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seinen Weißen Sonntag und die Vorbereitungen im Jahre 1 9 4 5 Als
an Sylvester 1944 die Glocken von St. Cyriak das Neue Jahr 1945 einläuteten,
blickten viele Malscher – und sicherlich auch viele Menschen in Deutschland
– mit sorgenvoller Miene an den nächtlichen, bewölkten Himmel mit einem
stillen Gebet und der Hoffnung, dass der unheilvolle und schreckliche Krieg bald
ein Ende habe und der ersehnte Friede einkehren möge. Das
erst vor wenigen Tagen gefeierte Weihnachtsfest – die sechste Kriegsweihnacht
– konnte in seiner Armseligkeit kaum noch unterboten werden. Aus kargen
Wollresten hat die Mutter uns Kindern Bollenmützen gestrickt, aus vorhandenen
Stoffresten zweifarbige Fausthandschuhe genäht und
aus Maiskolbenstroh warme Hausschuhe gefertigt und sie unter den mit
Kerzenstummeln aus dem letzten Jahr gezierten Weihnachtsbaum gelegt. Neue Kerzen
und viele andere sicher sehr notwendige Dinge waren einfach nicht mehr zu
bekommen. Der
Ausblick in das Neue Jahr war sehr trübe. Immer wieder hörte man von den
Erwachsenen die bange Frage: "Was wird das beginnende Jahr wohl
bringen?" Das
Jahr 1945 war für uns, die Geburtsjahrgänge 1935/36, das Jahr unserer Ersten
Heiligen Kommunion. 64 Jungs und 49 Mädchen aus unserer Gemeinde wollten sich
auf dieses Fest vorbereiten. Schon
seit dem frühen Herbst 1944 hatten wir keinen ordentlichen Schulunterricht
mehr. Unser Schulhaus – sein Name war damals „Horst-Wessel-Schule“ –
wurde in ein Militär-Lazarett für deutsche Soldaten und als Hauptverbandsplatz
für Verwundete aus dem immer näher rückenden Frontgebiet im nahen Elsass
umgewandelt. Wir hatten also auf unabsehbare Zeit Ferien. Die
Vorbereitungen und Unterweisungen für unseren Weißen Sonntag hatte unser sehr
geschätzter Pfarrer Karl-Ludwig Riehle daraufhin zunächst an zwei Vormittagen
in der Woche in der Pfarrkirche St. Cyriak durchgeführt.
Die
Mütter haben uns angehenden Erstkommunikanten kleine Täschchen aus Stoffresten
mit einem Trageband genäht, um das Magnifikat und den Katechismus aufzunehmen.
Weitere Schulutensilien, wie Schiefertafel, Federbüchse u.ä. wurden ja nicht
mehr benötigt. Mit
großem Ernst hat uns Pfarrer Riehle auch öfter zum Gebet für unsere –
zumeist im Krieg befindlichen – Väter und für die Verschonung unseres Dorfes
und Kirche vor Kriegszerstörungen angehalten. Viele Dörfer in unserer nahen
Umgebung und besonders unsere Kreisstadt Karlsruhe hatten zum Teil erhebliche
Zerstörungen durch nächtliche und gelegentlich – vornehmlich an hellen Tagen
– stattgefundenen Bombenangriffe erfahren. Es
war die Zeit, in der Pfarrer Riehle ein Gelübde machte: „Wenn unser Dorf
Malsch und besonders die Pfarrkirche St. Cyriak von großen Kriegsschäden
bewahrt bleibt, werde er jedes Jahr mit der Gemeinde eine Dankwallfahrt nach
Moosbronn durchführen.“ Fast
jede Woche kam auch eine oder mehrere traurige Meldungen
vom Heldentod eines Vaters, Bruders oder Onkels von den verschiedenen
Frontgebieten in unsere Gemeinde. In den an den Sonntagsabenden in der
Pfarrkirche abgehaltenen Gedenkfeiern für die gefallenen Soldaten unserer
Gemeinde versuchte der bei uns sehr beliebte Kaplan Kurt Mangold, der aus der
Erzdiözese Köln stammte, Trost den trauernden Angehörigen zuzusprechen. An
den vor dem Hochaltar mit Stahlhelm und Birkenkreuz aufgebauten und mit Blumen
liebevoll geschmückten Tumba nahmen die Malscher mit Tränen in den Augen im
Geiste Abschied von den in der Ferne gefallenen Helden. Der
für den örtlichen „Luftschutz“ rekrutierte Kaplan, Anton Jäger, versuchte
– soweit es ihm möglich war – überall dort mit anzupacken, wo er dringend
gebraucht wurde; und das war sehr oft der Fall. Immer
öfter wurde Fliegeralarm gegeben. Gelegentlich gab es auch Luftangriffe auf
Malscher Gebiet. Hier waren besonders der Bahnhofsbereich und das
Industriegebiet die anvisierten Angriffsziele. Oftmals
saß Kaplan Jäger mit seinem Dienst-Overall und den Stahlhelm stets griffbereit
in seinem Beichtstuhl, um den Gläubigen die Beichte abzunehmen und so gut es
ging tröstende Worte zuzusprechen. Der
Kanonendonner von der immer näher rückenden Front wurde von Woche zu Woche
immer deutlicher zu vernehmen und nahm ständig an Heftigkeit zu. Das
Osterfest und der Weiße Sonntag rückten immer näher. Die Sorgen der Mütter
um die Beschaffung der Einkleidung der Kommunionkinder ließen sie oft nicht zur
Ruhe kommen. Vielfach wurde auch auf getragene Kleidung von Erstkommunikanten
aus früheren Jahren aus der eigenen Familie oder aus dem Bekanntenkreis zurückgegriffen. Die
oft zu kurzen Kleider der Mädchen oder die zu langen oder gar zu kurzen Hosen
der Buben wurden durch einen bewundernswerten Ideenreichtum der Mütter mit
Nadel, Faden und Schere den neuen Trägerinnen und Trägern angepasst. Aber
auch die Ausrichtung des sonst üblichen Festmahles bereitete den tapferen Müttern
erheblichen Kummer. Die Versorgungslage für alle Bereiche wurde immer
kritischer. Oft reichten die mittels
Lebensmittelmarken zugewiesenen Rationen nicht aus, die hungrigen Kinder satt zu
bekommen. Wenige
Tage vor Ostern wurde auch noch durch Kriegseinwirkung das elektrische
Leitungsnetz zerstört, so dass für das gesamte Dorf keine elektrische
Stromzufuhr mehr möglich war. Auch der immer öfter zu hörende Sirenenalarm
ist deshalb vollkommen ausgefallen. Durch
behördliche Anordnung wurde daraufhin das Läuten der Kirchenglocken von St.
Cyriak untersagt. Nur bei unmittelbarer Bedrohung durch feindliche Flugzeuge
oder Panzer durften die Glocken als Zeichen höchster Bedrohung und Gefahr geläutet
werden. Die
Karwoche, beginnend mit dem Palmsonntag, wurde wie immer mit dem Palmentragen
der Kinder, der Palmweihe durch Pfarrer Riehle und der Palmprozession der
Stiftungsräte der Gemeinde im Hochamt in der Pfarrkirche eingeleitet. Doch
leider wurde der Sonntagsfrieden durch einige Tieffliegerangriffe auf Malscher
Gebiet furchtbar gestört. Die
Trauermette an den drei Trauertagen und besonders die Karfreitagsliturgie wurde
mit großem Ernst und großer Teilnahme der Malscher Katholiken begangen. Bei
der am Karsamstagabend durchgeführten Auferstehungsfeier – unter Teilnahme
der Erstkommunikanten des zurückliegenden Jahres – und beim Hochamt am
Ostersonntag wollte keine festliche Stimmung aufkommen. Selbst die Orgel, die
sonst die festlich gesungenen Osterlieder begleitete, musste wegen Stromausfall
stumm bleiben. Unruhe,
Unsicherheit und Angst waren die vorherrschenden Gefühle, die die Menschen in
jenen Tagen bedrückten. Als
aber am Ostersonntagnachmittag auch noch der Amtsbote der Gemeinde Malsch mit
der Amtsglocke im Dorf verkündete, dass das Wehrmachtsdepot in der Blumenstraße
– im Volksmund „Baracke“ genannt – geräumt werden muss und die dort
gelagerten Gegenstände, wie
blau-weiß karierte Bettwäsche oder Schmierseife in Fässern u.ä. an die
Malscher Familien – entsprechend ihrer Personenzahl – ausgegeben werden
kann, hatte die Stimmung der Malscher Bevölkerung ihren Tiefpunkt erreicht. Die
nun folgende Osterwoche war durch ständige Truppenbewegungen und
Tieffliegerangriffe auch auf Malscher Gebiet und Umgebung gekennzeichnet. Pfarrer
Riehle hatte die Erstkommunikanten in dieser Woche jeweils vormittags zur Probe
und Vorbereitung auf die Erstkommunionfeier in die St. Cyriak-Kirche
einbestellt, immer aber mit der Aufforderung, so schnell wie möglich den Weg
zur Kirche und den Heimweg zu gehen und möglichst nicht auf der Straßenmitte
zu laufen, weil bei einem plötzlichen Flieger- oder Artillerieangriff an den Häuserwänden
ein besserer Schutz und bessere Deckung zu finden ist. Die
Situation wurde von Tag zu Tag bedrohlicher. Als Pfarrer Riehle am Samstag vor
dem Weißen Sonntag, dem 7. April, die Kommunionkinder nach der letzten Probe
und Unterweisung entlassen wollte, sagte er mit tiefem Ernst: „Wenn wir morgen
noch alle leben, werden wir die Erstkommunion nicht – wie geplant – im
Hochamt um 10.00 Uhr, sondern schon um sechs Uhr in der Frühe bei Dunkelheit in
aller Stille feiern.“
Alois Herzog und Bruder Herbert
Bald,
nachdem wir Kinder die Kirche verlassen hatten, wurde durch ein
Artillerie-Geschoss das mittlere Kirchendach der St. Cyriak-Kirche schwer beschädigt. Am
Weißen Sonntag-Morgen liefen wir ängstlich – von unseren Müttern begleitet
– mit den Kommunionkerzen in den Händen durch die noch dunklen Straßen in
die Kirche. Nur wenige Altarkerzen und die Kerzen der Kommunionkinder spendeten
ein kargen Licht. Nach
einer kurzen Begrüßung durch Pfarrer Riehle gingen wir in aller Stille aber
sehr ernst und ohne weitere feierliche Handlung zum ersten Mal zum Tisch des
Herrn. Es
war eine armselige aber für uns alle ein Leben lang unvergessliche und prägende
Erstkommunionfeier. Kaum
zu Hause angekommen fanden wieder Angriffe durch feindliche Flugzeuge und
Artillerie statt. So manches Haus ging an diesem Tag in Trümmer und manche
Scheune stand in Flammen. Wer
konnte, half den noch wenig im Dorf verbliebenen Männer der Feuerwehr beim Löschen
der Brände und beim Wegräumen der größten Trümmer. Bei
diesen Angriffen fanden auch einige Malscher Mitbürger – darunter eine Mutter
einer Erstkommunikantin – den Tod. Eine Reihe von Mitbürgern hatten auch zum
Teil schwere Verletzungen bekommen. Pfarrer
Riehle hat in seinen persönlichen Aufzeichnungen zum Weißen Sonntag 1945
folgendes festgehalten: „Der
Weiße Sonntag 1945 war ein herrlicher Frühlingstag mit lebhafter Fliegertätigkeit.
Die Gottesdienste am Vormittag konnten zur Not gehalten werden. Dagegen wurde
die Andacht am Nachmittag abgesagt. Die feierliche Erstkommunion der Kinder war
am Tag zuvor schon abgesagt und die private Kommunion dafür empfohlen worden.
Die meisten Kinder gingen mit ihren Angehörigen zum Tisch des Herrn. Auch das
machte Eindruck. Etwa
um ½ 3 Uhr nachmittags erfolgte ein Tieffliegerangriff – weniger mit Bomben
als mit Brandmunition. Da die Leute alle zu Hause waren, konnten einzelne Brände
rasch gelöscht werden. Drei Scheunen gingen in Flammen auf. Ein Kranker wurde
im Bett schwer verletzt, konnte aber am Leben erhalten werden. Die
sonst übliche Wallfahrt der Erstkommunikanten am Montag nach dem Weißen
Sonntag musste aufgrund der äußerst dramatischen Ereignisse ausfallen. Pfarrer
Riehle hat hierzu notiert: „Am
Montag, den 9. April 1945, erfolgte in den Nachmittagsstunden wieder ein
Angriff. Diesmal brannten etwa zwölf Scheunen im Ortsteil „Neudörfle“
nieder. Ein Mann wurde tödlich getroffen. In der Nacht vom Montag – Dienstag
setzte wieder Artilleriefeuer ein, das an vielen Häusern schwere Schäden
verursachte. Menschenleben waren nicht zu beklagen. Alles brachte die Nacht in
den Kellern zu. In
den Nachmittagsstunden des Dienstags, 10. April, gab es plötzlich ein
Bombardement mit Splitterbomben. In unmittelbarer Nähe des Pfarrhauses gingen
welche nieder. Alle Fensterscheiben wurden demoliert, das Dach blieb gut, auch
die Kirche kam gut davon. Eine Scheune brannte nieder. Die ganze Umgebung von
Kirche und Pfarrhaus war in eine dichte Rauch- und Staubwolke gehüllt. Zwei Männer,
drei Frauen und ein Kind mussten bei diesem Angriff ihr Leben lassen. Der Abend
des Tages war unheimlich still. Vereinzelt hörte man aus dem Wald Artillerie-
und Maschinengewehrfeuer. Der Feind steht am Ortseingang von Freiolsheim und Völkersbach.
In banger Erwartung wird der kommende Tag erwartet. Malsch soll bis aufs Äußerste
verteidigt werden. Das war geplant. Es wurde aber viel gebetet.“ Malsch
wurde am frühen Morgen des Mittwoch, 11. April, nachdem die deutschen Soldaten
abgezogen waren, von französischen Truppen kampflos
eingenommen. Der
schreckliche II. Weltkrieg hatte
am 8. Mai 1945 sein lang ersehntes Ende gefunden.
Als
Pfarrer Riehle nach dem Morgengottesdienst in der Pfarrkirche St. Cyriak das
„Te Deum Laudamus“ anstimmte, flossen nicht nur die Tränen der Freude,
sondern auch Tränen der Trauer und des Schmerzes über die großen Verluste an
Menschenleben und Sachwerten, die dieser verheerende Krieg gekostet hat. Das
Hoffen auf eine nun beginnende friedliche Zukunft hat die Menschen ermutigt, mit
dem Wegräumen der Trümmer und dem Wiederaufbau der Häuser und Wohnungen zu
beginnen. Der
feierliche Teil unserer Erstkommunion mit der Erneuerung des Taufgelübdes und
dem Singen der Festtagslieder der Erstkommunikanten, der am Weißen Sonntag
wegen den bedrohlichen kriegerischen Ereignissen an diesem Tage ausfallen
musste, wurde am Pfingstsonntag, 20. Mai 1945 im feierlichen Hochamt in der
Kirche St. Cyriak mit Pfarrer Riehle und der ganzen Gemeinde in einer
eindrucksvollen Weise nachgefeiert. |