Die Kirche St. Cyriak in
Malsch
Ein
Beitrag zu ihrer Entstehung*
Auch
wenn sich heute das Gesicht von Alt-Malsch in vielerlei Hinsicht geändert
hat, so blieb doch eines fast unverändert. Der sogen. Kirchenbuckel mit
unserer katholischen Pfarrkirche St. Cyriak zeigt sich immer noch als
dominierender Wächter über dem Ort. Egal von welcher Himmelsrichtung
aus man sich unserem Dorf nähert, immer taucht, gleich einem
Orientierungszeichen, die Gestalt des Kirchturmes auf.
Dieser
Eindruck dürfte schon immer so gewesen sein, auch wenn erst um 1826 während
der Kirchenerweiterung der Hügel seine jetzige Größe und Gestalt
erhalten hat. Noch heute kann man zwischen der Rosen- und Waldprechtsstraße
deutlich die Terrassen sehen, welche damals durch das Abgraben entstanden
sind und mit deren Aushub der Hügel nach Südosten erweitert wurde.
Die
markante Erhebung des Kirchenbuckels hat, in Verbindung mit der einmal
Malsch durchziehenden Römerstraße, schon immer die Phantasie der
Heimatforscher angeregt und so ist es nicht verwunderlich, daß man bemüht
war, beides, den Hügel und die Straße miteinander zu verbinden.
Doch
hat sich die gelegentlich zitierte Theorie eines römischen Heiligtums
oder gar Tempels auf dem Hügel bis dato nicht beweisen können, weder
durch Funde noch durch sonstige Hinweise und muß nach dem aktuellen
Forschungsstand offen bleiben.
An
dieser Stelle haben wir einige Male schon das Buch der Malscher
Vergangenheit bis weit zurück in die Zeit des Hochmittelalters
aufgeschlagen und uns bemüht den geneigten Lesern zu zeigen, welche Rolle
das Dorf unter der Herrschaft des Grafen von Malsch gespielt hat. Und so
wird auch heute das Adelsgeschlecht der Reginbodos im Mittelpunkt dieses
Beitrages stehen: Wir wollen den Versuch wagen und erklären, wie es sehr wohl
möglich sein kann, daß unsere Kirche St. Cyriak in genau dieser Zeit
gegründet wurde und als ehemalige Eigenkirche des Grafen von Malsch zu
betrachten ist.
Doch
um das zu verstehen ist es notwendig unser kleines hochmittelalterliches
Dorf zu verlassen und zuerst einen Blick auf die damalige Situation im
Reich zu werfen: Doch allzu weit müssen wir gar nicht gehen.
Um
das Jahr 1070 hatte Wilhelm von Hirsau, der später selig gesprochen
wurde, in eben diesem Kloster nahe der Stadt Calw im Nagoldtal, die
Leitung übernommen und es entschlossen zu einem Mittelpunkt der
Kirchenreform und so zum mächtigsten
päpstlichen Stützpunkt in Deutschland. gemacht.
Aus dieser anfangs innerkirchlichen Reformbewegung entwickelte sich
dann der sogenannte „Investiturstreit“ bei dem es vordergründig darum
ging, wer, Papst oder Kaiser, die hohen kirchlichen Würdenträger
einsetzen konnte. Zwischen beiden kam zu einem erbittert ausgetragenen,
jahrelangen Machtkampf. Der Streit verwüstete Deutschland durch einen
endlosen Bürgerkrieg und wurde erst im Jahre 1122 unter Heinrich V. durch
das Wormser Konkordat beendet.
Wilhelm von Hirsau
(Reichenbacher Codex,
Württ.
Landesbibliothek, Suttgart).
Ein
nicht unerheblicher Teil des südwestdeutschen Hochadels verband sich
damals mit der Hirsauer Reformbewegung und ihrem außergewöhnlichen Abt.
Auch Reginbodo, Graf im Ufgau mit Sitz in Forchheim, und seine
Gefolgsleute gehörten dazu. Die Parteinahme für den Papst und
gleichzeitige Ablehnung von Kaiser Heinrich IV. führte dazu, daß dieser
dem Reginbodo im Jahre 1086 während eines Aufenthalts in Worms, das
Grafenamt entzog und den Ufgau dem Bistum Speyer unterstellte.
Als
Reaktion auf diese Maßnahme dürfte das Reginbodogeschlecht ihren
Aufenthalt zunächst nach Malsch verlegt haben. Die Antwort auf die Maßnahme
des Kaisers war gut geplant und ihr weiteres Vorgehen entsprach einem
durchdachten Konzept. Formal machtlos, aber offensichtlich sehr begütert,
hat diese Sippe von hier aus begonnen durch Rodung eine Herrschaft
aufzubauen. Wir haben früher schon einmal dargelegt, daß ein Großteil
der Dörfer auf der Linie Freiolsheim – Völkersbach – Spessart bis
nach Stupferich und Grünwettersbach ihre Gründung wohl diesem Grafen zu
verdanken haben.
Die
Hirsauer Reformbewegung beschränkte sich jedoch keineswegs nur auf den klösterlichen
Bereich sondern war auch Anlaß für die mit ihr verbundenen Adeligen,
ihre Parteinahme für die Sache des Papstes u.a. durch die Gründung von
Kirchen zu unterstützen.
Die
Gründung einer Kirche hieß auch Vermehrung von Einfluß und Vermögen,
galt doch der Grund und Boden auf dem eine Eigenkirche entstand als
Eigentum desjenigen, der die Kirche gegründet hat.
Auch
wenn Malsch theoretisch nach wie vor Lehen von Kloster Weissenburg ist, so
sind die Dinge im Reich durch bürgerkriegsähnliche Zustände in diesen
Jahren des Investiturstreites so verworren, daß es dem
Reginbodogeschlecht gelingt zusammen mit dem Bau ihrer Burg und Kirche,
eine Herrschaft zu errichten.
Durch
die Gründung einer Eigenkirche in Malsch gelang es, das Dorf kirchlich
aus dem Reichskloster Weissenburg herauszulösen und dem Bistum Speyer, zu
welchem Weissenburg gehörte und das treu zum Kaiser stand, zu entfremden.
Ohne Zweifel steht die Kapelle St. Peter in frühem und engem Zusammenhang
mit St. Peter und Paul von Weissenburg und war die ursprüngliche Malscher
Dorfkirche.
Auch das von ihm zur Pferdezucht angelegte Dorf
Stupferich stattet er mit einer Kirche aus, welche er um 1110 an Kloster
Hirsau gibt. Wie in Malsch ist die dortige Kirche St. Cyriak geweiht. Zu
dieser Zeit ist er erneut Graf im Ufgau, nennt sich jetzt aber nach seinem
neuen Wohnsitz „Graf von Malsch“. Wenn er also Kirchen in seinen
Rodungssiedlungen besaß, wie zwingend muß er dann am Sitz seiner
Herrschaft und namensgebenden Ort eine Eigenkirche in seinem Besitz gehabt
haben.
Einen
weiteren Hinweis auf die Verhaltensmuster des vom Hirsauer Reformeifer
erfaßten Adels liefert uns ein anderes Geschlecht im Ufgau das in enger
Beziehung zum Grafen von Malsch steht, nämlich die Liutfriede (ursprünglich
von Ettlingenweier): Wenn Liutfried (von Bruchhausen) im Jahre 1115 drei
Viertel der Kirche von Ettlingenweier an das Kloster Reichenbach im
Murgtal schenken konnte, dann deutet das darauf hin, daß diese Kirche
einmal als Eigenkirche im Besitz dieser Familie war.
Es
geht nicht an, daß Gefolgsleute des Reginbodo Eigenkirchen oder zumindest
große Anteile davon besitzen, er aber nicht. Wie schon hingewiesen, dürfte,
zusammen mit dem Bau der Burg Waldenfels, der Bau einer Eigenkirche das
Erste gewesen sein, das die Reginbodosippe in Angriff nahm, nachdem sie
Forchheim verlassen und nach Malsch übergesiedelt war.
Ein
weiterer Aspekt erscheint interessant: Das Adelsgeschlecht der Ebersteiner
war später im Besitz der Malscher Pfarrkirche und vergab deren Einkünfte
als Lehen; ein weiterer Hinweis auf die Gründung durch die Reginbodos,
denn andere Beispiele zeigen uns, daß das, was als Eigengut vorher in Händen
der Malscher Grafen war, nach deren Verschwinden um 1120 in Händen der
Ebersteiner erscheint. Verwandtschaftliche Gründe scheinen naheliegend.
Noch
einen wichtigen Anhaltspunkt wollen wir erwähnen der im Patrozinium des
Heiligen Cyriakus begründet ist: Als
im Jahre 1091 die große Kirche von Hirsau vollendet war, befand sich dort
ein Altar, an dem St. Cyriak verehrt wurde. Was liegt näher, als daß
Reginbodo von hier den Patron für sein Geschlecht und seine Eigenkirchen
in Malsch und Stupferich übernommen hat.
Die
Sache wird noch zwingender wenn man weiß, daß am selben Hirsauer Altar
St. Dionysius verehrt wurde und dieser ist bis zum heutigen Tag der
Kirchenheilige von Ettlingenweier, derselben Kirche, die man als
Eigenkirche des schon erwähnten Liutfried (von Bruchhausen), Reginbodos
Gefolgsmann, kennt. Beide, Reginbodo und Liutfried dürften sich also die
Anregung zu den Namenspatronen ihrer Eigenkirchen von Hirsau geholt haben.
Im Jahre 1458 wird in Malsch eine neue Kirche
gebaut. Tatsächlich eine Neue oder ein Umbau der vorhandenen Kirche des
Reginbodo? Dem Autor liegen nur Auszüge der damaligen Korrespondenz vor,
doch wo sonst als an ihrem bis heute angestammten Platz hätte die
hochmittelalterliche Kirche, also die
Kirche der Reginbodos, gestanden haben sollen?
Die
Malscher hätten damals gerne ein Haus mit zwei Gewölben gehabt was ihnen
von der Obrigkeit verwehrt worden ist. Auch auf einen recht hohen
Kirchturm haben sie Wert gelegt.
Man
darf davon ausgehen, daß man 1458 auf der Kirche des Reginbodo gebaut
hat, denn lange schon vor diesem Bau besteht in Malsch eine Pfarrkirche
wie ja der Wechsel des Patronatsrechts an das Frauenkloster Lichtenthal
aus dem Jahre 1340 beweist.
Daß
mit dieser 1340 erwähnten Pfarrkirche nicht die heutige Kapelle St. Peter
gemeint sein kann, zeigt ein weiteres, bis heute übersehenes
Urkundenfragment aus dem Jahr 1402, welches ausdrücklich von einer Kapelle
St. Peter und der Pfarrkirche berichtet, wenngleich der Hinweis auf
den heiligen Cyriak darin fehlt. Doch dafür, daß zu irgendeiner Zeit ein
Patroziniumswechsel erfolgt wäre, gibt es keine Anhaltspunkte.
(Übrigens verrät uns
die oben erwähnte Urkunde noch weitere interessante Details aus der
Malscher Dorfgeschichte. So können wir die Liste der Pfarrherren zu
Malsch, aufgestellt von unserer verdienten Heimatforscherin Lore Ernst (DG
S. 395) ergänzen indem wir einen
noch früheren Pfarrherrn für Malsch feststellen. „Pfaff Cunrat
Hoppeltancz, Pfarrer zu Malsch“ siegelt im Jahre 1396 und 1402 zwei
Urkunden).
St.Cyriak als Malscher
Kirchenheiliger
Daß bei der Wahl des Kirchenheiligen nicht nur
dessen Heil- und Segenswirkung sondern auch die politische Überzeugung
des adeligen Stifters eine mindestens so wichtige Rolle spielte, haben wir
schon erwähnt und die Verbindung zu Hirsau nachgewiesen.
Zwar
ist die erste schriftliche Nachricht von St. Cyriak als Malscher Patron
erst aus dem Jahre 1683 überliefert, aber es gibt keinen Hinweis, daß
die Kirche vorher einen anderen Heiligen gehabt hat.
Der
Heilige Cyriakus gehört zu den Vierzehn Nothelfer. Schon in
karolingischer Zeit waren seine Gebeine nach Neuhausen nahe Worms überführt
worden. Als sein Todesjahr, er starb während der Christenverfolgung unter
Kaiser Maxentius, vermutet man das Jahr 304 oder 305.
Vor
allem vor schlechtem Wetter und Frost erwartet
man seinen Schutz so daß er als Schutzheiliger der Winzer gilt und
gerade in den Weinanbaugebieten, wie der Pfalz weit verbreitet ist. Die
katholische Kirche feiert ihn am 8. August.
Fassen wir
nochmals zusammen:
·
1057: Das
Adelsgeschlecht der Reginbodos erscheint als Grafen im Ufgau mit Sitz in
Forchheim
·
1069: Der
Selige Wilhelm (von Hirsau) trifft erstmals in Hirsau ein.
·
1075:
Wilhelm erhält von Heinrich IV. weitreichende Privilegien für Kloster
Hirsau.
·
1077:
Heinrich IV. in Canossa (Investiturstreit zwischen Kaiser und Papst)
·
1080: Aufblühen
der Hirsauer Reformbewegung
·
1082: Beginn
der Bautätigkeit in Hirsau
·
1085: Die
Kirche von Kloster Reichenbach, einer Filiale von Hirsau wird geweiht
·
1086:
Reginbodo verliert durch Heinrich IV. das Grafenamt und verlegt seinen
Sitz von Forchheim nach Malsch.
Ab
dieser Zeit gelingt es Reginbodo, ausgehend von Malsch, eine
Eigenherrschaft aufzubauen.
Bau
von Burg Waldenfels
Entstehung von St.
Cyriakus welche als Eigenkirche der Reginbodofamilie Pfarrkirche von
Malsch wird und dadurch St. Peter, entstanden wohl im 8.Jh. , als solche
ablöst.
Rodungstätigkeit
auf der Hochfläche entlang der Linie Freiolsheim-Völkersbach-Spessart
bis Stupferich.
·
1091:
Fertigstellung des Münsterbaus in Hirsau
·
1090 –
1097: Heinrich IV. in Italien, Deutschland fast sieben Jahre ohne Kaiser
·
Vor 1091:
Bau von St. Cyriak in Stupferich als weitere Eigenkirche.
·
(Nach 1091 möglicherweise
Bau der Kirche in Grünwettersbach, die Ähnlichkeit des Kirchturms mit
Hirsau ist außergewöhnlich, auch war Stupferich jahrhundertelang Filiale
von Grünwettersbach)
·
Zwischen
1103 und 1106: Reginbodo erlangt erneut das Amt des Ufgaugrafen
(Entweder
noch unter Heinrich IV. im Jahre 1103 anläßlich des allgemeinen
Reichsfriedens von Mainz oder ab 1106 unter dessen Sohn, Heinrich V.)
·
Um 1100:
Reginbodo nennt sich Graf von Malsch und macht Schenkungen an Hirsau, u.a.
die Kirche von Stupferich
·
1115:
Liutfried von Bruchhausen, Gefolgsmann von Reginbodo, gibt seinen Besitz
an Kloster Reichenbach im Murgtal, einer Filiale von Hirsau.
Als
Zeuge treten Reginbodo, zahlreiche Adelige des Ufgaus, der Ortenau, des
Pfinz- und des Kraichgaus auf. Ebenso sind nicht weniger als sieben Männer
aus Malsch erwähnt.
·
1340: Aus
der Hand des Ritters Wiegand von Berghausen geht das Patronatsrecht auf
das Cisterzienserinnenkloster Lichtenthal über. Dieser wiederum hatte es
als Lehen von den Ebersteinern gehabt.
·
1402: Eine
Urkunde berichtet uns von einer Kapelle St. Peter und einer
Pfarrkirche in Malsch.
·
1458: Bau
der spätgotischen Kirche in Malsch.
·
1826:
Erweiterung der Kirche. Nach einem Vermerk des Landesdenkmalamtes wurden
dafür die Steine der noch als Ruine bestehenden Burg Waldenfels fast
vollständig abgetragen und beim Bau des Gotteshauses verwendet.
Wir
haben erneut gesehen, welche Dominanz das Adelsgeschlecht der Reginbodos
in jenen Jahren für unser Dorf gehabt hat. Besonders das Wirken
Reginbodos (II.), des einzigen Grafen von Malsch, seine Energie bei der
Erschließung und Kolonisierung von neuem Siedlungsland und sein Glauben
an die Hirsauer Reformbewegung, haben bis heute ihre Spuren hinterlassen.
Im Mannesstamm vermutlich der letzte seines Geschlechts war sein
Tun trotzdem zukunftsorientiert und wirkt hinein bis in unsere Tage.
Dem
Versuch, das Wirken dieses Grafen für Malsch nachzuzeichnen, gilt auch
dieser Aufsatz.
So
hoffen wir, den interessierten Lesern über einen Abschnitt unserer
Ortsgeschichte, die gerade im 11./12.Jhd. auch Kirchengeschichte ist,
einiges Wissenswertes vermittelt zu haben
Mag
auch das Eine oder Andere zu kurz gekommen sein oder strengen,
wissenschaftlichen Maßstäben nicht ganz genügen, so soll man
nachsichtig sein und nicht vergessen, wie spärlich schriftliche Quellen
aus dieser Zeit vorhanden und wie schwierig diese zu lesen, zu übersetzen
und schlußendlich zu interpretieren sind.
Für
sachbezogene Kritik, Anregungen, ja sogar für Lob bin ich offen und
ausgesprochen dankbar und freue mich darauf. Für die zahlreichen Gespräche
und Diskussionen zum Thema Reginbodo und den daraus entstandenen
Anregungen darf ich unserem jungen Heimatfreund Thomas Meyer und unserem
jung gebliebenen Mitstreiter Eugen Heinzler aufrichtig danken.
Kontakte
zum Thema sind immer erwünscht!
*Für
diesen Beitrag wurden Teile einer von mir bislang unveröffentlichten
Dokumentation mit dem Titel „Burg Waldenfels in den Spielfinken – Die
Geschichte einer Burg aus salischer Zeit“ verwendet.
Gerhard
Bullinger
Kirche
in Grünwettersbach mit dem Kirchturm
nach Hirsauer Vorbild.
St.
Cyriak in Stupferich, die archivalisch nachgewiesene Eigenkirche des
Grafen von Malsch.
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