Malscher Bürger im KZ Dachau
Als am
29. April 1945 das Konzentrationslager Dachau durch Einheiten der US-Armee
befreit wurde, begann für den Malscher Wilhelm Nies ein neues Leben.
Endlich hatte seine sechsjährige Leidenszeit unter dem
Nationalsozialismus ein Ende. Für den ebenfalls aus Malsch stammenden
Josef Lefrank kamen indessen die Alliierten zwei Jahre zu spät. Doch
rufen wir zuerst die Geschichte des Lagers von Anfang an in Erinnerung.
Am 21. März
1933 gab Heinrich Himmler die Errichtung eines Konzentrationslagers in
Dachau in Auftrag. Damit wurde ein Terrorsystem etabliert, das mit keinem
anderen staatlichen Verfolgungs- und Strafsystem verglichen werden kann.
Im Juni 1933 wurde Theodor Eicke zum Kommandanten des Konzentrationslagers
ernannt. Das durch ihn entwickelte Organisationsschema galt später für alle durch die Nationalsozialisten eingerichteten
Konzentrationslager. Er entwarf einerseits ein von vielfältigen
Sicherungssystemen und Wachtürmen umgebenen Häftlingsbereich und den
sog. Kommandanturbereich mit seinen Verwaltungsgebäuden und SS-Kasernen,
denen die Lager grundsätzlich unterstanden. Eicke wurde später zum
Inspekteur für alle Konzentrationslager ernannt. Das KZ Dachau machte er
zum Modell für alle übrigen Lager und zur Mörderschule für die Angehörigen
der SS.
Die
ersten Häftlinge waren politische Gegner des Regimes, Kommunisten,
Sozialdemokraten, Gewerkschafter, vereinzelt auch Mitglieder konservativer
und liberaler Parteien. In den folgenden Jahren wurden immer neue Gruppen
nach Dachau verschleppt: Juden, Homosexuelle, Zigeuner, Zeugen Jehovas,
Geistliche u.a. Nach der sog. Reichskristallnacht wurden mehr als 10.000
Juden in das KZ gebracht.

Ab 1938
spiegelt sich auch die nationalsozialistische Aggression nach außen in
der Häftlingsgesellschaft des Lagers wider: Nach dem
"Anschluss" im Frühjahr 1938 kamen österreichische Gefangene
nach Dachau, es folgten im selben Jahr Häftlinge aus den sudetendeutschen
Gebieten, im März 1939 tschechische Häftlinge und nach Kriegsbeginn Häftlinge
aus Polen, aus Norwegen, aus Belgien, aus den Niederlanden, aus
Frankreich, Russland usw.
Insgesamt waren über 200.000 Häftlinge aus mehr als 30 Staaten in Dachau
inhaftiert.
Als sich die militärische Lage für das Reich bedrohlich änderte
und sich der Untergang des „1000jährigen Reiches“ abzeichnete,
spitzte sich auch die Situation der Häftlinge drastisch zu.
1944 wurden die Häftlinge verstärkt für die deutsche Rüstungsindustrie
eingesetzt. Die Zahl der Außenkommandos und Arbeitslager waren auf über
120 angewachsen. Im letzten Kriegswinter 1944/45 kamen noch einmal 40 neue
hinzu. Viele der langjährigen deutschen Häftlinge waren in diesen Lagern
eingesetzt. Daneben wurden im November 1944 viele von ihnen für die sog.
Bewährungseinheiten rekrutiert und für die berühmten
Himmelfahrtskommandos an die Front geschickt. Durch die katastrophale
hygienische und medizinische Situation kam aber ein viel schlimmerer
Schicksalsschlag hinzu. Viele erkrankten an Fleckfieber, das noch weit über
15000 Menschen das Leben kosten sollte. Allein im Januar 1945 starben über
3000 Häftlinge daran.
Schlimm waren auch die kursierenden Gerüchte, dass die
Lagerinsassen vor Einmarsch der Alliierten exekutiert werden sollten.
Heinrich Himmler hat in einem Befehl vom 14. April 1945 die Evakuierung
des Lagers befohlen in dem es hieß, dass kein Häftling den Amerikanern
lebend in die Hände fallen dürfe. Nach Kriegsende wurde weiter bekannt,
dass darüber hinaus noch zwei zusätzliche Pläne über die Ermordung der
Häftlinge vor dem Eintreffen der Befreier existierten.
Mehrere Evakuierungstransporte wurden durch die SS
zusammengestellt und wegen den bereits existierenden Auflösungserscheinungen
des Lagers immer wieder verschoben. Die Ernährungslage spitzte sich in
den letzten Tagen vor der Befreiung durch immer wieder eintreffende
Transporte evakuierter Gefangener aus anderen Konzentrationslagern zu. So
traf ein Transport von über 2000 Häftlingen aus Hersbruck, einem Außenlager
des KZ Flossenbürg ein. Am 26. April 1945 gelang es der SS noch einmal
einen Transport von fast 7000 Gefangenen in Marsch mit dem Ziel „Ötztal“
zu setzen. Die Überlebenden dieses Zuges wurden von den Amerikanern erst
am 02.05.1945 gerettet.
Am 28.04.1945 war im Lager Dachau Kanonendonner aus der Stadt
Dachau zu hören. Am Morgen des 29. April 1945 waren Geräusche sich nähender
Panzer zu vernehmen. Es war die Einheit von Colonel Felix Sparks, der auf
dem Weg nach München den Befehl erhielt, zuerst mit dem 3. Bataillon des
157th Infanterie Regiments das Lager Dachau zu befreien. Der erste
Eindruck war grauenhaft. Sie fanden einen Zug mit 40 Waggons, der voller
toter Gefangener war. Es handelte sich mit großer Wahrscheinlichkeit um
die letzte Evakuierung aus Buchenwald. Bei dem kurzen Gefecht mit
SS-Einheiten wurden 200 Gefangene gemacht, die teilweise sofort exekutiert
wurden. Eine genaue Schilderung der letzten Tage von Dachau ist in der
Publikation, Dachauer Hefte 1, Die Befreiung,
1 Jahrgang 1985 verzeichnet. Besonders beeindruckend sind darin einige
Einzelschicksale zwischen Hoffnung und tiefster Lebensangst aufgezeichnet.
Diese letzten Tage der Geschichte Dachaus machte auch der aus
Malsch stammende Wilhelm
Nies mit. Er wurde am 30.06.1886 in Malsch als Sohn des Mathias
und der Theodosia Nies geboren. Nach der Schulentlassung erlernte er den
Beruf des Metallarbeiters. Bereits im Jahre 1912 nach Ableistung seines
Wehrdienstes in der 12. Kompanie des Leib-Grenadier-Regiments 109 verzog
er nach Karlsruhe. Bei Ausbruch des 1. Weltkrieges war er mit Rosa geb.
Knebel verheiratet. Aus dieser Ehe entstammten 4 Kinder. Die Ehe wurde
aufgrund der politischen Verhältnisse durch schikanöse Maßnahmen der
Gestapostelle Karlsruhe geschieden. Den ersten Weltkrieg machte er bei der
12. Kompanie der obengenannten
Einheit im Westen mit. Bereits am 4. Mobilmachungstag wurde er eingezogen
und rückte mit der Kompanie am 08.08.1914 aus. Die ersten Kampfhandlungen
im August 1914 dienten der Sicherung der Westfront. Am 25.08.1914
erkrankte er bei Bacarat an Gelenkrheumatismus, so dass er zum
Garnisonsdienst zur 1. Ersatzkompanie des Leibgrenadierregiments 109 zurückversetzt
wurde. Die Krankheit verschlimmerte sich sehr schnell. Er musste deshalb
nach mehreren Lazarettaufenthalten am 19.09.1915 mit einer Dienstunfähigkeit
von 33 1/3 Prozent aus dem Militärdienst entlassen werden.

Wilhelm
Nies
Im Mai 1922 wurde er beim Metallarbeiterverband,
Verwaltungsstelle Karlsruhe als Außenbeamter angestellt. Wenig später übernahm
er dort die Kassengeschäfte. Diese Stellung bekleidete er bis zur
Gleichschaltung der Gewerkschaften durch die NSDAP im Juli 1933. Die
Institutionen, die nicht in die DAF (Deutsche-Arbeits-Front) überführt
werden konnten, wurden aufgelöst. Wilhelm Nies war zu diesem Zeitpunkt
Vorstandsmitglied der SPD, Stadtverordneter und Geschäftsführer des
Reichsbanners Schwarz-Rot-Gold. Der SPD ist er schon im Jahre 1903
beigetreten. Dies genügte, um ihn fristlos zu entlassen. Aufgrund seiner
politischen Tätigkeiten spürte er bereits am 31.10.1933 die Macht der
neuen Staatsordnung, als er zu diesem Zeitpunkt zum ersten Mal in
Schutzhaft genommen wurde. Am 2.11.1933 wurde er nach Unterzeichnung eines
Revers, in dem er seine Loyalität zum NS-Staat erklären musste, wieder
entlassen. Wegen seiner politischen Vergangenheit fand er keine Arbeit
mehr, so dass er von der Arbeitslosenunterstützung leben musste.
Der Auslöser seiner zweiten Verhaftung durch die Gestapo
Karlsruhe am 18.06.1939 soll nach mündlicher Überlieferung sein
engagiertes Auftreten gegen die nationalsozialistische Regierung in einer
Karlsruher Firma gewesen sein. Er hielt auf einer Drehbank stehend eine
emotionale Rede gegen das Dritte Reich. Die Gestapo-Beamten misshandelten
ihn bei der Verhaftung in seiner Wohnung. Er wurde wegen seiner früheren
SPD-Zugehörigkeit auf das übelste beschimpft. Der Einsatzleiter zog
seine Pistole und schlug ihm damit mehrmals auf den Kopf und in das
Gesicht. Dabei wurde das Nasenbein zertrümmert. Blutüberströmt wurde er
in das Gefängnis in der Riefstahlstraße verbracht. Am nächsten Tag
setzten sich die Misshandlungen bei seinen Verhören fort. Erst nach vier
Tagen durfte er ärztliche Hilfe in Anspruch nehmen. Am 19.07.1939 wurde
er in das KZ Buchenwald überführt. Ein ungeheuerlicher Lebensabschnitt
voll gröblichster Beleidigungen und körperlicher Misshandlungen begann.
Dort wurde er als Kapo für eine Arbeitskolonne, die überwiegend
aus Juden bestand, bestimmt. Die körperlich sich in einem sehr schlechten
Zustand befindenden Häftlinge mussten Sand transportieren. Wilhelm Nies
bat bei dem Bewachungspersonal um Arbeitserleichterung für die Juden.
Dies wurde ihm abgelehnt. Auf sein wiederholtes Drängen, den Schwächezustand
der Juden bei der Arbeit zu berücksichtigen, schlug der Bauführer mit Fäusten
auf ihn ein. Dabei wurde das Trommelfell zerstört und Wilhelm Nies verlor
sämtliche Zähne im Oberkiefer.
Am 07.03.1940 wurde er in das KZ Mauthausen, Außenkommando Gusen mit der Häftlingsnummer
2022 überführt. Die Ernährungslage war sehr schlecht. Die meisten Häftlinge
litten an Unterernährung. Bei dem Versuch einem sehr schwachen Mithäftling
von seinem Essen etwas abzugeben, wurde Wilhelm Nies erwischt und hart
bestraft. Durch die körperliche Misshandlung war er über zwei Wochen
arbeitsunfähig erkrankt.
Am 15.08.1940 wurde er als Arbeitsinvalide ins KZ Lager
Dachau unter der Häftlingsnummer 14969 verlegt. Sofort nach der Ankunft
erhielt er wegen einer im KZ-Mauthausen geleisteten Beschwerde 50
Stockschläge und 3 Tage Bunker. Um seine viel zu großen Holzschuhe
auszupolstern, sammelte er im Frühjahr auf dem Abfallplatz Altpapier. Darüber
erbost, bestrafte ihn die Lagerleitung mit der im Häftlingsjargon als
„Baum“ bekannten Strafe. Er wurde
an den Handgelenken mit dem Rücken nach oben ohne Fußstützen
eine Stunde lang aufgehängt. Nach so einer Tortour waren die Hände
tagelang ohne Gefühl. Wenn bei der Arbeit dadurch ein Missgeschick
passierte, folgten weitere Schläge. Eine Woche später folgte dieselbe
Strafe, weil er um der drohenden Unterernährung vorzubeugen, bei einer
Arbeitspause Löwenzahnwurzeln gesammelt hatte. Am 24.08.1942 erlitt
Wilhelm Nies im Fernheizwerk von Dachau einen Arbeitsunfall. Er zog sich
am linken Fuß einen komplizierten Knöchelbruch zu, der ihn ein halbes
Jahr ans Krankenbett fesselte.
Auch nach der Befreiung durch die Amerikaner war an eine
unverzügliche Rückkehr in die Heimat nicht zu denken. Wegen drohender
Typhusgefahr wurde über das ganze Lager ein Sperrbezirk verhängt. Nach
Beendigung der Infektionsgefahr am 10.06.1945 konnte er endlich die
Heimreise antreten. Wilhelm Nies war dankbar, das Inferno des
Konzentrationslagers überlebt zu haben. Gesundheitlich blieben Spätfolgen
zurück, seine Ehe scheiterte aufgrund des politischen Druckes auf seine
Ehefrau. Beruflich stand er vor dem Nichts. Jetzt endlich fand er ein
bescheidenes Lebensglück. Am 01.08.1945 übernahm er als Geschäftsführer
eine Stelle im Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbund Karlsruhe. Er
lernte seine zweite Frau kennen, die noch zwei Kindern das Leben schenkte.
Am 21.01.1967 starb er in Karlsruhe. Wilhelm Nies war ein typischer
Vertreter der Gruppe, die dem Nationalsozialismus Widerstand
entgegensetzte, wo immer ihm die Möglichkeit geboten wurde. Er war bereit
für seine politischen Grundsätze sein privates Glück zu verlieren.
Von Wilhelm Nies sind zwei Briefe, die er aus dem
Konzentrationslager Dachau an seine Verwandten schrieb in Privatbesitz überliefert.
Über den hochinteressanten und teils lyrischen Inhalt wird Herr Eugen
Nies, ein weitläufiger Verwandter des Obengenannten, in nächster Zeit im
Anzeiger berichten.
Soviel uns von Wilhelm Nies bekannt ist, so wenig kennen wir
von dem zweiten Malscher, der in Dachau inhaftiert war. Josef
Lefrank wurde am 13.04.1879 in Malsch geboren. Er erlernte das
Konditorhandwerk und ist nach Karlsruhe verzogen. Am 18.03.1942 wurde er
durch die Kriminalpolizei in die Untersuchungshaftanstalt Karlsruhe
eingeliefert und am 19.05.1942 in das Konzentrationslager Dachau
weitergeleitet. Von dort ließ er am 14.06.1942 noch einmal an seine
Schwester Anna Kunz, die zu diesem Zeitpunkt in Mannheim lebte, ein
Lebenszeichen in Form eines Briefes zukommen. Dieser Brief ist bei einem
Sammler in Karlsruhe überliefert. Seiner Schwester teilte die
Lagerleitung Dachau den Tod des Josef Lefrank am 05.11.1942 mit. Angeblich
ist er an den Folgen eines Herzschlages gestorben. Ihr wurden noch seine
Effekten, einige wenige Kleidungsstücke und persönliche Unterlagen übersandt.
Soweit aus den wenigen überlieferten Unterlagen erkennbar ist, fand er
nach der Einäscherung in Malsch seine letzte Ruhe. In der Kartei des
Untersuchungsgefängnisses Karlsruhe ist als nächster Angehöriger des
Obengenannten Alois Lefrank, Bäckermeister in Malsch, vermerkt. Die
KZ-Gedenkstätte Dachau teilte auf eine Anfrage mit, dass Josef Lefrank in
die Haftkategorie PSV (polizeiliche Sicherheitsverwahrung) eingetragen
war. Daraus ist zu vermuten, dass er bereits einmal mit der NS-Justiz in
Berührung war. Außerdem ist in der Kartei vermerkt: Invalidentransport
14.10.1942. Er wurde demnach im Schloss Hartheim bei Linz an der Donau
ermordet.
Weitere Informationen zu Josef Lefrank besitzen wir nicht.
Sofern Ihnen weitere Einzelheiten bekannt sind, wären wir dankbar, wenn
Sie uns davon unterrichten würden.
Die obengenannten Informationen stammen zu Wilhelm Nies aus
den Wiedergutmachungsakten und den Akten des Leib-Grenadier-Regiments 109;
zu Josef Lefrank aus den Gefängnisunterlagen Karlsruhe und von der
KZ-Gedenkstätte Dachau. Die zitierten Akten sind im Generallandesarchiv
Karlsruhe archiviert.


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