|
Der
Bildstock in der Heerweghohl
In
lockerer Folge haben wir in der Vergangenheit Kleindenkmale auf unserer
Gemarkung, zumeist Feldkreuze, vorgestellt. Heute wollen wir uns einem
anderen religiösen Zeugnis, einem Bildstock, zuwenden.
Wohl
an keinem Weg unserer Gemeinde stehen so viele Kleindenkmale wie am
Heerweg, der, unweit vom Friedhof bis zur Straße von Waldprechtsweier
nach Oberweier am Eichelberg führt.
Gleich
am Anfang des Weges, an der Einmündung zur Dr.- Eugen-Essig-Straße sehen
wir einen hübschen Bildstock aus dem Jahre 1714. Unweit davon, oben am
Kapellenfeld einen Weiteren auf dem wir das Jahr seiner Aufstellung, 1778,
lesen. Weitere Flurkreuze aus den Jahren 1714, 1813 und 1862 säumen den
Heerweg. Alle sind es wert, dort in stiller Betrachtung zu verweilen.

An
der steilsten Stelle der Hohl, vor einer Kurve befindet sich der Bildstock
an dem wir kurz verweilen wollen.
Gestiftet
wurde er von der Malscher Familie Hornung, die damit an den Unfalltod
ihres Großvaters Josef Hornung erinnern wollte. Josef Hornung war am 24.
Januar 1882 an dieser Stelle beim Einfangen eines scheuenden Pferdes,
verunglückt.
Auf
dem Stein steht
die noch recht gut lesbare Inschrift:
Zum
Andenken
an unseren
Verunglückten
Vatter
Joseph Hornung
D- Herr gib ihm
die ewige Ruh
1882

Sterbebucheintrag
zum Tod von Josef Hornung
Der
Heerweg
Die
Heerweghohl, (k)ein Relikt aus römischer Zeit?
Würde
uns ein Fremder die Frage stellen: „Waren eigentlich auch schon die Römer
in Malsch sesshaft?“, so würde
er wahrscheinlich folgende Antwort erhalten: „Vermutlich ja, schließlich
führte ja ihre Heerstraße quer durch den alten Ortskern. Deren Trasse
kann man heute noch am Heerweg und der Römerstraße erkennen.“
In
der Tat geht man in Malsch davon aus, dass die alte römische Straße von
Baden-Baden nach Ettlingen über Heerweg, Dr.-Eugen-Essig-Straße,
Friedhofstraße, Hauptstraße, Römerstraße, Friedrichstraße und
Sulzbacher Straße führte. Ja, vor 150 Jahren vermutete der
Heimatforscher Mone gar ein römisches Heiligtum auf dem Kirchhügel, wo
die vorbeiziehenden Soldaten ihren Göttern opferten.
Doch
können diese Thesen auch belegt werden?
Dass
diese Frage durchaus berechtigt ist, erkennt man schon daran, dass das
kurze Stück Römerstraße zwischen Friedrich- und Hauptstraße eine
neuzeitliche Wortschöpfung ist. Lore Ernst erwähnt nämlich in ihrer
Dorfgeschichte, dass die Römerstraße wahrscheinlich einst „Comengass“
genannt wurde, was nicht etwa auf die alten Römer, sondern vielmehr auf
den Familiennamen „Kohm“ hindeutet. Zudem hatten die Alamannen,
nachdem sie die lästigen Römer im Jahr 259/60 n. Chr. aus dem
Dekumatland (Gebiet zwischen Rhein und Limes) vertrieben hatten, bestimmt
alles andere im Sinn, als ihren Widersachern eine Straße zu widmen.
Und
wie verhält es sich mit dem Heerweg?
Zunächst
ist festzustellen, dass seine Schreibweise in den Karten seit jeher
zwischen „Heerweg“ und „Herrenweg“ variiert, wenngleich dies für
die Interpretation sehr wohl einen Unterschied darstellt. Vielleicht könnte
uns ja die Mundart die Entscheidung erleichtern! Diese bringt jedoch im
Gegenteil noch ein weiteres Wort ins Spiel: Neben „Heerweg“ existiert
auch die Version „Hierweg“ (Hühnerweg). Von einem „Herrenweg“ ist
allerdings in der Mundart nie die Rede. Lassen wir also den
„Herrenweg“ außen vor!
Der
„Herrenweg“ anno 1797
Jetzt
müssen wir nur noch zwischen „Heerweg“ und „Hühnerweg“
differenzieren. Dazu hilft ein Blick in Ernst Schneiders Flurnamenbuch der
Gemarkung Malsch, wo unter der Nr. 239 ein „Hühnerweg“ auftaucht. Er
wird nur ein einziges Mal urkundlich erwähnt, und zwar im Jahre 1703:
„auf den Hüener weeg (…) stost auf den Hörweeg“. Der Hühnerweg stößt
also auf den Heerweg! Dies ist eine wertvolle Erkenntnis, zeigt sie uns
doch, dass einst zeitgleich ein Heer- und ein Hühnerweg existierten.
Doch
wo befand sich der Hühnerweg?
Der
Hühnerweg zweigt beim Kapellenfeld in Richtung Süden vom Heerweg ab und
führt über den „Kapellenrain“ in die „Durbireben*“, wo er den
Waldprechtsbach überquert und in das Gewann „Hinterbach“ (beim
Schwimmbad) führt. Vielleicht erraten Sie es schon: Auch der
„Hinterbach“ geht auf das Vorkommen von Rebhühnern zurück. Noch 1827
wird dieser urkundlich als „Hühnerbach“ erwähnt. Somit ist der Hühnerweg
die kürzeste Verbindung vom Heerweg in das Gewann Hühnerbach.
Zusammenfassend
lässt sich also sagen, dass die Mundart heute den Heerweg mit dem Hühnerweg
gleichsetzt, obwohl es sich dabei eigentlich um zwei verschiedene Wege
handelt.
Aber
nun wollen wir uns wieder der Bedeutung des Wortes „Heerweg“ widmen.
Erstmals
fand er im Jahre 1501 als „Herweg“ urkundlich Erwähnung. Es folgen
Nennungen aus den Jahren 1593, 1618 und 1703, wo er jeweils „Hörweg“
geschrieben wird. In dieser Wegebezeichnung steckt offensichtlich das Wort
„höher“, das in der hiesigen Mundart
„hea“ ausgesprochen wird. Folglich handelt es sich bei
„Heerweg“ um die Lautschrift von „Höherer Weg“.
Überprüfen
wir unsere neue Erkenntnis gleich einmal vor Ort! Wir stellen fest, dass
der Heerweg genau auf dem Kamm des Rebberges verläuft und er eine
hervorragende Aussicht sowohl in die Rheinebene als auch ins
Waldprechtstal eröffnet. Im Vergleich zum Zieligweg (Dr.-Eugen-Essig-Straße)
oder der Waldprechtsstraße ist er eindeutig der „Höhere Weg“.
Für
den „Heuweg“ hinter der Sulzbacher Freihofhalle dürfte Ähnliches
gelten: Er führt vom Bruch ausgehend „in die Höhe“ nach Sulzbach und
von dort aus schnurstracks den Bergwald hinauf zum Rimmelsbacher Hof. Es
handelt sich also um einen „Höhweg“, der sich in der Mundart zum „Heeweg“
verwandelt. Nun fehlt es nur noch an einem ortsfremden Beamten und schon
wird der „Höhweg“ als vermeintlicher „Heuweg“ in die amtlichen
Register übernommen. Auch auf Gemarkung Freiolsheim finden wir einen
Heuweg, der in Serpentinen vom hinteren Waldprechtstal aus nach
Freiolsheim führt.
Übrigens
existieren auch im Kraichgau zahlreiche „Hohe Straßen“, die noch in
ihrer alten, richtigen Form überliefert sind und die alle gemeinsam
haben, dass sie über Bergkämme führen. Solche Wege finden sich
beispielsweise bei Königsbach, Oberacker, Östringen und Bahnbrücken.
Ferner
finden wir zwischen Kraichgau und Zabergäu zwei lange „Heerstraßen“,
die auf exponierten Trassen dem Heuchelberg folgen.
Offensichtlich
hat also auch der Heerweg nichts mit den Römern zu tun. Bleibt nur noch
das mutmaßliche römische Heiligtum auf dem Kirchhügel, von dem bislang
jede Spur fehlt.
Trotzdem
dürfen wir uns sicher sein, dass die Gemarkung Malsch einst von einer römischen
Fernstraße tangiert wurde. Diese ist außerhalb des Bruchs entlang der
Vorbergzone zu suchen, wo sich auch die zahlreichen römischen Villen und
Gutshöfe befanden. Wo genau diese Heerstraße über unsere Gemarkung führte,
ist bis jetzt allerdings noch ein Geheimnis der Geschichte.
Man
muss aber auch sehen, dass allein die Bezeichnung eines Weges oder einer
Straße noch lange kein Indiz auf seine früheren Benutzer ist.
Dagegen ist im Falle des Heuweges bei Sulzbach eine Beziehung zu
den Römern sogar äußerst wahrscheinlich, da kürzlich in seiner
unmittelbaren Nachbarschaft römisches Mauerwerk und Scherben entdeckt
wurden. Es bleibt also spannend – auch ohne „echte“ Römerstraße!
Thomas
Meyer
Anmerkung
zum Text:
*Der
Flurname Durbireben leitet sich ab von „Dorrbühlreben“ und bezeichnet
einen Weinberg, der unter Austrocknung leidet.
Quellen:
l Ernst, Lore: Die Geschichte des Dorfes Malsch, Malsch
(1954)
l
Schneider, Ernst: Die Flurnamen der Gemarkung Malsch, Malsch
(1965)
l Hug, Wolfgang: Geschichte Badens, Stuttgart (1998)
l Kriegsarchiv Wien: Schmitt'sche Karte von Südwestdeutschland,
Blatt 33, herausgegeben vom Landesvermessungsamt Rheinland-Pfalz, Koblenz
(1986)
l Landesvermessungsamt
Baden-Württemberg: TOP 25 BW, Stuttgart (2007)
|