Malscher Bürger
im KZ
Dachau
Bereits im vergangenen April erschien im Gemeindeanzeiger Malsch
ein Beitrag von Manfred Hennhöfer zu diesem Thema. In diesem kündigte
er an, dass ich mich ebenfalls noch damit beschäftigen werde, dann
allerdings mehr mit dem „Menschen“ Wilhelm Nies. Dies will ich nun im
Folgenden versuchen.
Wilhelm war ja
schon immer, wie ich aus Gesprächen mit seinem Enkel Jürgen Kraft
(,wohnt in Gaggenau,) erfahren konnte, alles andere als ein „bequemer“
Mensch. Dies wurde im genannten Bericht auch deutlich dargestellt. Mich
beschäftigte aber vor allem die Frage, wie er das durchgemachte Martyrium
sechs Jahre lang lebend durchstehen konnte. Als ich dann zwei von ihm aus
dem KZ geschriebene Briefe zu lesen bekam, da spürte ich, woher dieser
Mensch die Kraft erhielt, jahrelang Terror, Vernichtung und Tod zu überstehen.
Lassen wir ihn
doch mit seinen eigenen Worten sprechen:
„18. Januar
1942: ... Bei dieser Gelegenheit (Weihnacht) habe ich an Euch in der
lieben Heimat, aber auch an ein Stück Bauernbrot mit Rauchfleisch
gedacht, ganz in Bescheidenheit. Doch wie sagt Wilhelm Busch -
Bescheidenheit ist das Vergnügen für Dinge, welche wir nicht kriegen.
Drum lebe mäßig, denke klug, wer nichts gebraucht, der hat genug. -
Gleich fiel mir auch ein Vers von Heinrich Zille ein, der sagt: Lieber
guter Weihnachtsmann, streng dich man ein bisschen an. Keinen Hass nicht,
keine Hiebe, Frieden wollemer, Christbaumliebe. - Dann kam dem alten
Pfarrer von Haslach, Heinrich Hansjakob, sein Glück im Unglück dazu, und
schon war der Reim fertig. Auch das Christkind ist arm auf die Welt
gekommen. -
Viele Grüße
an alle ...“
„20. Juni
1943: ... Eure Liebe und Zuneigung sind für mich immer neue Lebensfreude,
verbinden sie mich um so mehr mit Euch in der lieben Heimat. Die alltäglichen
Sorgen werden kleiner in dem erhebenden Gedanken, dass unsere Lieben in
der Heimat mit uns sind ... Liebe
Lotte, Du hast ja den kleinen Jürgen, auf den du doch besonders stolz
sein kannst. Behüte und bewahre ihn, damit ihm nichts passiert. Gebe ihm
das Beste, was ein sorgendes Mutterherz seinem Kind geben kann. Lerne ihn
nicht nur beten, lerne ihn auch singen. Singen ist Lebensfreude, ist
Medizin für die Seele - lerne ihn das schöne Lied von Fr. Schiller, das
„Lied an die Freude“. - ... Wo man singt, da lass dich nieder, böse
Menschen haben keine Lieder. -
Eine heilige Verpflichtung braucht der Mensch zu einer Dichtung.
Und noch höher kannst du schauen, wenn du hilfst, den Tempel
bauen,
der dem Leben spendet Licht, das die Not der Menschheit bricht.
Und dem Helden setzt ein Denkmal, und dem Dichter gebet Ruhm.
Und dem tapfren Held der Menschheit bleibt nur stilles Heldentum.
Denn die Menschheit
brauchet Sendung, und das Schicksal eine Wendung,
brauchet Sonn und Schein und Licht. Dies geht ohne Lenkung nicht.
Der kleine Vers
ist von seinem Opa - hebs ihm auf, dem kleinen Jürgen, für später. ...
Sei herzlich
gegrüßt von Deinem Vater W. Nies“
Nach solchen
„Gedanken“ fragte ich mich, wie denn ein Mensch sechs Jahre lang in so
teuflischer, tödlicher Umgebung überhaupt überleben konnte, wo er doch
sicher andere Sorgen hatte, als sich in seinen Briefen so poetisch, ja
fast philosophisch, auszudrücken. Entweder er war ein irrer, dem Wahnsinn
naher „Spinner“ o d e r
er war ein Mensch, der auch in jener unglaublich unmenschlichen
Zeit nie den G l a u b e n
aufgegeben, verloren hat, dass er trotz allem immer noch
H o f f n u n g haben
konnte, dass letztendlich doch noch alles in Gutem, in
L i e b e enden wird.
Unglaublich!
Zweckoptimismus? Oder doch halt starkes Vertrauen?
Ich bewundere
diesen Menschen und spüre auch eine starke geistige Verbundenheit mit
ihm, vor allem, wenn ich an meine eigenen schlimmen
Gefangenschaftserlebnisse in den ersten Monaten nach Kriegsende denke.
Dort ging es - bei Amerikanern wie bei Fran-zosen - mindestens genau so
unmenschlich wie in den ehemaligen deutschen KZ
zu :
Erste Woche
nichts zu essen, später manchmal tagelang wieder nichts, so gut wie kein
Wasser, monatelang in freiem Feld im Dreck campieren, wo es fast immer
geregnet hat. Kein Dach, kein Zelt, keine Decke! Den ersten Laib Brot mit
hundert Mann geteilt. Brutaler Hunger, Not, Tod, wo man hinschaute. -
Und was tat ich damals trotz allem?
Abends kamen
junge Menschen, darunter auch einige Malscher „Buben“, zu mir
gekrabbelt, auf allen Vieren, um mein handgegrabenes Loch herum. Und dann
sang ich mit ihnen Lieder! Im schönsten Wiesengrunde ... / Der Mond ist
aufgegangen ... / Guten Abend, gute Nacht ... /
Aber auch : Kein schöner Land in dieser Zeit!!
Die Alten
schimpften und verhöhnten uns - und viele von ihnen starben weg wie die
Fliegen. Doch von uns Jungen, alle unter 18 Jahren, haben die allermeisten
dieses Inferno überlebt.
Versteht Ihr,
liebe Leser, jetzt, warum ich mich mit Wilhelm Nies so verbunden fühle?
Weil auch ich erleben durfte, welcher unbändige Überlebenswille aus
Hoffnung wachsen kann.
Gebe Gott, dass
es so etwas, KZs wie Gefangenenlager, bei uns nie mehr geben möge.
Eugen Nies |