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Ein Zeuge des Jahrhunderts berichtet aus schlimmen Zeiten

 

In ihrer »Geschichte des Dorfes Malsch« hat uns Lore Ernst Zeugnis vom Kriegsende und den schlimmen

Nachkriegsjahren gegeben. In einer -Jahrzehnte danach aufgefundenen, bisher unveröffentlichten -

Pfarrchronik hat auch Geistl. Rat Karl Riehle die Ereignisse und Geschehnisse jener schweren Zeiten

festgehalten. Sie werden nachfolgend also - gekürzt um den pastoralen Teil - von einem weiteren »Zeugen

des Jahrhunderts« dargestellt.

 

 

Pfarrchronik ab 1941

von Geistl. Rat Karl Ludwig Riehle

 

Mit der Einstellung des »Kath. Monatsboten der Pfarrei Malsch« (1. 5. 1941) hat auch die laufende

Pfarrchronik, wie sie dort jeweils gegeben worden ist, ihr Ende gefunden. Darum sollen hier die

wichtigsten Ereignisse in der Pfarrei kurz festgehalten und so der Nachwelt überliefert werden.

 

Luftangriff auf die Umgebung von Karlsruhe

 

Die Nacht von Mi. 17. 9. auf Do. 18. 9. 41 war für Karlsruhe und Umgebung eine Schreckensnacht. Auch

hier in Malsch hörte man die Bomben fallen, glücklicherweise nur in den Wald und in Wiesengelände, wo sie

keinen großen Schaden anrichteten. Es wird aber auch so die furchtbare Musik, Surren der Flieger, Donnern

der Abwehrgeschütze und das Zischen und Krachen der Bomben unvergesslich sein.

 

Silvester 1942

 

Trotz so mancher Verluste hatten wir noch viel Glück. Die furchtbare Kälte in den ersten Monaten hat zwar

viel Schaden angerichtet, aber die Natur hatte sich bald erholt und gab im Allgemeinen recht gute Ernte. Nur

das Obst ist spärlich geraten. So blieben die großen Fässer in den Kellern meist leer, wie seit dem Jahr, da

die Amerikanerreben ausgehauen worden sind.

Großes Glück hatte Malsch gelegentlich der großen Fliegerangriffe auf Karlsruhe. Inder Nacht vom 2./3.

Sept. flogen die schweren Maschinen über uns hinweg und richteten in Karlsruhe mit ihren Brand- und

Sprengbomben gewaltigen Schaden an. Auch viele Menschen fielen zum Opfer während des

eineinhalbstündigen Angriffs. Hier zitterten Türen und Fenster bei den Detonationen. Nach dem Angriff glich

Karlsruhe vom Kirchturm aus gesehen - einem gewaltigen Flammenmeer.

Noch ernster und gefahrvoller war der Nikolausabend. Infolge der schlechten Sicht und des starken

Abwehrfeuers konnten die Flugzeuge Karlsruhe schlecht erreichen. So warfen sie ihre Bomben mehr in die

Umgebung. Auf Malscher Gemarkung fielen etwa 1.200 Brandbomben und einige Sprengbomben. Wie

durch ein Wunder wurde kein Schaden angerichtet. Vier Brandbomben gingen im Ort selbst herunter, eine in

ein Haus, zündete aber nicht. Ganz Malsch war durch unzählige Leuchtkugeln (Christbäume) taghell

erleuchtet. Doch ging alles gut vorbei, so dass wir am Sonntag darauf ein dankendes »Großer Gott, wir

loben dich« singen konnten. (Zwei Männer starben in dieser Nacht an Herzschlag)

 

1943

 

20. Juli 1943. Am Morgen dichter, grauer Nebel, allmählich unheimlich schwül. Um 5.00 Uhr nachmittags

brach ein furchtbar heftiges Gewitter herein. Es kam über das Gebirge her und entlud sich vor allem auf der

Gemarkung Waldprechtsweier. Eine halbe Stunde lang Sturm und  Hagel, Eisbrocken größer als ein

Taubenei. In Waldprechtsweier wurde die Ernte größtenteils vernichtet, das Obst von den reichlich

behangenen Bäumen abgerissen, große Bäume zerrissen oder entwurzelt. Auf Feldern und Wiesen war alles

wie gewalzt. Der Schaden ist noch nicht übersehbar, die Leute sind mutlos und halb verzweifelt. Ob darin

nicht eine Heimsuchung zu sehen ist für die so bedenkenlos verübte Sonntagsentheiligung! In Malsch wurde

etwa die halbe Gemarkung bis zur Bahnlinie getroffen. Auch hier sind die Schäden, namentlich in den Gärten,

sehr groß, doch bei weitem nicht so wie in Waldprechtsweier.

 

Silvesterabend 1943

 

Das Jahr 1943 geht zu Ende. Gott sei Dank sind viele schlimme Befürchtungen, die man hegte, nicht wahr

geworden. Wir blieben vor Fliegerschäden bewahrt und auch vor anderen außerordentlich schweren

Unglücksfallen. wenn man von dem Hagelwetter absieht.

 

1944

 

Am 1. Januar fiel in Kroatien im Kampf gegen die Partisanen Bürgermeister Georg Hornberger. Er war

Protestant, seine Frau katholisch, die Kinder der protestantisch getrauten Familie protestantisch. Seine

Einstellung der kath. Kirche gegenüber aber war stets entgegenkommend, selbst freundlich. Der Verlust ist

sehr bedauerlich.

Opfer von Terrorangriffen am 5. 9. 1944 Werkm. Franz Bechler im Alter von 63 Jahren, langjähriger

Gemeinderat der Sozialdemokratischen Partei, wurde am Karlsruher Bahnhof (Hauptwerkstätte) in einem

Bunker, wo er bei einem Fliegerangriff Schutz suchte, getroffen und war sofort tot. Mit ihm Schreiner Josef

Schweigert. 53 Jahre alt, und Festhallenwirt Johannes Speck im Alter von 34 Jahren. Alle drei wurden auf

dem hiesigen Friedhof ehrenvoll beerdigt. Bei einem Fliegerangriff auf Gaggenau am 10. 9 -14 wurde tödlich

getroffen Frau Gertrud Mors zusammen mit ihrem acht Monate alten Kinde. Sie war z. Zt. des Angriffs bei

ihren Eltern in Gaggenau und wurde dort auch beerdigt. Den Opfern der Fliegerangriffe wurden

kirchlicherseits stets dieselben Ehrungen erwiesen wie den Gefallenen.

 

Glück im Unglück

 

hatte Malsch am Freitag. 17. November1944. In den Nachmittagsstunden fand ein Luftkampf zwischen

deutschen und amerikanischen Jagdflug­zeugen statt, wobei eine deutsche Maschine mitten im Ort abstürzte.

Sie fiel in einen kleinen Garten. der rings von Häusern umgeben war. Nur ein Schuppen geriet in Brand.

Mehr Sachschaden entstand in den »Neuwiesen«. Dort warf eines der amerikanischen Flugzeuge zwei

Sprengbomben in unmittelbarer Nähe der letzten Häuser, deren Dächer zum Teil abgedeckt, Türen und

Fens­ter zertrümmert wurden. Ein Haus (Buhlinger Nr. 9) musste geräumt werden. Man kann sagen: Wie

durch ein Wunder ist größeres Unheil verhindert worden, vor allem kein Menschenleben ist zu Schaden

gekom­men. Gott sei Lob und Dank!

Das hochhl. Weihnachtsfest konnte herkömmlich gefeiert werden. In der Hirtenmesse spielte eine

Musikkapelle, die hier einquartiert war. Das Hochamt erlitt insofern eine gewisse Störung, da einige

Kampf­flugzeuge über uns kreisten.

 

Wilhelm Wildemann