertigkeiten hierzu erwarb er sich in einigen Karlsruher Elektrofirmen, aber auch im „Gaswerk“ Malsch, welches in der damaligen Frühzeit der jungen Elektro-Technik mit einem eigenen Generator unser Dorf mit Strom, also nicht nur mit Gas, versorgte. Die theoretischen Kenntnisse erwarb er sich mühselig durch längeren Besuch von Wochenend-Kursen in Karlsruhe, und dies sogar oft mit dem Fahrrad. Das kann man sich so heute  gar nicht mehr vorstellen.

 


Otto mit Fahrrad auf dem Weg zum Meisterkurs (1932)


Das Haus in der Hauptstraße
(damals Adolf Hitler Straße) (1936) 

Dieses Haus lud unsere Eltern ja geradezu ein, darin auch ein Ladengeschäft zu eröffnen. Die Konkurrenz sah dies damals aber gar nicht gern. Drum war der Anfang ja auch nicht leicht. Otto (und nicht Lina!) musste daher erst noch eine Art Eignungsprüfung vor der Handwerkskammer ablegen, und dabei nachweisen, dass er nicht nur von „elektrischen“ Dingen etwas versteht, sondern auch in Sachen „Haushaltwaren“ fachkundig anbieten kann und daher auch verkaufen darf.

Den Haushalt der Familie versorgte damals über viele Jahre Hildegard Föry, eine treue und zuverlässige Hilfe, so dass sich Mutter Lina nicht auch noch  darum kümmern brauchte.

Bald  waren die Anfangsschwierigkeiten überwunden, und das Geschäft lief gut. Angeboten wurden in erster Linie natürlich Elektroartikel aller Art, von Glühbirnen und Batterien über Bügeleisen und Zimmerlampen bis hin zu Staubsaugern, Kühlschränken und Elektroherden. Aber auch sonst noch alles mögliche, was immer zum Führen eines  Haushaltes gebraucht wurde, insbesondere alle Arten von Gscherr.

 


Blick in die Steingut-Abteilung


Lina in ihrem Zentrum


Blick in die Glas- und Porzellan-Abteilung

Otto dagegen war oft draußen auf den Baustellen zu finden bei den Monteuren, aber auch daheim in seinem kleinen Büro, um halt den nötigen Schreibkram zu erledigen. Zeitweise waren in seinem Handwerksbetrieb  bis zu 20 Leute beschäftigt. Da fanden sogar Männer wie Karl Deubel (d’Biddlschell) und Franz Buhlinger (dä Dullor) auch in ihren alten Tagen noch Arbeit!              

 

„Otto am Schreibtisch“  (1955)

So ging das dann jahrelang weiter, auch über die schwierige Kriegszeit hinweg. Was war das eine Freude, wenn dann nach dem Krieg mal wieder genug Eindünstgläser eingetroffen waren, oder wenn es Taschenlampen und Glühlampen und Batterien und so viel anderes, jetzt auch ohne „Bezugschein“, gab.

Zwei besondere Höhepunkte im Ablauf eines Jahres sollten aber doch noch kurz erwähnt werden. In der Adventszeit, also vor Weihnachten, musste so manches im Laden umgestellt werden. Denn da wurden vor allem Spielwaren für Kinder angeboten. Da war immer was los! Und nicht nur Kinder, sondern auch die Großen hatten ihre Freude daran.

Doch am zweiten Weihnachtsfeiertag, am Stephanstag, wurde der Laden schon wieder unter Mithilfe der ganzen Familie aus- und umgeräumt, denn Sylvester und Neujahr standen ja gleich danach vor der Tür. Und das spezielle Angebot hierzu war groß, von einfachen Schießblättle, Salzpropfor unn Knall-Fresch  bis hin zu den herrlichsten Raketen, also alles mögliche an Feuerwerkskörpern.

Wir, die Familienangehörigen, können dies alles noch so recht nachfühlen, waren wir doch oft in den Geschäftsbetrieb mit eingebunden. Neben den im Büro zeitweise tätigen Frauen Maria, Anneliese und ganz besonders Helga (bis zur Geschäftsafgabe) war Tochter Liesel besonders mit der Buchhaltung betraut. Und da der als Vaters Nachfolger vorgesehene Sohn Karl, wie so viele andere, aus dem Krieg (Stalingrad) nicht mehr heimgekommen war, erlernte ich vor meinem Studium beim Vater erst einmal den Beruf des Elektroinstallateurs, selbstverständlich mit Gesellenprüfung. Denn so konnte auch ich damals meine „elektrischen“ Kenntnisse gut einbringen. Vor allem aber hatte ich dabei gelernt, was „schaffen“ heißt.  Auch  meine Frau Hedwig war oft im Einsatz, im Lager wie auch im Laden, besonders dann, wenn es der Mutter mal nicht gut ging, was in ihrer letzten Zeit ja oft, fast regelmäßig der Fall war.   

So hat halt alles seine Zeit, auch im Leben eines Menschen. Eines Tages musste Lina aus gesundheitlichen Gründen den Laden aufgeben. Das war so mitten der 60er Jahre. Und auch Otto übergab seinen Handwerksbetrieb, zwar etwas später, an einen von ihm in jungen Jahren ausgebildeten  Elektromeister.

 

Lina und Otto in alten Tagen  (ca. 1965)

Was aber immer bleiben wird, ist eine gute Erinnerung und ein Gefühl der Dankbarkeit, nicht nur bei uns, den Angehörigen und den sechs Enkelkindern von Otto und Lina, sondern auch bei vielen Malschern, wie man uns immer wieder sagt.


         Beim Häffele 

 

Frontansicht des Hauses mit Laden 

In diesem Laden konnte man auch viele Dinge kaufen, vor allem aber Häfelchen (Häffele) aller Art: Kochhäffä, Souhäffä, Mosthäffele, Millichhäffele, Nochthäffele, Schmalzhäffele  aber auch größere Gebilde aus Ton, sogenannte Stonnä, zum längeren Aufbewahren von rohem Gemüse den Winter über.

Über so viele verschiedene Häffeles-Arten kam dann der Betreiber Lorenz Strickfaden  zu seinem besonderen, sehr eigenartigen „Namen“.

Er, der Lorenz,  bediente ja vor allem die Tankstelle und die Reparaturwerkstätte für Fahrräder (siehe dort; Kap. 31.7). Im Laden aber betreute meistens seine Frau Stephanie zusammen mit Tochter Liesel die Kundschaft.  

 

Hochzeitsbild von Lorenz und Stephanie Strickfaden  (1920) 

 

Blick in den alten Hof mit Misthaufen und Mistlachpumpe  (1946) 

Während ich dies niederschreibe, kommt mir spontan ein Ausdruck in den Sinn, der mit dem Thema „Häffele“, oberflächlich betrachtet,  ja kaum was zu tun hat, nämlich das Wort „Haffäkäs“. Oder vielleicht doch?

Im volkstümlichen Sprachgebrauch  versteht man darunter oft etwas Einfaches, nicht sehr Wertvolles, nichts Kostbares und nichts Teures. Beim weiteren Nachdenken fand ich dann aber doch noch eine sinnvolle, plausible Deutung:

Früher stellten die Landfrauen, wie unsere Mütter ja auch noch, manchmal einen  Teil der frischen Milch in sogenannten Millichhäffälä zum „Sauerwerden“ auf; so sagte man damals dazu. Der dabei gewonnene Rahm wurde abgeschöpft und zum Kochen oder zum Butter-Plumbä verwendet. Die restliche, saure Milch, sogenannte gstonnene Millich, ließ man „abtropfen“ und zu einem ganz einfachen, aber guten und billigen Käse werden, dem sogenannten Bibbeleskäs. Dieser war dann zwar nicht so kostbar wie z. B. Schweizer Käse, Camembert, Maasdamer oder ähnliche Sorten. Aber er kostete ja so gut wie nichts, und man hatte ihn fast immer zum Vespern (und auch für die jungen, grad ausgeschlüpften Bibbele; daher auch der Name Bibbeleskäs!) zur Verfügung! Stimmt´s, Ihr Frauen? 

Jetzt wissen wir also, dass än Haffäkäs an sich nichts Minderwertiges, sondern ebbäs Guts gewesen und auch heute noch ist. So hat er also doch etwas mit unserem Thema Häffele zu tun, weil er halt erst über den Weg eines besonderen Häfelchens zum Bibbeleskäs werden konnte! So hängt er, dä Haffäkäs, zumindest sprachlich, doch mit unserem Häffele etwas zusammen! Und wo habe ich so ein besonderes „Häffälä“ tatsächlich noch finden können? Ihr werdets kaum glauben, aber bei den beiden Konrad Kunz in der Waldprechtsstraße kann man ein solches auch heute noch finden und kaufen!

 

Käsehäfelchen bei Konrad Kunz in Malsch 

Die Übergabe an Tochter Luise und deren Ehemann Karl Karcher erfolgte erst 1963, kurz vor Lorenz Strickfadens Tod. Endgültig geschlossen wurde der Laden dann 1996.

 

Karl Karcher und Ehefrau Liesel; letzte Betreiber des Ladens


Bei dä  Haller  Paula in Waldprechtsweier

Schade, dass ich von  der Paula Haller, geborene Durm (1925), selber nichts mehr erfahren konnte, denn sie liegt zurzeit schwer krank im Marienhaus und kann sich an nichts mehr  erinnern. Da kommt mir mal wieder das Dichterwort in den Sinn: „O frag’, solang du fragen kannst….“.

Gott sei Dank aber gibt es noch nahe Verwandte und auch Bekannte, die mir doch einiges Erzählenswertes mitteilen konnten.

So sagte mir zum Beispiel ein damals junges Mädchen (namens Hedwig) aus der Malscher Bahnhofsgegend, dass die Schulkinder, wenn ihnen die Paula auf dem Schulweg begegnete, oft fröhlich gesungen haben: „Sturm, Sturm, Sturm, jetzt kommt die Paula Durm!“

Und so war sie ja auch, die Paula. Immer wieder wurde mir gesagt, dass sie nicht nur lebhaft und lustig, sondern auch hilfsbereit, freundlich und fröhlich war, nicht nur in ihrer Jugend beim damaligen BDM, sondern auch später beim Turnverein, beim „Roten Kreuz“ und besonders in ihrem „Laden“ in Waldprechtsweier .Gut, sie war ja eine tüchtige Geschäftsfrau, vergaß dabei aber nie die Sorgen ihrer Kundschaft. So ist es doch nicht verwunderlich, dass sie neben dem vielen Kleinkram, was unsere Frauen für den Haushalt und die Küche täglich brauchten, auch manches andere, nicht ganz so notwendiges Zeug im Angebot hatte. Den dafür notwendigen Raum richtete sie im Keller ihres Hauses ein und nannte ihn sinnigerweise „Fundgrube“. Dass sie nebenbei auch noch Avon-Beraterin war, passt gut zu ihr. Und dass sie mit befreundeten Dorf-Frauen in der Fastnachtszeit mit einem Leiterwägelchen singend und johlend und schlempelnd durchs Dorf zog, denkt auch noch vielen. Sie bot ihrer Kundschaft sogar Kuchen, besonders feine Torten, an. Diese kamen aus einer  Ettlinger Konditorei über einen ihr vom Roten Kreuz bekannten und in Malsch wohnenden Konditormeister zur damaligen Filialleiterin der Sparkasse Malsch in Waldprechtsweier, Rita Harlacher. Von dieser wurden sie dann  in der Mittagspause zur Paula in den Laden hoch gebracht. (So hat es mir die Rita neben manchem anderen glaubhaft erzählt.)   
Neben so manchem, auch Erzählenswertem, sollte aber doch etwas noch besonders erwähnt werden: Der Arzt Dr. Riedner aus Muggensturm betreute damals viele Kranke aus Waldprechtsweier, meist immer am gleichen Halbtag. Die Leute brachten dann die ausgestellten Rezepte erst zur Paula. Dann fuhr sie mit den Rezepten in die Apotheke nach Malsch hinunter, um anschlie0ßend dann die verschriebenen Medikamente den Kranken in Waldprechtsweier zu bringen. Wer hatte denn damals schon ein Auto? So war sie halt: menschenfreundlich und hilfsbereit, wo immer sie auch gebraucht wurde!

 

Paula (1980) bei der 55-er Feier ihres Jahrgangs beim fröhlichen Sackhüpfen
(Paula ganz links)

 

Klassenbild von 1990 (65-er Feier; Paula auf dem Boden neben Elsa Grimm)

  

Paula am 70. Geburtstag; Gratulation durch Herrn Heck von der Spk. Malsch

Ihren Laden in der Talstraße betrieb Paula seit 1958 und gab dann das Geschäft1984 altershalber auf.

Wir wünschen ihr auf diesem Wege Alles Erdenklich Gute, vor allem aber, dass ihr bald wieder eine noch lebenswerte und frohe Zeit beschieden sein wird.