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Fürstenzell

oder

wer war Diether von Malsch ?

 

Vor wenigen Tagen ist ein weiteres Buch unseres Ehrenmitglieds, des allseits bekannten Wilhelm Wildemann erschienen, mit dem bezeichneten Titel „Malscher Geschichte(n)“.

Es ist ein überaus interessantes, ja spannendes Heimatbuch, das sich erfreulicherweise auch mit der frühen Geschichte und der Entwicklung unseres Dorfes beschäftigt und seinen Blick nicht nur auf die letzten einhundert Jahre unserer Geschichte einengt.

So finden wir auf Seite 20 eine Liste mittelalterlicher Malscher Namen, die als Bewohner oder auch als Besitzer von Burg Waldenfels in den Spielfinken in Betracht kommen.

Der Autor, Gerhard Bullinger, hat eine Anzahl von Personen identifiziert, die im Range von Rittern, Ortsadeligen oder sonstiger, damals herausragender Stellung eine Rolle in Malsch gespielt haben.

So lesen wir dort von einem Anselm von Malsch, Berthold von Malsch usw. ja selbst ein Markgraf von Baden wird darin aufgeführt.

Doch vergebens finden wir dort einen Diether von Malsch.

 

Zeichnung: G. Bullinger, 1976

Das soll uns nicht verwundern, denn Diether von Malsch ist eine Gestalt aus der Sagenwelt des Ufgaus und taucht in keiner Urkunde auf.

Doch nichts desto trotz wollen wir davon ausgehen, dass in jeder Sage, wie auch in jedem Märchen, ein Funke historischer Wahrheit innewohnt und die Überlieferung ein tatsächliches Geschehen mit der entsprechenden Ausschmückung, Übertreibung und Veränderung wiedergibt.

So auch hier. Denn es steht fest, dass es eine Burg Fürstenzell tatsächlich gegeben hat und zwar deutet man ihren Standort in die Nähe des heutigen Bahnhofes Busenbach.  Die Burg „Vorstencelle“, wie sie in einer Urkunde erscheint, lag in der Nähe einer „Zelle“, also einer kirchlichen Einrichtung und wurde als die „Burg über Fürstenzell“ genannt. Nach ihrem Abgang, der schon weit vor 1500 erfolgt sein muß, wurde dann in der Erinnerung die „Burg Fürstenzell“ daraus.

Ein Ritter mit Namen Heinrich von Roßwag hat im Zusammenhang mit Kloster Frauenalb in der zweiten Hälfte des 13.Jh. in dieser Burg Urkunden ausgestellt.

Die Herren von Roßwag hatten übrigens auch in Malsch Besitz. Ob sich über dieses Geschlecht eine Verbindung zur Sage herstellen lässt? Doch dann wiederum stellt sich die Frage, ob man bei dem Ritter von Roßwag den eigentlichen Burgherrn „Kurt von Fürstenzell“ oder den Eindringling „Diether von Malsch“ zu sehen hat?

Doch nun zur Sage, hier darf  der Leser seine Phantasie schweifen lassen und sich hineinversetzten in die Zeit der Ritter und der Kreuzfahrer bei der nun folgenden Geschichte von

 

Fürstenzell*

 

Im dreizehnten Jahrhundert zogen aus Deutschland viele Edle und Reisige nach Preußen und Liefland, um dort mit den deutschen Rittern gegen die Ungläubigen zu fechten. Einem solchen Zuge schloss sich auch Kurd von Fürstenzell an, dessen Stammschloß auf einem Hügel an der Alb, einige Stunden vom Rheine lag. Er ließ eine junge Gattin und zwei Töchter im zartesten Alter zurück. Der Ritter von Fürstenzell wurde schon im ersten Treffen von den heidnischen Preußen gefangen und zu schimpflicher Knechtsarbeit verurteilt.

Über fünf Jahre brachte er in diesem traurigen Zustand hin, bis endlich ein großer Sieg der Christen ihm Gelegenheit verschaffte, zu seinen Glaubensbrüdern zu entfliehen. Aber jetzt erwachte zugleich das Weh der Heimat in seinem Herzen; er gedachte seiner Gattin und Kinder, und bange Besorgnisse knüpften sich an diese Erinnerung; darum beschloss er nach Hause zu kehren, legte ein Pilgergewand an und machte sich augenblicklich auf den Weg.

Nach vielen Müheseligkeiten sah er endlich das Land seiner Väter wieder, und war kaum noch eine halbe Tagesreise von seiner Burg entfernt, als er spät am Abend ein Nonnenkloster ereichte, wo er um Herberge ansprach.

Er wurde freundlich aufgenommen und gut bewirtet; hierauf rief die Schaffnerin ein junges Dienstmädchen herbei und befahl ihr, den Pilger in die Herberge zu führen, die einige hundert Schritte vom Kloster entfernt lag. Bertha, so hieß das Mädchen, war eine schmucke Dirne von etwa achtzehn Jahren, und schien sehr überrascht einen Pilger zu sehen, der aus einem so fernen Lande kam und für das Kreuz gestritten.

„Ihr kommt aus Preußen? Fragte sie auf dem Wege nach der Herberge mit einer Stimme, die mehr als gewöhnliche Neugierde verriet.

„Ja, mein Kind.“

Ein Ach! Entschlüpfte bei dieser Antwort dem Busen des schönen Mädchens.

„Du seufzest,“ sagte der Pilgrim, „hast du vielleicht einen Bruder oder Vater, der mit den deutschen Scharen in jenes Land gezogen?“

„Nein, nein,“ erwiderte die Jungfrau etwas verlegen. „Aber ein Rittersmann aus unserer Gegend ist vor mehr als fünf Jahren zu den Schwertbrüdern gegangen und niemand weiß, ob er noch lebt, oder seinen Tod gefunden hat.“

„Wie heißt der Mann?“ fragte hastig der Pilgrim.

„Kurd von Fürstenzell.“

„Ich kenne den Ritter, er ist auf dem Heimweg zu den Seinen,“ rief der Pilgrim. „Aber weißt du vielleicht Bescheid von ihnen?“ setzte er mit ungewisser Stimme hinzu.

„Wohl weiß ich Bescheid; ach, der arme Ritter!“

„Um Gottes Willen! Lass mich alles hören, auch das Schlimmste.“

Sie hatten unterdessen die Herberge erreicht, vor welcher eine Bank stand. Das Mädchen drückte den Pilgrim sanft auf die Bank nieder, setzte sich neben ihn und ergriff seine Hand. „Ritter Kurd von Fürstenzell findet seine Burg in den Händen eine Räubers, Diether von Malsch, und seine Gattin im Grabe.“

„Meine Burg, meine Gattin, meine Elsbeth, meine armen Kinder, wo sind sie wohl?“

„Gott!“ rief das Mädchen, und stürzte in die Arme ihres Vaters; „ich bin eure Irmentraut, meine Schwester ist hier im Kloster.“

Irmentraut erzählte nun, wie drei Jahre nach seinem Weggang sich plötzlich das Gerücht von seinem Tode verbreitet, und Diether hierauf seine Ansprüche auf Fürstenzell als ein Mannlehen gegründet; sie erzählte noch ferner, wie er sich mit Gewalt des Schlosses bemächtigt, und ihre Mutter in dunkler Nacht mit ihren Kindern geflohen; wie sie eine Zuflucht in dem Kloster gefunden, wo Frau Elsbeth bald darauf gestorben.

„Die gute, fromme Äbtissin,“ setzte sie hinzu, „gab mir und der Schwester, unserer Sicherheit wegen, andere Namen, und sie befürchtet, alles von der Hinterlist des Ritters von Malsch. Meine Herkunft um so sicherer zu bergen, musste ich sogar Magd des Klosters werden.“

„Meine Tochter eine Magd, eine Leibeigene!“ rief der Pilgrim in wildem Ingrimme.

Zürnet nicht, Vater,“ sagte die Jungfrau; „man lässt mich nur ganz leichte Dienste verrichten, und die Äbtissin hatte nur unsere Rettung im Auge.“  

Quelle: Codex Manesse

Nach langem Nachsinnen gebot der Pilger seiner Tochter, das tiefste Stillschweigen über das Begebniß dieses Abends zu beobachten. Er wollte die Nacht über mit sich selbst zu Rate gehen, was in dieser bedenklichen Lage zu tun sein möchte.

Auf der Burg Fürstenzell war einige Tage später ein großes Bankett, welches der Ritter den Edlen aus der Nachbarschaft gab. Bei der Tafel herrschte ungebundenste Lust, als ein Diener bleich, atemlos mit der Nachricht hereinstürzte: der Geist des alten Kurd von Fürstenzell sei in der Burgkapelle erschienen. Ein Grauen ergriff die Gäste, und einige derselben dachten an einen schnellen Rückzug. Diether`s Blicke waren starr nach der Saaltüre gerichtet. Diese öffnete sich jetzt plötzlich und herein trat der Pilgrim. Sein bleiches Gesicht, seine von Leiden gefurchte Stirne und Wangen, die dünnen, weißen Locken und der verwirrte, lange Bart gaben ihm das Ansehen, als komme er aus dem Grabe. Die Ritter waren wie in Stein verwandelt. Langsam schritt der Pilgrim an der Tafel hinauf bis zu dem Stuhle, wo Diether saß, legt diesem die Hand auf die Schulter und sagte: „Du bist der Räuber meines Eigentums, der Mörder meiner Elsbeth!“

Diether`s Blut gefror zu Eis, er machte eine Bewegung, fiel vom Stuhl zur Erde und war eine starre Leiche.

„Gott, ich danke dir, dass du gerichtet!“ rief jetzt der Pilgrim und faltete die Hände, dann wandte er sich an die anwesenden Ritter: „Kennt ihr mich nicht mehr, und seid doch zum Teil meine alten Waffengefährten? Wunderbar hat mich der Herr gerettet aus vielen Irrsalen.“ Er erzählte nun, wie es ihm ergangen, und alle freuten sich aufrichtig seiner glücklichen Heimkehr, und erkannten in dem plötzlichen Tode des Ritters von Malsch Gottes Fügung.

Bei Ettlingen in der Nähe des Landsitzes Hellberg sieht man noch wenige Spuren der alten Burg Fürstenzell; der Ort führt jetzt den Namen „Burgstädel“.

 

Der Text ist unverändert entnommen aus: Sagen aus Baden und der Umgebung von H. Schreiber, Baden-Baden (1856)

Eugen Heinzler